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Zeit der Zeppeline
von Andreas Zwengel
 
 
ZeppelinDer Zeppelin mit dem wohlklingenden Namen JulesVerne beschrieb einen sanften Bogen am strahlend blauen Himmel und stieß dann durch die geschlossene Wolkendecke hinab mitten in das bevorstehende Kampfgeschehen über dem Ärmelkanal.

Ein Konvoi aus vier amerikanischen Luftschiffen mit Heliumladung stand einer europäischen Blockade gegenüber. Bestehend aus zwei französischen Exemplaren der Firma Zodiac und einem Großluftschiff der Briten, das eigentlich für die Verbindung des Königreiches mit seinen Kolonien in Kanada, Australien und Indien entworfen worden war. Die Italiener und Spanier hatten jeweils ein Schiff zur Blockade beigetragen und die Deutschen zwei Luftschiffe der Marke Zeppelin. Der Himmel war reich gefüllt, und die Jagdflieger beider Parteien sausten zwischen den Luftgiganten umher. Zu allem Überfluss prasselte auch noch starker Regen gegen die strapazierfähige Außenhaut, und gleißende Blitze durchschnitten den düsteren Tag. Es war wie ein Abtauchen in die Hölle.

Die bedrohlich wirkenden Luftschiffe der Blockade schwankten leicht durch den Sturm, ansonsten schwebten sie beinahe bewegungslos am Himmel. Der Konvoi versuchte das eine oder andere Ausweichmanöver, doch jede Lücke wurde sofort geschlossen. Die Begleitflugzeuge beider Parteien provozierten die Luftschiffe, indem sie so dicht wie möglich an den Führergondeln vorbei flogen. Bisher war noch kein einziger Schuss gefallen, aber lange würde es sicher nicht mehr so friedlich bleiben.

Die JulesVerne platzierte sich demonstrativ zwischen Konvoispitze und Blockade. In ihren Abmessungen entsprach sie der ersten »Hindenburg«, und obwohl es längst wesentlich größere und modernere Luftschiffe am Himmel gab, gehörte sie doch zu den bekanntesten, was einzig der Verdienst von Konstantin Zander war.

Inmitten des Kalten Krieges, finanziell unabhängig, moralisch integer und von beiden Seiten gleichermaßen gehasst, pfuschte er mit seiner Besatzung in jedem Stellvertreterkrieg herum und machte sich Feinde gleich dutzendweise. Erst vor drei Monaten hatte der französische Geheimdienst versucht, die JulesVerne zu sabotieren. Als dies an die Medien gelangte, musste die Regierung öffentlich versprechen, nie wieder Hand an das Eigentum einer privaten Organisation zu legen. Natürlich glaubte niemand an die Einhaltung dieses Versprechens.

Man empfand Konstantin und seine Leute nicht unbedingt als Vermittler oder Friedensstifter. Meist waren die gegnerischen Parteien von ihrem Eingreifen bald so gereizt, dass sie sich kurzzeitig gegen sie verbündeten. Die Hülle der JulesVerne legte Zeugnis früherer Angriffe ab. Sie war schon mit so ziemlich allem beschossen und beworfen worden: Steine, Pfeile, Speere, Pistolenkugeln, Gewehrkugeln, Kanonenkugeln, Raketen und kleine Flugzeuge. Und auch diesmal machte sich Konstantin nicht die Mühe, all die MGs und Minikanonen zu zählen, die auf ihn gerichtet waren.

»Was sollen wir jetzt tun?«, fragte Jens Zander nervöser. Er war neu in der Gruppe und dies sein erster Einsatz.

»Abwarten«, antwortete Konstantin ruhig, und sein Gesicht blieb wie in den meisten Situation völlig ausdruckslos. An Bord der JulesVerne gab es zwar keine Dienstgrade, aber auch ohne offiziellen Titel stand fest, dass Konstantin Zander der Chef war. Sein Auftreten und sein Aussehen verliehen ihm eine aristokratische Aura. Das dunkle Haar war streng zurückgekämmt und der Schnurrbart sorgsam gestutzt. Er war zweiundzwanzig, als er das Kommando über die JulesVerne übernahm und damit der jüngste Luftschiffkapitän in der Geschichte. Man munkelte, dass er dieses Kommando dem Geld und dem Einfluss seines Vaters verdankte, und das entsprach absolut der Wahrheit. Aber Konstantin sah darin keinen Makel, denn er hätte es auch ohne die Unterstützung geschafft. Allerdings nicht so schnell und warum sollte er sich dafür schämen, dass er eine überflüssige Zeitverschwendung vermieden hatte? Schnelles Handeln schien ihm damals nötiger als alles andere. Als die Amerikaner ihre Mittelstreckenraketen in der Türkei stationierten und die Russen daraufhin ihre Raketen nach Kuba brachten, war für Konstantin der Moment, in dem seine Lebensplanung umschwenkte, und er nicht mehr Arzt, Anwalt oder Wissenschaftler werden wollte. Zumindest nicht mehr ausschließlich. An erster Stelle stand für ihn nun die Sicherung des Friedens. Die Zeit am Rande eines dritten, atomaren Weltkrieges hätte ausreichen sollen, um jedes vernunftbegabte Lebewesen aufzurütteln. Rückblickend konnte Konstantin nicht für alle Wesen auf der Erde sprechen, aber bei den Menschen hatte es jedenfalls nicht geklappt.

Sein Vater überlebte die Verkündung seiner Zukunftspläne nur knapp. Er war davon ausgegangen, dass Konstantin ihn in seiner wissenschaftlichen Arbeit unterstützen würde. Zumal er die Brillanz dafür besaß und mit jeder anderen Tätigkeit nur sein Talent vergeudete. Konstantin half seinem Vater zwar in jeder freien Minute in den Labors auf dem Familiensitz, aber das Problem war, dass es nicht besonders viele dieser freien Minuten gab. Besonders seit die Auseinandersetzungen um das Helium den Kalten Krieg immer wieder zum Aufkochen brachten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren große Mengen Helium in den Erdgasfeldern der amerikanischen Great Plains gefunden worden und hatten die USA zum führenden Weltlieferanten gemacht. Überall auf dem nordamerikanischen Kontinent wurden gewaltige unterirdische Reservoirs angelegt. Im größten von ihnen, in Amarillo, Texas, lagerten so ungeheure Mengen des begehrten Edelgases, dass der Rest der Welt vor Gier fast wahnsinnig wurde. Allein seit 1960 wurden zehn weitere Förderanlagen für Helium errichtet, das bedeutete eine pro Jahr, und von Kansas nach Texas baute die Regierung eine fast siebenhundert Kilometer lange Pipeline für den Transport. Trotz dieses Überflusses zogen die USA regelmäßig die Preisschraube fester an, und viele Gläubige im Nahen Osten fragten sich, weshalb Gott ausgerechnet den Amerikanern diesen wertvollen Rohstoff in den Boden gelegt hatte.

Auseinandersetzungen dieser Art waren an der Tagesordnung, und auch im aktuellen Konflikt stand die »JulesVerne« wieder einmal zwischen den Fronten. Konstantin hatte noch keinen Plan entwickelt, dazu war der Einsatz zu spontan erfolgt. Sofort nachdem er von der Blockade erfahren hatte, war die JulesVerne ausgelaufen und hatte sich hinter dem Anwesen der Zanders in die Luft erhoben. Die Mannschaft hielt sich in den zwei Stockwerken über ihm auf, im Inneren des Flugkörpers. Sie waren dabei, die Laboratorien zu sichern, die Krankenstation vorzubereiten und Verteidigungsmaßnahmen zu treffen. Konstantin legte das Halfter mit der Mauser an. Ein sicheres Zeichen, dass er mit einem Nahkampfgefecht rechnete. Er suchte das Abenteuer und hatte aus diesem Grund gleichgesinnte Mitstreiter um sich geschart.

Die Mannschaft der JulesVerne bestand aus vollbärtigen, sonnengegerbten Kerlen in robuster Kleidung und mit Entschlossenheit im Blick. Jeder von ihnen trug den Namen Zander. Das war eine der Bedingungen an Bord. Sie waren ein zusammengewürfelter und gleichzeitig handverlesener Haufen, wobei Konstantin sehr spezielle Anforderungen und Kriterien besaß. Außenstehende konnten kein Muster erkennen oder Maßstäbe benennen, nach denen er seine Besatzung auswählte. Es wirkte völlig willkürlich, unbedacht und leichtsinnig, aber der Erfolg gab ihm bald Recht, und die Zweifler und Spötter verstummten. Kein Mitglied der Besatzung war morgens mit dem Entschluss erwacht, Luftschiffer zu werden. In harten, anstrengenden Monaten hatten sie ihr Rüstzeug gelernt, und inzwischen war die Besatzung der JulesVerne ein eingespieltes Team. Der indische Chefkoch Somtow war gleichzeitig auch der Schiffsarzt. Funkoffizier Johann war nebenbei für die Elektrik zuständig. Ausgucksmaat Horst arbeitete auch als Mechaniker, und der Chefmechaniker Sergio war zudem für die Bewaffnung zuständig. Die Brüder Theo und Bernd waren Steuermänner, Navigatoren, Elektriker, Maschinisten und Mechaniker zugleich. Nur Neuzugang Jens war noch ausschließlich Pilot.

Ein Jagdflieger zog knapp am Cockpit der JulesVerne vorbei.

»Lästige Insekten«, knurrte Konstantin. Die Führergondel bestand aus dem Steuerstand und zwei abgetrennten Kabinen für Navigation und Funk. In letzterer saß Johann und versuchte Kontakt zu den verschiedenen Parteien herzustellen.

»Es gibt ja immer wieder Leute, die in den Flugzeugen die Zukunft sehen«, sagte Jens, während er dem pfeilschnellen Flieger nachsah.

»Dann sieh dir mal die Kerosinrechnung der Alliierten für den Zweiten Weltkrieg an.«

»Hätte man die Forschungsgelder für die Entwicklung anderer Transportmittel nicht gestrichen, könnte es heute wesentlich bessere Flugzeuge geben. Wenn Lindberg nicht über dem Atlantik abgestürzt wäre, hätten die Leute nicht das Vertrauen in das Flugzeug verloren. Plötzlich fühlten sie sich nur noch sicher, wenn ein großer Ballon über ihnen hing.«

»Wenn heute – was Gott verhindern möge – die Hindenburg IV über New York abstürzen würde oder die Graf Zeppelin VIII über Tokio, dann würde das zwar Irritationen auslösen, aber es könnte das Bild der Menschen nicht vollends erschüttern. Sie glauben an ihre Luftschiffe.«

»Die Leute lassen sich schnell verunsichern.«

Konstantin schnaubte.

»Ein Zeppelin ist doppelt so schnell wie ein Schiff und auf langen Strecken sogar schneller als ein Zug. Er hat eine größere Reichweite und eine höhere Tragfähigkeit als jedes Flugzeug und verursacht dabei weniger Lärm, weniger Treibstoffkosten und weniger Umweltbelastung. Außerdem kann er über jedem beliebigen Punkt zum Entladen schweben. Das sind alles klare Vorteile. Sieh doch aus dem Fenster, ist das nicht ein überwältigender Anblick?«, fragte Konstantin und wies auf das Dutzend Luftschiffe um sie herum. Am Himmel herrschte eine Pattsituation, und niemand schien aus verständlichen Gründen bereit, den ersten Schritt zu tun.

In diesem Moment ließ eine Explosion alle im Cockpit die Arme schützend vor ihre Augen heben.

»Eine der Begleitmaschinen ist explodiert.«

»Wer hat da geschossen?«

»Keine Ahnung, bei diesem Mistwetter kann man unmöglich ein Mündungsfeuer ausmachen.«

»Wollen wir hoffen, dass jetzt alle die Nerven behalten.«

Im selben Moment brach das Feuergefecht los. Seit dem Jungfernflug des LZ1 am 2. Juli 1900 über dem Bodensee hatte die Technik gewaltige Fortschritte gemacht. Schwenkbare Propeller hatten den Zeppelin in einen Senkrechtstarter verwandelt und seine Manövrierfähigkeit um ein Vielfaches verbessert. Jens gab volle Kraft auf den vertikalen Schub und brachte sie aufwärts aus der Geschossbahn. Ein paar Kugeln streiften die Unterseite der Gondel und unterstrichen damit, wie knapp es gewesen war.

Die US-Luftschiffe gaben die Konvoiformation auf und gingen in Verteidigungsstellung. Ihre verbliebenen Begleitmaschinen flogen Frontalangriffe auf die europäischen Luftschiffe, die die Blockade auflösten und sich verteilten.

»Meine Herren, wenn uns nicht ganz schnell etwas einfällt, dann fürchte ich, wir haben soeben wahrscheinlich den Ausbruch des Dritten Weltkrieges miterlebt.«

Bereits die erste Hindenburg war für Helium ausgelegt gewesen, doch die USA hatten den Export per Gesetz verboten. Als die Zeppelinwerke dennoch eine begrenzte Menge erwerben konnten, vereitelte Hitlers Einmarsch in Österreich im März 1938 und die damit verbundene Kriegsgefahr das Geschäft. In Frankfurt und Friedrichshafen wurde unermüdlich gebaut und weiterhin mit Wasserstoff gearbeitet. Zeppeline hatten die ganze Welt bereist: China, Indien, Afrika, Amerika und die Arktis. Aber allen war klar, wenn die Zeppeline eine Zukunft haben sollten, dann mussten sie neben ihrem Nutzen in der zivilen Luftfahrt auch ihre militärische Tauglichkeit unter Beweis stellen. Im Ersten Weltkrieg hatten sie viele Bombeneinsätze bewältigt, aber inzwischen gab es effektivere Vernichtungswaffen. LZ 130 wurde für Aufklärungsfahrten im Grenzgebiet eingesetzt, um den Funkverkehr abzuhören und Radarstellungen zu erkunden, aber das reichte nicht aus, um die hohen Produktionskosten zu tragen.

Am D-Day stellten sich den herannahenden Alliierten in der Normandie nur Stacheldraht und ein paar klägliche MG-Nester entgegen. Verstärkung und Nachschub konnten nicht zur Küste gebracht werden, weil die Wehrmacht selbst die Bahnverbindungen in Frankreich zerstört hatte. Dies war die Stunde der Zeppeline. Vielen Menschen hatte sich der Anblick der Flotte unauslöschlich eingeprägt, die den Himmel bedeckte und Panzer und schweres Gerät an die Küste transportierte. Leider befanden sich LZ-134 »Graf Zeppelin II« und LZ 135 »Hindenburg II« zu diesem Zeitpunkt mit unbekannter Fracht auf dem Weg nach Südamerika. Aber eine bessere Werbung gab es nicht trotzdem nicht. Das Bild wurde in den Wochenschauen, auf Fotografien in Zeitungen und Zeitschriften verbreitet. Es war ein Anblick, den niemand vergessen würde: Sieben gewaltige Zeppeline, die majestätisch in V-Formation zur Atlantikküste fuhren. Es waren prägende Bilder, und sie erweckten den Glauben, dass man auch ohne das Helium der Amerikaner weiterhin Erfolg haben konnte. Wasserstoff war wesentlich billiger und hatte aufgrund seiner Dichte eine höhere Tragfähigkeit, aber auch den unschönen Nachteil, dass es ziemlich leicht entzündlich war. Glücklicherweise wurde das folgende Desaster nur auf wenigen Fotos und noch dazu in schlechter Qualität festgehalten. Die englischen Spitfires stießen aus den Wolken herab und schossen die Luftschiffe der Reihe nach mit Leuchtspurmunition in Brand. Ein Gigant nach dem anderen ging als lodernder Feuerball zu Boden und begrub die dringend benötigte Ausrüstung unter sich.
Horst im oberen Ausguck meldete aufgeregt ein weiteres Luftschiff, das sich in der Wolkendecke verbarg.

»Dann lasst uns nachschauen, wer unser Agent Provocateur ist«, sagte Konstantin und klopfte Jens auf die Schulter. Die JulesVerne schraubte sich in einer Seitwärtsbewegung durch die Wolken nach oben. Ihr Ziel war nicht schwer zu finden und noch leichter zu identifizieren. Es war Sinola, ein skrupelloser Söldner unbekannter Nationalität, der sich für wirklich keinen Auftrag zu schade war. Konstantin konnte in diesem Fall nur spekulieren, wer die Hintermänner waren. Vielleicht die Russen, um anschließend ihre eigenen spärlichen Heliumerträge anzubieten? Die Flugzeugindustrie, um den Konkurrenten vom Himmel zu fegen? Oder arbeitete Sinola am Ende auf eigene Rechnung und hoffte, den Konvoi ausrauben zu können, nachdem sie sich gegenseitig vom Himmel geschossen hatten?

Die JulesVerne war das schnellere Schiff, aber Sinolas Blackbeard größer, stärker und schwerer. Es würde schwierig werden, einen solchen Riesen aus der Bahn zu schubsen.

»Fahrt den Kran aus, wir gehen Angeln«, befahl Konstantin in die Sprechanlage. Die JulesVerne holte das Piratenschiff schnell ein und stieg über es hinweg. Der riesige Haken baumelte etwa fünfzig Meter herab.

»Wir schnappen sie am Hinterteil und ziehen sie nach unten durch die Wolken. Unsere Freunde da unten werden Augen machen, wenn sie es nicht zu eilig hatten, sich gegenseitig zum Teufel zu jagen.«

Der erste Versuch scheiterte und der Haken schwang ins Leere. Sein Ausguck musste Sinola gewarnt haben, denn die Blackbeard begann mit Ausweichmanövern. Es dauerte eine ganze Weile, bis die JulesVerne in Position für einen zweiten Versuch war. Jens stand der Schweiß auf der Stirn. Konstantin stand hinter ihm.

»Okay, jetzt Fingerspitzengefühl, mach deine alten Fluglehrer stolz und beweise mir, dass es kein Fehler war, einen Siebzehnjährigen ans Steuerrad zu lassen.«
Die JulesVerne glitt langsam über die Blackbeard und bevor der Zeppelin der Luftpiraten abdrehen konnte, hatte sich der Haken in der hinteren Takelage verfangen.

»Wir haben sie«, rief Konstantin zufrieden aus, »jetzt zieh sie ran und wirbele sie ein bisschen rum.«

»Ich kann keine wilden Manöver machen, sonst reißt uns der Haken ab.«

»Gut, keine Kunststücke. Wir wollen sie gar nicht auf den Boden zwingen. Alles, was wir schaffen wollen, ist sie aus den Wolken zu ziehen und zu präsentieren. Und zwar, bevor es dort unten zu spät ist.«

»Kaum zu glauben, dass der Krieg seit 25 Jahren vorbei ist.«

»Viele sagen, er hat gar nicht aufgehört und ist sofort in den Kalten Krieg übergegangen. Übrigens, das war ausgezeichnete Arbeit.«

Es hatte gedauert, bis sich alle von der dunklen Zeit des Zweiten Weltkrieges erholt hatten, aber dann wurden Zeppeline zu einem weltweiten Verkaufsschlager. Es kam zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Innerhalb weniger Jahre war der Himmel angefüllt mit Zeppelinen und den Luftschiffen der Konkurrenz. Der Ausbau des Schienennetzes wurde nur sporadisch weiter betrieben. Autos beschränkten sich auf den Stadtverkehr und auch alle anderen Fortbewegungsmittel wurden meist im Nahverkehr eingesetzt. Die Hauptstrecken des Fernverkehrs blieben zwar in Betrieb, aber der Güterverkehr verlagerte sich in die Luft. Die Flugrouten waren deshalb heiß begehrt, und die Lotsen mussten die gewaltigen Luftschiffe wie an Perlenketten arrangieren, um sie innerhalb minimaler Zeitfenster zu bewegen. Die ganze Welt hatte sich in die Abhängigkeit des Heliums begeben, und der Export wurde immer wieder als Druckmittel eingesetzt. Diese Abhängigkeit bereitete vielen Leuten in Europa Kopfzerbrechen. Über eine Rückkehr zum gefährlicheren Wasserstoff wurde genauso diskutiert, wie über eine Verstärkung der Suche nach alternativen Treibgasen. Einige redeten sogar davon, den Güterverkehr auf Schiffe und Züge zu verlegen, aber es würde eine ungeheure Investition bedeuten, das Schienennetz auszubauen. Auch von der Verlegung auf die Straße wurde gesprochen, aber gegen diese Idee liefen alle Umweltverbände Sturm. Man würde Autos und Lastkraftwagen in ungeheurer Zahl produzieren müssen und das wollte niemand.

»Wir bekommen ein Problem, Chef«, meldete Johann vom Funkgerät aus.

»Noch eins?«

»Die Flugsicherung hat uns informiert, dass sieben russische Luftschiffe auf dem Weg hierher sind.«

Konstantin stieß einen lauten Seufzer aus.

»Es kommt noch besser. In jedem europäischen Land sind Jagdflieger aufgestiegen, und die werden wesentlich früher eintreffen. Scheint so, als wolle sich niemand die Show entgegen lassen.«

»Ein Grund mehr, sich zu beeilen.«

Beide Zeppeline boten die gesamte Kraft ihrer Maschinen auf, doch keiner von ihnen konnte einen deutlichen Vorteil erlangen. Konstantin rief Anweisungen in sein Mikrofon, doch der Maschinenraum gab ungerührt zurück, dass sie bereits die Höchstleistung aufboten.

»Nimm Verbindung mit den anderen Luftschiffen auf. Sie sollen jemanden schicken, der sich ansieht, was wir hier haben.«

»Sie sind misstrauisch. Niemand will sich in eine mögliche Falle begeben.«

»Verständlich.«

Die aktuelle Konfrontation war abzusehen gewesen. Das Monopol der Vereinigten Staaten war einfach zu mächtig. Es gefiel niemandem, ein einziges Land an den Hebeln der Macht zu wissen, um die Versorgung zu regulieren und den Preis zu diktieren. Langjährige Verträge wurden zwar nicht gebrochen, aber häufig genug bis zu den Grenzen der Auslegbarkeit gedehnt. Einige europäische Länder, die am vehementesten gegen die Preistreiberei protestiert hatten, wurden mit fadenscheinigen Gründen von der Versorgung abgeschnitten. Dieser Boykott wurde vor internationalen Gerichtshöfen verhandelt, doch währenddessen ging den Betroffenen das Helium aus. Die ohnehin antiamerikanische Stimmung verstärkte sich vielerorts, und man sprach offen darüber, sich das Helium notfalls mit Gewalt zu nehmen. Als man sie weiterhin von der Versorgung abgeschnitten hielt, hatten sie etwas dagegen, dass weiterhin Lieferungen in ihren Luftraum transportiert wurden und fanden sich in der Blockade ein.
Sinola schien zu dem Schluss gekommen zu sein, dass er auf anderem Weg von diesem Haken springen musste. Und zwar, indem er die JulesVerne enterte. Die Blackbeard gab plötzlich ihren Widerstand auf und glitt längsseits. Als Jens darauf reagieren wollte, splitterte die Cockpitscheibe über seinem Kopf.

»Scharfschütze«, brüllte er und rutschte vom Sitz. Johann und Konstantin zogen ebenfalls die Köpfe ein. In der Verkleidung des Propellermotors erschien ein Dutzend Löcher, stumpf in das Metall gestanzt, durch die sofort Rauch austrat. Der Propeller schwang aus.

»Motor 1 ist ausgefallen.«

»Sie haben uns manövrierunfähig geschossen.1

»Wenn das hier vorbei ist, findest du heraus, wer der Schütze ist«, rief Konstantin zu Johann.

»Und dann?«

»Dann machst du ihm ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann.«

Jens hob den Kopf.

»Was machen wir jetzt? Ziehen können wir ihn nicht mehr.«

»Wir tun dasselbe wie kleine Kinder, wenn die Mutter nicht gehen soll.«

»Wir flennen und schreien?«

»Nein, wir hängen uns schwer an sie dran. Blast die Tanks aus!«

»Glaubst du, das geht gut aus?«

»Unwahrscheinlich.«

Sie sahen winzige Gestalten auf der Oberseite der Blackbeard entlang laufen. Zweifellos waren sie unterwegs, um den Haken zu lösen, der sie festhielt. Der Scharfschütze versuchte das Seil zu treffen, doch so gut konnte er einfach nicht sein. Dann nahm er wieder den Durchgang zum Cockpit der JulesVerne unter Feuer, so dass niemand von oben durchkam.

»Warum haben wir eigentlich keinen Scharfschützen an Bord?«, fragte Bernd vom oberen Ende der Treppe.

»Das wird unsere nächste Anschaffung. Versprochen«, antwortete Konstantin.
Theo meldete sich mit hysterisch-hoher Stimme über die Sprechanlage. Wegen des ausströmenden Heliums klang er wie eine Trickfilmfigur.

»Wir kriegen die Tanks nicht schnell genug leer. Die schleppen uns einfach mit. Dir ist doch übrigens klar, was passiert, wenn die es schaffen, das Seil zu kappen?«

»Wir schlagen wie ein Meteorit auf die Südküste Englands.«

»Ich wollte nur sichergehen, dass du es weißt.«

Sofort gab es stürmische Proteste von Charles und Sebastian, den beiden Wissenschaftlern an Bord, die einige ihrer Proben und wichtige Unterlagen mit einer Rettungsboje absetzen wollten.

»Sie kommen immer dichter ran«, warnte Jens. Konstantin blickte zur Blackbeard hinüber und sah plötzlich vor sich das Glas des Cockpitfensters splittern. Eine Kugel streifte seine linke Wange, riss ihm das Fleisch von den Zähnen und zerfetzte sein Ohr. Kaum, dass er am Boden lag, bohrte sich eine Harpune in die Außentür und wenige Sekunden später wurde sie aus den Angeln gerissen und verschwand. Er presste sich ein Tuch gegen seine stark blutende Gesichtswunde und kroch rückwärts von der Öffnung weg.

Eine zweite Harpune flog herein und bohrte sich in die gegenüberliegende Wand. Der Harpunier der Luftpiraten hatte ein sicheres Auge. Das Seil spannte sich und Konstantin war sofort klar, dass sie sich bereit zum Entern machten. Konstantin sah das Enterkommando in der Tür der anderen Gondel stehen. Es waren fünf vermummte Gestalten, und sie klinkten gerade ihre Karabinerhaken in das Seil an der Harpune ein, um daran zur Gondel der JulesVerne zu gleiten. Das Seil straffte sich. Konstantin wagte es wegen des Scharfschützen nicht aufzustehen, also zog er die Mauser und begann, auf das Ende der Harpune zu schießen, wo das Seil befestigt war. Obwohl er ein ausgezeichneter Schütze war, konnte er nicht verhindern, dass zwei Querschläger durchs Cockpit schwirrten. Jens zog den Kopf noch weiter ein. Der erste Luftpirat hatte gerade seinen Fuß ins Cockpit gesetzt, als das Seil riss und ihn vom Eingang wegzerrte. Vielleicht würde es die Kampfhandlungen unter den Wolken unterbrechen, wenn plötzlich fünf Luftpiraten vom Himmel fielen.

Konstantins Hoffnung erfüllte sich schneller als erwartet. Ein amerikanisches Begleitflugzeug kam neugierig durch die Wolken geflogen. Der Pilot schien nicht wenig überrascht, einen zweiten Zeppelin anzutreffen und sprach aufgeregt in sein Funkgerät. Keine zehn Minuten später schob sich die Spitze eines Zodiac-Luftschiffes durch die Wolkendecke wie ein Wal, der durch die Wasseroberfläche bricht. Begleitet wurde es von den Jagdfliegern verschiedener Nationen. Und dann erhoben sich links und rechts von ihnen die Zeppeline und Luftschiffe aus den Wolken und bildeten einen Ring um die beiden aneinander hängenden Zeppeline. Die Blackbeard war mindestens so bekannt wie die JulesVerne und außerdem als Piratenschiff berüchtigt. Jeder Luftschiffkapitän erkannte sie sofort.

Angesichts der Übermacht ergab sich die Blackbeard ohne Widerstand. Die JulesVerne löste den Haken am Piratenschiff, und Konstantin befahl den Rückflug, bevor die beiden gegnerischen Parteien in die Verlegenheit kamen, sich bei ihm bedanken zu müssen, was sie ohnehin nur Zähne knirschend getan hätten. Die Heimreise der JulesVerne würde länger dauern, da sich der Zeppelin wegen des abgelassenen Heliums kaum noch in der Luft halten konnten, aber jetzt, wo die Kämpfe abgebrochen waren, hatten sie genug Zeit.

Natürlich war es ein brüchiger Friede. Die Kämpfe waren so schnell beendet gewesen, weil Konstantin ihnen völlig überraschend den Grund dafür genommen hatte. Keine Partei durfte sich nachsagen lassen, grundlos weiter angegriffen zu haben, ohne dadurch ins politische Abseits zu geraten. Der Konflikt selbst war noch nicht aus der Welt und würde wahrscheinlich zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort genauso oder noch schlimmer wieder aufflammen. Glücklicherweise hatte es kaum Verluste an Menschen und Material gegeben, so dass alle Parteien einen vorläufigen Rückzug akzeptieren konnten, ohne befürchten zu müssen, das Gesicht zu verlieren. Die oberflächlichen Schäden würden in den Heimathäfen schnell behoben sein. So drehte der US-Konvoi ab und nahm einen Umweg über das Mittelmeer in Kauf, während auf diplomatischem Wege die weitere Reiseroute besprochen und neue Verhandlungsschritte eingeleitet wurden. Dieses kleine Scharmützel hatte vielleicht mehr Leuten die Augen geöffnet, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte.

Konstantin Zander sank erschöpft gegen die Armaturen. Er hatte sich endlich erlaubt, der Schwäche durch den Blutverlustes nachzugeben. Auf seiner linken Körperhälfte war die Kleidung mit Blut getränkt und durch die klaffende Fleischwunde sah er aus, als würde er grinsen. Ein gruseliger Anblick. Somtow brachte ihn in seine Kabine und spritzte ihm ein starkes Schmerzmittel. Es begann augenblicklich zu wirken, und Konstantin stellte den Plattenspieler an, bevor er in sein Kissen sank. Somtow zog mit zugekniffenem Auge und aus dem Mundwinkel gestreckter Zungenspitze einen Faden durch das Nadelöhr, um Konstantins Wunde zu nähen.

In wenigen Monaten endete das Jahrzehnt, vielleicht brachten die Siebziger etwas Entspannung. Die Amerikaner würden ihr Monopol nicht ewig besitzen, da man Heliumvorkommen in Kanada und Polen vermutete. Gerüchten zufolge hatte auch Russland ergiebige Vorkommen in den Tiefen Sibiriens gefunden, dies aber noch nicht an die große Glocke gehängt. Es gab die wildesten Spekulationen. Ein griechischer Hellseher hatte im Fernsehen sogar gewaltige Vorkommnisse in Algerien vorausgesagt, aber da bisher dort niemand die geringsten Hinweise gefunden hatte, schenkte man ihm nur wenig Beachtung.

Die Musik setzte ein. Nach Konstantins erstem Einsatz über London hatte ihm ein gleichaltriger englischer Musiker namens James Patrick Page einen glühenden Verehrerbrief geschrieben und daraus war eine langjährige Korrespondenz geworden. Inzwischen war er Gitarrist einer neuen Band namens »Led Zeppelin«, und auf dem Cover ihres ersten Albums war die aufsteigende JulesVerne zu sehen.

Fortsetzung: Liga der Zander
 
Sites
Liga der Zander
von Andreas Zwengel (Die Forsetzung von »Zeit der Zeppeline«)
 
Ausgerechnet Alaska
von Andreas Zwengel, Siegerstory des Being Boyle Wettbewerbs von www.tcboyle.de 2007
 
 
Shoppen
Dark Future
Dark Future
SF-Anthologie inkl. »Unplugged« von A. Zwengel, erhältlich über romantruhe.de
 
Verstrickte Fälle
Verstrickte Fälle
Kurzkrimi-Anthologie
inkl. »Blackout« von A. Zwengel, Rosamontis Verlag 2007
ISBN 3-940-21207-5
 
Alles außer Mord
Alles außer Mord
Krimi-Anthologie
inkl. »Todesmelodie« von A. Zwengel, Edition Leserunde 2008
ISBN 3-940-38712-6
 
Dumm gelaufen
Dumm gelaufen
Unterhaltsame Short Storys, inkl. »Paradies der Kühlschränke« von A. Zwengel, Edition Leserunde 2008
ISBN 3-940-38711-8
 
ad astra
Erinnerungen
an die Zukunft

ad astra, Band 108, inkl. »Das Ende der Zukunft« von A. Zwengel - auch als Hörbuch erhältlich.