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Trüffelschweine - das zweite Jahr tcboyle.de
Mit zwei Jahren kackt man noch in die Hose, man kleckert beim Essen, hat einen sehr begrenzten Wortschatz und es fehlt - bis auf den Schrei nach neuem Fläschen und Windelwechsel - an Durchsetzungsvermögen. So ist das bei den Menschen. Wie gut, dass Internetseiten viel schneller erwachsen werden, sofern man daran arbeitet. Von Holger Reichard
 
 
Holger Reichard und TC Boylewww.tcboyle.de feiert seinen zweiten Geburtstag, und ich freue mich, das schreiben zu können. Nicht, weil ich so auf Jahrestage stehe, sondern weil ich sie gern zum Anlass nehme, innezuhalten, kurz einen Blick in den Rückspiegel zu werfen und einmal kräftig durchzuatmen. Darauf möchte ich vor allem in diesem Sommer nicht verzichten, denn das zweite Jahr tcboyle.de hatte es in sich. Das war zu erwarten, im Detail aber nicht vorhersehbar, womit sich wieder einmal das Sprichwort bewahrheitet, dass es erstens immer anders kommt und zweitens als man denkt.

Es begann an einem Abend im Oktober 2004. Ich war mit meinem eigenen »Raconteur's Club« unterwegs, ein paar Bierchen lupfen, eigene Projekte ins rechte Licht rücken, über Künstlerkollegen ablästern, das übliche Programm. Als ich spät in der Nacht nach Hause kam und aus reiner Gewohnheit noch einmal den Anlasser des PCs betätigte, stellte ich überraschend fest, dass sich die Zugriffszahlen auf tcboyle.de schlagartig verdoppelt hatten. Was war passiert?

Der Boyle-Roman »América« (Orig. »The Tortilla Curtain«) war in vielen deutschen Schulen zur Pflichtlektüre erklärt worden. Und unsere Internetadresse tauchte erstmals in einem Schulbuch auf. Der Übersetzer Werner Richter hatte mir diese Entwicklung lange vorher prophezeit. Aber wer konnte damit rechnen, dass dies quasi über Nacht geschehen würde?

Die Folgen für unsere Website waren nicht auschließlich positiver Natur. TC Boyle wird es wissen. Nicht ohne Grund entschuldigt er sich immer wieder bei jungen Lesern, dass sie gezwungen werden, seine Romane und Kurzgeschichten zu lesen. Ich selbst erhielt im Laufe des Jahres eine bemerkenswerte Zahl an unschönen eMails, in denen Schüler die amerikanische Pflichtlektüre verfluchten und Boyle viele Krankheiten an den Hals wünschten.

Das soll aber kein schlechtes Licht auf den deutschen Nachwuchs werfen. Denn zum einen meldeten sich nicht weniger Schüler zu Wort, die begeistert von »América« waren und Boyle auf ihre Liste der Lieblingsschriftsteller setzten. Zum anderen erinnere ich mich noch gut an meine eigene Schulzeit, in der wir unter anderem die »Schöne neue Welt« lesen mussten und ich Aldous Huxley dafür auf den Mond geschossen hätte -, wenn eine Rakete und Huxley selbst noch verfügbar gewesen wären.

Meine Meinung über Huxley hat sich inzwischen nicht unwesentlich geändert, und deshalb sei auch allen Schülern, die sich von Referaten bedroht fühlen, an dieser Stelle verziehen.

Zum Jahresende 2004 war der Trubel um »Dr. Sex« in den USA bereits am Abklingen. In Europa hatte er noch gar nicht begonnen, sieht man einmal von dem kleinen Fleckchen Erde ab, das ich bewohne. Ich ging zu dieser Zeit bereits mit »Dr. Sex« ins Bett und beteiligte mich mit Vorschlägen am Aufbau von www.tc-boyle.de, der Boyle-Website der Verlage dtv, Hanser und Hörverlag.

Zudem schlossen wir unseren zweiten Being Boyle Short Story Wettbewerb ab, der dieses Mal überraschend von Werner Richter gewonnen wurde, wobei die Überraschung nicht darin lag, dass er den Contest gewann, sondern dass er daran teilnahm. Erfreulicherweise wusste das nur ich, denn die Wahl der Siegerstory verlief anonym. Es war (für mich) ein äußerst unterhaltsames Voting. Nicht weniger interessant: die Urteile der Jury-Mitglieder.

Leicht wurde es dem Herrn Übersetzer nicht gemacht. Allen Geschichten des Wettbewerbs wurde eine hohe Qualität bescheinigt, was sich unter anderem darin äußerte, dass wir eine Anfrage von Kölner Schauspielern bekamen, ob sie die Storys im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung vorlesen könnten. Es ist zwar bislang nicht dazu gekommen, aber vielleicht gelingt uns ein solcher Coup ja mit dem nächsten Contest (Start 2006/2007).

Kontakte zu Künstlern aus anderen Bereichen gab es übrigens mehrere. Als Beispiel möchte ich eine junge Band erwähnen, die den Anfang der Boyle Short Story »Sammlerinnen und Jäger« (Orig. »Filthy with Things«) benötigte - als Zitat für ihr erstes englischsprachiges Album. Mit Hilfe von US-Forum-Member Mimi konnten wir den Jungs weiterhelfen und warten nun zuversichtlich auf eine Erwähnung in ihren credits.

Besonders gefreut habe ich mich jedoch über den gemeinsamen Auftritt von TC Boyle und dem Jazztrio »Water Music« in Hamburg im Mai 2005. An dieser Zusammenarbeit haben wir ein bißchen mitgeschraubt und damit den Sinn und Zweck einer Website wie tcboyle.de nach meinem Verständnis mehr als erfüllt.

Aber jetzt bin ich zu schnell. Wir sind noch mitten im Januar 2005. Es war die Woche der Schweizer. Oder präziser ausgedrückt: die »Schweizer Weltwoche«. (Hallo Konrad Tönz!) Sie machte den Anfang mit der Berichterstattung über die Veröffentlichung von »Dr. Sex« in Europa. Sandro Benini hatte dazu Boyle in Kalifornien besucht und mir später auf Anfrage mitgeteilt, dass die Infos auf tcboyle.de sehr hilfreich gewesen sein sollen, als er sich auf das Gespräch mit dem Schriftsteller vorbereitet hatte. Auch das freut mich besonders. Denn Ziel unserer Website ist bekanntlich, nicht nur für Fans, sondern auch für Schüler, Lehrer, Studenten UND Journalisten da zu sein.

Nach wie vor vergeht kaum ein Tag, an dem nicht mehrere namhafte Medien auf unseren Seiten zu Gast sind. Magazine und Rundfunkanstalten wie BRIGITTE, Bolero, Bayrischer Rundfunk (BR) oder Radio Berlin-Brandenburg (rbb) setzten Links zu tcboyle.de. Das hat zwar nicht zwangsläufig viele Zugriffe gebracht, gefreut hat es uns aber dennoch.

Vielleicht noch kurz ein Wort zum Schweizer Lifestyle-Magazin Bolero. Dort wurde im Frühjahr 2005 ein Kurzgeschichtenwettbewerb ausgeschrieben. Zu gewinnen gab's unter anderem einen gemeinsamen Auftritt mit TC Boyle in Zürich im Mai. Deshalb konnten es sich einige de-Messagistas nicht nehmen lassen, an diesem Contest teilzunehmen. Es wäre schön gewesen, Boyle hätte zur Preisverleihung einen von uns die Hand schütteln müssen. Leider schafften wir es bei rund 450 Einsendungen »nur« unter die besten 60, und so viele durften nicht zu Boyle auf die Bühne.

Neben dem Verfassen von Short Storys vertrieben wir uns die Zeit mit dem Sammeln von TCB-Interviews und Buchbesprechungen von »Dr. Sex«. Darin waren wir hingegen so erfolgreich, dass wir beim Hanser Verlag jetzt einen Ruf als Trüffelschweine genießen.

Unseren gemeinsamen Auftritt mit TC Boyle bekamen wir schließlich auch noch: im Mai 2005, als er zusammen mit Jan Josef Liefers auf Lesereise durch Deutschland und die Schweiz ging. Wir waren in Köln, Düsseldorf und Berlin dabei.

Unglücklicherweise wurde dem Filmteam, mit dem ich unterwegs war, wenige Minuten vor der ersten Begegnung mit Boyle die Kameraausrüstung (Wert ca. 5.000 Euro) aus dem Auto gestohlen. Wie sich herausstellte, waren wir nicht buchstäblich ein Opfer der »Versteckten Kamera« geworden. Das Arbeitsgerät war tatsächlich verschwunden, sodass wir Boyle mit einem gequälten Lächeln und metertiefen Sorgenfalten begrüßen mussten.

Mit Hilfe einer Leihkamera bekamen wir das Problem zunächst in den Griff, und dank eines hervorragend aufgelegten amerikanischen Schriftstellers (der übrigens meinte, er hätte uns die Kamera gestohlen) mussten wir im weiteren Verlauf der Lesetour nicht weiter an das Malheur denken.

Die Lesereise wurde schließlich ein voller Erfolg. Boyle hatte daran den größten Anteil, aber auch viele andere Bekanntschaften, die wir im Mai machten, ließen die Lesereise zu einem außergewöhnlichen Ereignis werden: Schauspieler Jan Josef Liefers, Illustrator Henning Wagenbreth (»Der Polarfoscher«), Übersetzer Dirk van Gunsteren, Hanser-Lektorin Anna Leube sowie WDR-Moderator und TCB-Intimus David Eisermann.

Hervorheben möchte ich noch Boyles Auftritt in Stefan Raabs »TV Total«. Über 1.000 Besucher hatten wir kurz nach dem Auftritt auf unseren Seiten. Ich hatte Boyle kurz zuvor gewarnt, dass er sich vor Stefan Raab in Acht nehmen sollte. Als ich die Sendung dann ein paar Tage später zu sehen bekam, konstatierte ich, dass ich wohl besser Stefan Raab vor Boyle hätte warnen sollen ...

Stefan Raab (zu TC Boyle): Authors in Germany looks different. You look like … how can I explain you … ein bißchen so wie aus der BiFi-Werbung. There’s a commercial, you won’t know it, it’s about sausage ...

TC Boyle (zu Stefan Raab): So, you know, I’m also a ‘Herr Doktor Professor’ auf English. So, this is how professors look as well in America.

Anfang Juni 2005 legte sich dann der Hype um TC Boyle, wir fielen ins Sommerloch, wurden nur noch einmal kurz hochgeschreckt, und zwar Ende Juni, als die Online-Redaktion des Computermagazins »c't« uns mit einem ihrer Artikel verlinkte, in dem es um die Staubabsaugung von Computern ging.

Der c't-Link führte zu einer Diskussion in unserem Message Board, in der wir über Männer sprachen, die folgenschwer mit einem Staubsauger der Marke »Kobold« masturbiert hatten. Der Link brachte uns an nur einem Tag 2.500 visits und über 6.000 page views sowie zeitweilig bis zu 65 Boardgäste. Geschrieben hat keiner was, sie haben alle nur gelesen, was man mit einem Staubsauger alles anstellen und anrichten kann - außer staubsaugen.

Soweit das zweite Jahr von tcboyle.de. Was kommt als nächstes? Im Dezember 2005 wird Wassermusik als NDR-Hörspiel, kurze Zeit später auch als Audiobuch erscheinen. Und für 2006 dürfen wir uns auf den neuen Roman» Talk Talk« freuen.

TC Boyle wird zu dieser Veröffentlichung sicher nicht nach Europa kommen. Deshalb wollen wir ihn und vielleicht auch einige der com-Messagistas in den USA besuchen. Ob und wann wir zu dieser Reise aufbrechen, lässt sich noch nicht sagen.

Was bleibt, ist zunächst einmal ein unvergessliches Jahr und die Überlegung, selbst ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden. Das kann nicht anstrengender sein, als Fan eines erfolgreichen Schriftstellers zu sein.

Holger Reichard, 31. Juli 2005
 
E-Werk, Köln
Die Ruhe vor dem Sturm: Das E-Werk in Köln, zwei Stunden vor dem Auftritt
von TC Boyle.
 
Seitensprünge
www.tcboyle.de
Die deutschsprachige Website des amerik. Schriftstellers TC Boyle
 
www.tcboyle.com
Offzielle Website des Schriftstellers TC Boyle
 
www.tc-boyle.de
Website der Verlage Hanser, dtv, hörverlag
 
www.sagmal.de
Holger Reichard über tcboyle.de - Interview