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Detektivroman (Auszug) von Hardy Crueger
© 2006 Hardy Crueger, Verlag Andreas Reiffer, Braunschweig |
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Sein Blick war klar und ließ sich auch von den Schlieren, die der Sprung in den Fettnapf des heutigen Tages hinterlassen hatte, nicht trüben. Es war sein Job, eins und eins zusammenzuzählen und daraus eine drei, viereinhalb oder vielleicht sogar eine fünf zu konstruieren. Der Teufel steckte oft im Detail und seine Aufgabe war es, ihn zu entdecken. In genau diesem forensischen Exorzismus hatte er sich die letzten 10 Jahre ausgiebig geschult. In dem vorliegenden Fall bestand der Fehler darin, dass das ursprüngliche Bild der alten Frau mit den zersausten Haaren vor der Kirche zwei Krücken gezeigt hatte, während auf dem aktuellen nur noch eine zu sehen war.
Als er den Unterschied in der Aufzeichnung seiner Erinnerung und der Gegenwart erkannt hatte, pumpten Drüsen Enzyme und Hormone in seinen Kreislauf und bereiteten seinen Körper zum zweiten Mal an diesem Abend darauf vor, eine aggressive Konfrontation zu provozieren.
Er sah die Alte zwischen den parkenden Autos, als er aus der Gasse trat. Sie war auf dem gegenüberliegenden Fußweg stehen geblieben. Die Gehhilfe weit von sich gespreizt, stocherte sie mit der freien Hand in der störrisch zuckenden Plastiktüte. Dabei hatte sie etwas von einem Storch, der sich in einer verrückten, verschlungenen Position eine ganz bestimmte, nur schwer zu erreichende Stelle unter dem Flügel zu putzen versucht.
Rick fokussierte Kapoor, Şahin und van der Wische, die vielleicht 20 Meter vor der alten Frau über das Pflaster des Bürgersteigs schlenderten und sich unterhielten. Eine entfernte Kirchturmglocke schlug die volle Stunde und ihr Klang weckte das konditionierte Gefühl von Frieden und Sicherheit. Rick zuckte die Schultern. Es war alles in Ordnung. Er hatte sich wohl getäuscht. Im Umdrehen streifte sein Blick noch einmal die Seniorin. Ein Stromstoß von mehreren Tausend Volt zischte durch seinen Körper. Sein Bewusstsein zog sich eine Sekunde zurück, um dann wie ein Tsunami zurückzukehren und sein Gehirn in Panik zu ertränken. Alle Funktionen seines Körpers liefen blitzartig auf Hochtouren. Er wurde blass, sein Herz raste und pumpte das Blut in die Muskeln seiner Beine, als er aus dem Stand heraus zu dem Sprint seines Lebens ansetzte. Der Storch hatte aufgehört nach der beißenden Stelle unter seinem Flügel zu suchen. Die Krücke lag am Boden und der lange spitze Schnabel war weit nach vorn gestreckt. Nur war es kein schlanker roter Storchenschnabel, der genau auf die Gruppe vor ihm zielte. Es war die schwarze Silhouette einer hässlichen, großkalibrigen Faustfeuerwaffe.
Der Agent wurde so schnell, dass sich die Zeit um ihn herum scheinbar verlangsamte. Sein Herz pumpte und er hetzte in langen hektischen Sprüngen über die Straße wie ein hungriger Leopard, der nur noch wenige Meter von seiner lang ersehnten Beute entfernt ist. Nachdem er die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, presste er Atemluft aus seine Lunge hinaus in die trügerische Welt und schrie. Sein panischer Schrei ließen den Imam und seine Eskorte in ihren trägen Bewegungen innehalten. Mr. Kapoor drehte sich als Erster um. In seinem Gesicht keimten Überraschung und Erkenntnis, vermischt mit unsagbarer Verzweiflung und aufgebender Gelassenheit. Er konnte nichts mehr tun. Ein roter Laserpunkt zeichnete seine Stirn. Er war tot.
Der bellende Knall des Schusses ließ Ricks Kreislauf fast zusammenbrechen. Das Projektil durchschlug den Stirnknochen des Schädels über den Augen des Bodyguards. Ein Trichter aus Knochensplittern, Gehirnmasse und Blut schoss hinter seinem explodierenden Kopf hervor, als das Projektil die dicke Knochen-platte des Hinterhauptes zersprengte.
Auch die Übersetzerin und der Prediger hatten sich umgedreht. Mr. Kapoors Blut und Hirnmasse sprenkelten ihre Gesichter wie mit einem furchtbaren Ausschlag. Sie waren nicht in der Lage zu reagieren. Der Tod lähmte ihre Körper.
In der Sekunde, als automatisch eine neue Patrone in den Lauf der riesigen Waffe geschoben wurde, hatte der Agent die Attentäterin fast erreicht. Sie kümmerte sich nicht um seinen hysterischen Schrei, sondern war in die schwere Waffe und das Ziel, das sie hatte treffen wollen, versunken. Nachdem der erste Schuss abgefeuert war, verzögerte sich der Zweite dank Ricks Auftauchen aus einem Raum und einem Zusammenhang, die der Frau völlig unverständlich waren. Sie hatte den Typen in der Khakihose gesehen, als sie aus der Nebenstraße gekommen war und das Terrain gesichert hatte - aber von hinten, wie er sich aus dem Aktionsgebiet entfernt hatte. Warum, verdammte Scheiße, war der plötzlich hinter ihr? Und so nah? Sie konnte den Aufprall seiner Füße auf dem Asphalt hören. Egal, sie hatte das Ziel noch nicht erreicht und brauchte höchstens noch eine Sekunde, um ihre Arbeit zu erledigen. Alles andere war zweitrangig. Entdeckt zu werden und sogar ihr eigener Tod wären nutzlos, wenn das Ziel nicht erreicht war. Scheiß auf den Tod, dachte sie, erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Nachdem es ihr gelungen war, die Störung aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen und mit ruhigen Händen den Laserpunkt auf den Kopf des Imam zu richten, der im nächsten Augenblick im Begriff sein würde sich zu Boden zu werfen, wurde sie, als ihr Zeigefinger den Abzug bereits vier Millimeter durchzog und, wie sie sicher wusste, der Bolzen sich innerhalb der nächsten zwei Millimeter lösen würde, von einem Stoß derart aus dem Gleichgewicht gebracht, dass das Projektil die Hauswand einen Meter neben dem paralysierten Prediger streifte und mit dem heulenden Ton eines Querschlägers in die laue Abendluft davon sauste.
Rick war mit weit ausladenden Schritten gegen die Frau gestolpert und hatte ihr einen Stoß versetzt, der dem Imam das Leben rettete. Doch sofort hatten sie beide taumelnd ihr Gleichgewicht wiedergefunden. Die Pistole wurde herumgerissen und ein roter Punkt hing zwischen Ricks Augen.
Bebend starrte er in die kleine böse Öffnung, aus der Tod und Verderben hervorschießen, dann in das Gesicht hinter der Waffe, und in der nächsten Sekunde wurde die Wirklichkeit immer diffuser. Die Frau wurde immer jünger, wuchs und war inzwischen fast so groß wie er selber. Auf ihrem Gesicht lag etwas, das Rick schon einmal bei den Akteuren eines Straßentheaters gesehen hatte. Es war nicht zu glauben - die Falten waren nicht in ihre Haut eingegraben - sie waren aufgemalt! Das graue zersauste Haar gehörte ebenfalls zu der Mimikry. Durch den Stoß war es verrutscht und hing auf der einen Seite viel weiter den Kopf herab als auf der anderen. Dann blickte Rick der Frau in die blauen Augen und seine Verwirrung paarte sich mit irrer Überraschung und so vollkommenem Unverständnis, dass er nicht in der Lage war zu reagieren. Reflexe übernahmen die Steuerung seines Körpers. Von den uralten, vormenschlichen Bereichen seines Gehirns wurde Todesangst mit Lichtgeschwindigkeit durch seinen Körper gepeitscht. Er riss die Augen und den Mund auf. Er atmete stoßweise und wünschte sich Flügel. Er zitterte. Er war tot. Peng.
Die Schimäre betätigte aber nicht den Abzug der Pistole, um Rick zu töten. Gegen alle Chancen und Wahrscheinlichkeiten, die ein Statistiker als verschwindend gering ausgerechnet hätte, und gegen alle Logik eines Attentäters, öffnete sie den Mund und sprach.
»Merde!«, zischte sie mit dem heiseren Bass eines Mannes. »Du schon wieder? ... Xaver Django!«
Die gelähmten Reflexe des Agenten reagierten viel zu spät und viel zu schwach auf den Schlag. Die schwere Waffe in der Faust des Zwitterwesens erhöhte die Wucht des Aufpralls, mit dem seine Schläfe getroffen wurde. Eine Supernova explodierte in einem gleißenden Licht. Die Haut platzte auf und sein Blut sprudelte mitsamt allen Sternen der Galaxie aus der Wunde. Es tropfte auf die blasphemische Botschaft seines T-Shirts und auf die Pflastersteine des Bürgersteigs. Rick wankte und taumelte betäubt hin und her, ging in die Knie, und als sein Kopf auf dem Boden aufschlug, stürzte auch sein Bewusstsein in das schwarze Nichts des Todes. Peng. |
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Experten
Detektivroman Bd. 3
von Hardy Crueger
Verlag A. Reiffer
2006
ISBN 3-93489-690-1 |
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