Von Thomas Utzinger
ICH HABE MIR NIEMALS viele Gedanken darüber gemacht, was für ein verdammtes Glück wir alle haben. Wir. In unseren festen Häusern aus Stein. Wir. Auf unseren betonierten Pfaden. Wir. Mit dem Supermarkt um die Ecke und den Polizeipatrouillen, die uns schützen, in der Nacht.
In der Stadt bin ich oft einsam gewesen, habe mich verlassen gefühlt, aber ich irrte: In Wahrheit war ich nie allein. Einsamkeit ist jetzt, ist der Wald um mich herum. Sie pocht an meine Schädeldecke, kocht mich aus von innen. Ein abscheuliches Gefühl der Hitze in einer Welt, die zu ertrinken droht im Regen, der seit 72 Stunden fällt.
Regen.
Drei Tage pralles Prasseln. Tropfen, die sich wie Würmer winden, bevor sie millionenfach in die feucht geschwollene Erde eindringen. Die unbefangene Fruchtbarkeit der Natur stößt mich ab: keimende Knospen, kopulierende Kröten, der ganze widerliche hyperfertile Haufen.
Drei Tage.
Seit drei Tagen liege ich in diesem verfluchten Zelt, ernähre mich von holländischem Genmais, getrocknetem Rindfleisch und fad-lauwarmen Dosenbier, während ein vergifteter Pfeil phallisch aus meinem Oberschenkel hervorragt und der Wundbrand wie ein wahnsinniger Wanderprediger die klaffende Öffnung in meinem Bein durchzieht.
Rettung ist nur eine Illusion.
Ich hätte mich niemals auf diesen Trip einlassen sollen. Gerade einmal sechs Wochen ist das jetzt her. Sechs Wochen und eine ganze Welt. 15.000 km. Gute dreizehn Flugstunden, Umsteigen in Bangkok. Aber das geht jetzt wohl zu schnell. Ja, ich will es erzählen. Aber langsam. Sachte. Der Reihe nach.
Vor sechs Wochen saß ich an einem sonnenverpesteten Freitagnachmittag mit einem Beck's in der Hand auf dem blutroten Polster meiner IKEA-Couch und schaute fern. In der Küche brutzelte ein dickes Holzfällersteak seiner Bestimmung entgegen. Draußen krakeelte eine Bande Halbstarker, demonstrierte Macht mit den Auspuffrohren ihrer Mofas. Ich war allein. Meine Frau hatte mich ein Jahr zuvor verlassen, und jetzt war ich ein 42jähriger, leidlich attraktiver und wohlhabender Single, ohne Frau, ohne Job und ohne größere Probleme als der Entscheidung zwischen meinen beiden Lieblingskneipen jeden Abend. War ich zufrieden? Von meinen Reserven würde ich gut noch eine Weile in genüsslicher Agonie vor mich hin leben können. Und dieses Wochenende war das nicht anders, ich hatte nichts Besonderes vor: etwas Musik hören vielleicht? Weggehen. Drei oder vier Bier zuviel trinken, das übliche Programm, Sie wissen schon. Aber so kam es nicht. Es kam ganz anders.
Just in dem Augenblick, in dem ich argwöhnisch den stetig sinkenden Pegelstand meines hopfenhaltigen Frischgetränks schräg von links unten beäugte, klingelte es an der Tür, das Telefon begann zu läuten, und der Geruch verbrannten Fleischs drang mir aus der Küche entgegen. Heute frage ich mich, was geschehen wäre, hätte ich mich anders entschieden. Vielleicht stand damals meine Frau vor der Tür, um mich um eine zweite Chance anzuflehen. Ich hätte sie hereinbitten und zu einem noch nicht völlig verkohlten Steak einladen können. Anschließend hätten wir uns auf dem Küchenboden geliebt, zweite Flitterwochen verlebt, und alles wäre wieder so geworden, wie es niemals gewesen war. Stattdessen ging ich ans Telefon. Und kurz darauf saß ich im Flugzeug, war unterwegs nach Recan, einer kleinen Insel im Sulu-Archipel.
An Urlaub hatte ich zu diesem Zeitpunkt seit gut drei Jahren nicht mehr gedacht. Während meiner Ehe waren wir Jahr für Jahr von Küste zu Küste gefahren, und jeder Strand war gleich, und jeder Sommer war derselbe. Florida, Vietnam, Mallorca. Kapstadt, San Francisco, Lissabon. Die Sprachen unterschieden sich, aber die Worte blieben dieselben. Selbst die wenigen Orte, die wir noch nicht kannten, wussten mich nicht mehr zu reizen, weil ich mir zu gut vorstellen konnte, wie es dort aussah. Etwa eineinhalb Jahre bevor Nina ging, hatte ich beschlossen, in Zukunft daheim zu bleiben. Folgerichtig lautete einer der Sätze, die sie mir sagte, als sie mich verließ:
»Immer nur zu Hause - Du bist mir langweilig geworden.«
Und es war genau dieser Satz, an den ich denken musste, als ich den Trailer im Fernsehen sah und spontan beschloss, mich zu bewerben.
Sie lieben das Abenteuer? Und das Abenteuer liebt Sie?
Drei Männer, drei Frauen.
Sechs Wochen voller Entbehrungen im feindseligsten Dschungel der Welt.
Und nur eine(r) wird alle Strapazen überstehen.
Keine Fakes, keine Promis, keine Regeln. Der wahre Kampf ums Überleben.
DARWIN Factor.
Demnächst bei RTL.
Eine blonde Moderatorin im Dschungeldress, eine Telefonnummer, dann: Schnitt, aus, vorbei. Wie ein Wurfpfeil schoss meine Hand zum Hörer. Ein Band sprang an, und ich nannte brav Namen und Adresse. Eine Woche später saß ich beim Casting in einem Kölner Studio. Motive, persönlicher Hintergrund, ein Fitnesstest. Ein psychologisches Profil wurde erstellt, dann schickte man mich wieder heim, hinaus, in den Dschungel der Großstadt. Gegebenenfalls würde man sich bei mir melden. Ich nickte und vergaß. Bis an jenem Freitagnachmittag, sieben Wochen darauf, mein Telefon unerwartet zu läuten begann. Vier Tage später saß ich im Flugzeug von Frankfurt/Main nach Bangkok/Thailand.
Der Flug dauerte 11 Stunden. Gelangweilt saß ich in der ersten Klasse, schlürfte Champagner aus hirnschalenförmigen Schwenkern und lauschte andächtig der Einweisung des Produzenten in das, was uns auf Recan erwartete. Zum tausendsten Mal, wie es mir schien. Einen und einen halben Monat sollten wir im Dschungel verbringen. Die Kameras in den Bäumen und inmitten des Eingeborenenlagers würden uns begleiten. Es gab keine Regeln, außer der einen: sich nach Kräften in das primitive Dorfleben der Sanordamoc einzufügen. Wir würden Würmer essen, mit vergifteten Pfeilen aus hölzernen Blasrohren Halbaffen jagen und uns mit heiliger Erde rituelle Muster in unsere zivilisationsgebleichten Gesichter schmieren. Wer sich nicht genug um seine eigenen Ursprünge bemühte, würde vom Publikum daheim aus der Show eliminiert. DARWIN Factor: Am Ende konnte es nur einen geben. Ich spähte nach links, dann sah ich nach rechts. Elke, Marina, Giselle. Gerard, Marvin und ich.
»Watt ich noch wissen wollte: Wie sollen wir uns mit denen verständigen? Ich meine Deutsch kann dat ja wohl nicht …«, fragte Elke. Sie war Grundschullehrerin in Oberhausen und ihre Pott-Proll-Sprache passte so gar nicht zu ihrem zartblonden Wesen. Ich schloss die Augen und sah sie vor mir, wie sie die bildungsbürgerliche Büchse der Pandora auf dem Zentraldorfplatz öffnete. Primitive und Grundschüler, das war für sie vermutlich das gleiche. »Dat Neger is' auch nur lernbehindert. Dyslexie. Dat kriegen mer schon.« Ich schluckte den Kloß dieses Gedankens.
»Einer der Eingeborenen ist von uns im letzten halben Jahr vorbereitet worden«, entgegnete ihr der Aufnahmeleiter. »Sein Name ist Rot-Sap. Er hat eine Zeitlang in der Stadt gelebt, in Cagayan de Oro. Er kann Spanisch und Englisch. Auch wenn es sich manchmal so anhört, als ob er rückwärts spricht.« Die Auskunft schien sie zu beruhigen.
»So was Verrücktes hab ich echt noch nie gemacht, ich bin ja so gespannt. Voll krass - das wird bestimmt voll eklig«, meinte Giselle, die nur zwei Plätze neben mir lungerte. Zu ihr fällt mir heute nicht mehr viel ein, sie war das Blödchen unseres ungleichen Teams, wenn auch eher rot als blond. Zuhause in Stuttgart verkaufte sie Wurst- und Fleischwaren im heimischen Betrieb. Für den Dschungel hatte sie sich extra noch Permanent Make-Up geleistet und Marvin, der ihr im Flugzeug gegenüber saß, betrachtete ihre nackten Oberschenkel mit dem lüsternen Blick eines Raubtiers vor dem Riss. Überhaupt: der steroidgestylte Marvin. Johnny Weismuller was back. Unsere Gruppe war schon sorgfältig ausgewählt, das muss ich auch heute, die Katastrophe im Rücken oder besser gesagt im Schenkel, anerkennen. Die Dschungel-Mami, Barbie und Tarzan waren dabei. Fehlten noch Marina, Gerard und ich. Welche Rollen hatten wir zu spielen? Nun ja. Man konnte es erahnen.
Marina, eine schwarzhaarige, schlanke Buchverkäuferin aus Bremen. Sie war eher der stille Typ, aber ich erinnere mich heute, dass wenn sie sprach, dies meistens Hand und Fuß zu haben schien, zumindest in den ersten Wochen. Sie war schüchtern zunächst, aber wie Sie ja am TV bestaunen durften, diejenige, die neben mir am längsten in der Sendung blieb. Auch wenn sie gegen Ende doch etwas überfordert war. Gerard dagegen war ein Münchner IT-Unternehmer, ganz Laptop, ganz Lederhose. Ein freundlicher Kerl mit hellen Augen und wachem Blick. Aber kein Alpha-Männchen. Eher der intelligente Außenseiter, Erfolg im Beruf, nicht beim andern Geschlecht. Die beiden tuschelten auf dem Sitz hinter dem meinen. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Sie waren die zarte Romanze, die junge und alte weibliche Zuschauer vor die Geräte locken würde. Die Prinzessin und der Frosch. Meine Konkurrenten waren so stereotyp, wie es nur Fernsehmachern, diesen Meistern des Klischees, gefallen konnte. Symbolismus par excellence, postmoderne Sozialmetaphern. Und sofort stellte ich mir die Frage, wer ich denn war. Ich sah an mir herab. Ein blaues Hemd, P&C Eigenmarke, nicht Signum oder BOSS. Eine graue Bundfaltenhose von Zara, eine schwarze Allzweckjacke von H&M. Mein Haarschnitt - kurz. Sneaker von Adidas, schon eine Saison vorüber, mindestens. Ich war so durchschnittlich wie der Massengeschmack des Fernsehpublikums. Als ich das begriff, wurde mir klar, dass ich es war, der diese Show gewinnen würde. Musste. Ich war echt, war das reale Leben. Die anderen aber waren reiner Fake. Den Sieg schuldete ich meinem menschlichen Erbe. Keine dieser Potemkinschen' Personen würde es in Betracht ziehen, einem noch zuckenden Kadaver das Fell mit einem Faustkeil vom Leib zu reißen und sein Blut zu trinken. Ich aber war, wie wir alle sind. Gelangweilt. Und zu allem bereit. Ich war der Normalo. Und damit der Faktor, mit dem man rechnen muss. Wie ein Ertrinkender versank mein Geist in den Tiefen des Showkonzept-Katalogs.
Bis vor wenigen Jahrzehnten sind die Sanordamoc von der Zivilisation vollständig unberührt geblieben. Wie alle endemischen Völker des Sulu-Archipels praktizierten sie bis in die Zwanziger Jahre hinein die unheimlichen Traditionen der Kopfjagd und des Schamanismus. Mittlerweile sind diese Praktiken ausgestorben, leben aber in Tänzen und Ritualen als Erinnerung fort. Heute sind die Sanordamoc ein friedliches Volk, das sich der Segnungen unserer Zivilisation bewusst ist, sich aber - bislang vom Tourismus praktisch unberührt - für einen sanften Übergang entschieden hat. Ein Teil der Einnahmen aus DARWIN Factor kommt dem Erhalt ihrer natürlichen Umgebung und dem Fortbestand ihrer Tradition zugute.
Etwas rührte sich, tief in mir drin. Tradition? Fortbestand? Ich konnte mir nur schwerlich vorstellen, dass Brioni tragende Fernsehmacher und ledergewandete TV-Ladies zum Kulturgut des Stammes gehörten. Mein Zynismus, Symptom oder Ursache der Zivilisation, blinkte auf wie ein Buschmesser im fahlen Mondlicht. War hier etwa die Tradition der Erniedrigung und Ausbeutung der Schwarzen durch den weißen Mann gemeint? »Ja, Bwana«, sagte ich zu mir selbst. »Sehr wohl, Bwana.« Mit einem absurden Lächeln im Gesicht schlief ich ein, träumte einen unruhigen Traum, in dem ein dichter Dschungel, Großkatzen und Richard Chamberlain als Allan Quatermain eine wichtige Rolle spielten.
Atavistisches Zucken überfiel meine Sehnen, als die Maschine stotternd zur Landung ansetzte. Die Luft war der feuchte Atem einer wilden Natur. Wir blieben nur für eine Nacht in Bangkok, aber das reichte aus, um mich plötzlich unsicher werden zu lassen. Ich spürte einen Teufel an meiner Seite, schwankte zwischen Verzweiflung und Ekstase: Sollte ich umkehren? Ich fand keinen Schlaf in jener Nacht, lauschte den Schatten und hörte Giselle und Marvin im Nebenzimmer leise stöhnen. Aber in den Sonnenstrahlen des darauf folgenden Tages schmolzen meine Bedenken wie Körperfett auf einem heißen Stein. Von Bangkok ging es auf die Philippinen, und ein Helikopter mit RTL-Logo brachte uns schließlich von Zamboanga ins Herz des Sulu-Archipels. Der Hubschrauber landete auf einer Lichtung im dichten Wald. Ich sprang als Erster hinaus, und als ich die Feuchte des Erdreichs unter meinen Füßen spürte, die Geräusche des Waldes mir zu Ohren drangen und ich Rot-Sap, meinen ersten Wilden, tribalistische Zeichen auf den Wangen und der Brust, mit stiller Würde auf unsere Gruppe zuschreiten sah, da begriff ich, dass die TV-Leute ausnahmsweise nicht gelogen hatten. Das hier war echt, war Ursprung, war Natur. Die Sonne brüllte mit Feuerstimmen auf uns herab. Aber ich hörte nicht ihren Ruf, begriff nicht ihre Worte. Still sah ich dem dunklen Menschen in die Augen, der nur wenige Meter vor uns stand.
»Willkommen auf Recan!«, sagte er mit erdiger Stimme. »Es ist alles bereit. Wenn Sie mir folgen wollen.«
»Guck mal, der is' ja echt ganz nackig!«, gluckste Giselle, die Fleischwarenfachverkäuferin aus Stuttgart-Heslach. Im Gänsemarsch erreichten wir das Dorf zeitgleich mit einer Gruppe von Jägern, die erfolgreich aus dem Wald zurückkehrte. Totes Tier, gebunden auf einem Pfahl. Aufgeregtes Raunen, tanzende Frauen. Braune Kinder, nackt im Lehm, der die Wege des Dorfes bedeckte. Alles war so, wie ich es aus Dokumentationen kannte, nur war es die Wirklichkeit. Mein Kopf raste vor Lebenslust, vor beginnendem Wahn. Neugierig sah ich mich nach den Videokameras um, die doch überall um uns herum installiert sein mussten. Mein Blick streifte die Kronen, vergeblich. Aber es musste doch … Leise Panik brach sich Bahn. Was, wenn das alles eine Falle war? Wir - eine kleine Gruppe Weißer, umringt von wilden Kindern der Natur? Buschfleisch. Der Missionar im Kochtopf. Paranoia feuchtete meine Stirn. Und dann sah ich sie, verborgen im tiefen Dunkel der majestätischen Wipfel, die die Lichtung wie stille Wächter umstanden. Rote Augen, schwarzer Rand. Mein Pulsschlag verlangsamte sich, 25 Frames pro Sekunde. Ultramoderne Hochleistungs-Kameras umringten das Dorf, ausgestattet mit Mini-Satellitenreceivern und sandten die Bilder direkt in das Sendezentrum nach Zamboanga, in die Stadt. Voller Erleichterung klärte sich meine Sicht, und ich bewunderte die Pfahlbauten, die für die nächsten Wochen unser Zuhause sein würden. Auch in ihrem Innern würden Kameras angebracht sein, das wusste ich. Und genauso entlang der präzise festgelegten Waldpfade, die für unsere Jagdversuche präpariert worden waren. Den Wald durften wir nur in Begleitung von Eingeborenen überhaupt betreten, ohne unseren Versicherungsschutz zur Disposition zu stellen. Wo wir gerade beim Thema sind: In den lichten Momenten der Hoffnung frage ich mich, wie ich das, was mir augenblicklich widerfährt, meiner Versicherung erklären soll.
Ich weiß nicht so recht, wie ich diese ersten Tage im Dorf beschreiben kann, ohne dabei allzu pathetisch zu werden. Aber ich kann und will nicht leugnen, dass mir der Gedanke an Rousseaus romantisches Bild vom edlen Wilden durch die Harmonie und den Einklang in der Gemeinschaft geradezu aufgezwungen wurde. Natur war hier Partner, nicht Gegner oder Feind. Die Gesellschaft der Sanordamoc funktionierte ohne eine bürokratische Gesetzgebung nach einfachen Prinzipien der Idylle und Eintracht im sozialen Miteinander, arbeitete so, wie die Kommunen der 70er Jahre niemals funktioniert hatten. Das Wort Besitz erschien mir hier schon bald als leer, ohne Sinn und Bezug. Der Wald lieferte den Eingeborenen alles, was sie zum Leben brauchten, und es war genug für alle da. Andererseits fühlte ich mich fremd, einsam und nackt in einer Welt, die schlicht und ergreifend nicht die meine war. Noch nicht, versuchte ich mir zu sagen, und ich bemühte mich redlich. Am Abend des ersten Tages saßen wir im Kreis um ein Feuer, das Fleisch namenloser Tiere drehte sich auf einem Spieß, und unsere kleine Gruppe sechs ahnungsloser Stadtmenschen verstand kein Wort von den Liedern, die schon bald die Nacht erfüllten. Die Fernsehleute waren längst verschwunden, und wir waren allein mit dem Inselvolk, es gab kein Drehbuch, keine Regeln, nichts für Teletubbies hier zu tun. Nun lag es allein bei uns. Rot-Sap, der uns zuerst begrüßt hatte und als unser Dolmetscher, Ansprechpartner und Freund agierte, erklärte uns in brüchigem Englisch, dass es sich um ein Begrüßungsritual für Fremde handele, dem wir da lauschten. Die Lieder klangen kehlig, rau und doch so schön in der stetigen Wiederkehr ihrer Rhythmen. Ich schwieg, sah nicht einmal zu den anderen hin, ich begann sie von Minute zu Minute immer mehr als bloße Konkurrenten zu sehen. Ich genoss diesen Moment, ohne ihn zu verstehen. Eines aber war mir gewiss: Im Gegensatz zu meinen Mit-Europäern wusste ich ihn in all seiner Schönheit zu würdigen, ihm die Andacht zu geben, nach der er rief. Ich verlor mich in diesem Augenblick, so lange er währte. Bald verstummte die Musik. Das Fleisch war gut. Ich aß gierig, was man mir bot. Später fiel ich in meiner Hütte in einen tiefen Schlaf, aus dem mich auch die Geräusche dieser so ungewohnten, dunklen Nacht nicht zu wecken wussten. Ich will ganz ehrlich sein: Ich hatte schon lange nicht mehr so gut geschlafen.
In den nächsten Tagen lernte ich mich selbst besser kennen. Und ich lernte schnell. Zunächst wusste ich weder, wie man jagt, noch wie man einen Baum fällt. Ahnte nichts von Schnitzerei oder der verborgenen Kunst des Fallenstellens, den Dingen, die hier an der Tagesordnung waren. Die Hälfte der bunten Pflanzenwelt um mich herum war giftig … und die Tierwelt sowieso. Das also war ich: ein kleines Kind, unfähig zum wahren Leben, ein verirrter Wanderer aus dem Tal der Ahnungslosen. Wie alle Opfer der Mediengesellschaft war ich zu einem visuellen Wesen geworden. Vermutlich hätte mich, wäre ich alleine in den Wald gegangen, gleich der erste knallbunte Frosch in seiner Farbenpracht so begeistert, dass ich nur schwerlich hätte dem Impuls widerstehen können, ihn an mich zu nehmen. Ihn abzulecken wie einen Lutscher oder ein Wassereis. Je nach Froschart, so wusste ich jetzt, wären mir dann noch zwei Minuten bis drei Stunden geblieben, bevor eine Lähmung des zentralen Nervensystems mich dahingerafft hätte. Als ich meine Stumpfheit erkannte, war ich einen kurzen Moment so verzweifelt, dass ich mit dem Gedanken spielte, alles aufzugeben. Ach, hätte ich es doch getan. Stattdessen packte mich der Ehrgeiz und ich beschloss, mit aller Konzentration zu lernen. Zu begreifen. Zu verstehen. Wie ein Verurteilter am Galgenstrick, so hing ich an Rot-Saps Lippen wenn er uns die zahlreichen Wunder dieser wilden Welt geduldig erklärte. Und ich merkte, dass ich schneller lernte, als die anderen vier. Ja: vier. Gerard war schon am zweiten Tag von einer Schlange gebissen und mit dem Helikopter ins Krankenhaus geflogen worden. Die anderen, vor allem Marina, schien dies noch immer zu beunruhigen, nicht aber mich, der ich von Stunde zu Stunde mehr in diesem Leben aufging. Meist saß ich noch bis spät in die Nacht mit Rot-Sap am Feuer. Von ihm wusste ich, wie sehr es sich lohnen würde, die Strapazen auszuhalten: ab der vierten Woche stand auf dem Sende-Plan, uns die rituellen Zeremonien der Sanordamoc zu erklären. Ein erhebendes Gefühl: endlich würden wir mehr sein als nur die wenig hilfreichen Handlanger der Jäger und Sammlerinnen im Dorf. Nervöse Heiterkeit erfüllte mich. In wenigen Tagen war ich zu einem spirituellen Menschen geworden. Meine Initiation konnte ich kaum erwarten.
Das Leben im Dorf der Sanordamoc war anders als alles, was ich in meinen über 40 Jahren bisher erlebt hatte. Ich war ein Stadtmensch, Überleben war für mich immer eine Frage des Stils gewesen, niemals der Notwendigkeit. Die ersten Tage und Wochen verbrachte ich damit, Details zu sehen und nach Möglichkeit zu verstehen. Ich nahm die Sache von Beginn an mehr als ernst, begriff sie als ein Geschenk, als eine Chance. Streifte mein Blick anfangs noch zögerlich und angstvoll die getrockneten Schädel aus lange vergangener Zeit, die an den Eingängen der Pfahlbauten hingen wie Menetekel der Vergänglichkeit, so sah ich sie schon nach zehn Tagen mit Rot-Saps dunkelbraunen Augen. Sie ehrten den Kriegesmut der Ahnen. Schützten die Häuser vor bösen Geistern. Und brachten dem Dorf und den Feldern Fruchtbarkeit. Köpfe der Feinde wurden in den alten Tagen zu präzise festgelegten Zeiten im Jahr gejagt und von den erfolgreichen Kriegern dem Ältestenrat übergeben. Diese wurden zur Belohnung tätowiert, erhielten kostbare Stoffe, magische Amulette oder die Bewilligung zu einer Heirat. Die Köpfe der Besiegten wurden an der Schädelbasis geöffnet, die Weichteile entfernt und der Schädel ausgekocht. Dann wurde die Haut abgezogen, die Lippen vernäht und ein zweites Mal gekocht. Der Sack wurde mit heißen Steinen gefüllt, um Fleischreste im Innern zu vernichten. Die Trocknung erfolgte durch Räucherung, wodurch der Kopf zusammenschrumpfte. Die getrockneten Trophäen wurden von außen mit einem heißen Stein poliert, kleine Stofffetzen in Wangen und Augenhöhlen verliehen dem Schrumpfkopf ein fast lebendiges Aussehen. Ich bettelte Rot-Sap an, mir die Prozedur an einem Tierschädel zu demonstrieren. Aber er lehnte ab. Er schäme sich für diese grausame Vergangenheit. Doch mit etwas Glück würden die Sanordamoc sich ja in den nächsten Jahren noch stärker der Zivilisation ergeben. Mir schauderte bei dem Gedanken, auch abends noch, als ich den Frauen beim Präparieren der Feuerstellen zusah. Niemals zuvor hatte ich eine solche Eleganz und Kontemplation in den einfachsten Alltagsdingen gesehen.
Ende der zweiten Woche hatte sich unsere Gruppe bereits beträchtlich dezimiert. Marvin und ich waren mit Marina alleine übrig geblieben. Giselle war nach sieben Tagen freiwillig aus der Show geschieden, da sie - Zitat - »keinen Augenblick länger in diesem Dreckloch verweilen« wollte. Sie hatte nach eigenen Angaben in den sechs vergangenen Nächten kein Auge zugetan bei all dem Gequake und Geschrei und sie wollte nur eins: ein heißes Bad für ihre geschundenen Glieder. Elke dagegen war nach zehn Tagen vom Publikum als erste aus der Show eliminiert worden, zu zaghaft war ihr Auftreten gewesen, zu still die Frau. Als die TV-Leute uns die Entscheidung aus Deutschland bekannt gaben und Elke zum Helikopter führten, erfuhren wir auch, dass DARWIN Factor in der Heimat ein riesiger Erfolg geworden war. Die Einschaltquoten übertrafen alles, was die Planer sich zu träumen gewagt hatten. Die Werbeplätze waren restlos schon für die zweite Staffel gebucht. Nicht, dass mich das sonderlich interessiert oder gar gewundert hätte: erst gestern hatte ich einem jungen Hirscheber das noch schwach schlagende Herz mit einem Messer aus Obsidian aus der haarigen Brust geschnitten, sein tropfendes Leben gespürt. Verständlich also der Erfolg: genau das war es, was die Leute sehen wollten. Das hier war die Realität, war eine neue Geburt und ein alter Tod. Ich für meinen Teil war der Begeisterung zuhause gegenüber indifferent: Zahlen interessierten mich weniger, als jemals zuvor. Meine Begehrlichkeit war spiritueller Natur, denn endlich wusste ich, was ich wollte. Ohne es zu ahnen schon immer gewollt hatte, wozu ich vorherbestimmt war: ich wollte bleiben. Ein echter Bestandteil des Stammes werden. Rituelle Einweisung war dazu unerlässlich. Und so fieberte ich Woche vier entgegen. Doch die Zeit zog sich sehr. Und Fundamentales geschah in Woche drei. Aber vermutlich haben Sie das ja alle am Fernsehen verfolgt.
Ein junger Mann aus dem Stamm machte mir sehr zu schaffen. Sein Name: Roda-Zac. Er war der Sohn eines ranghohen Ältesten und damit ein angesehener Mann im Dorf. Als einziger trug sein Vater noch ein rituelles Tattoo, eines, das er sich auf traditionelle Weise verdient hatte. Linien auf der Brust, Querstreifen am Oberarm. Er war der letzte der noch Lebenden, der an einer Kopfjagd teilgenommen hatte. Nur einmal, als junger Mann, viel jünger noch, als sein Sohn es heute war. Dann war die Tradition unter Androhung strengster Strafen von der Regierung verboten worden. Und Roda-Zacs Vater hatte niemals einen zweiten Kopf erbeuten dürfen, hatte seine Tätowierung nie vervollständigen gekonnt. In seinem urzeitlichen Herzen war er damit nicht mehr Tier, aber auch lange noch kein Mensch. So sehr die Sanordamoc Roda-Zacs Vater ehrten: er war ein frustrierter alter Mann. Als solcher starb er am neunzehnten Tag. Ich werde die Klagegesänge niemals vergessen, die viele Stunden lang den Dschungel füllten. Unter Anleitung Rot-Saps versuchte ich Roda-Zac mein Beileid zu überbringen. Aber er wollte mich nicht sehen. Er war nie einer der Sanordamoc gewesen, die sich unserer Abenteurergruppe besonders freundlich genähert hatten, aber als er nach drei Tagen der Trauer aus seinem Pfahlbau trat, dunkel, wütend, anbetungswürdig und frei, hatte er sich verändert. Er strebte jetzt offen nach der Führung im Dorf. Und er zeigte uns unerwünschten Stammesmitgliedern deutlich, wie wenig er von unserer Anwesenheit hielt. Auf sein Betreiben hin geriet meine Integration in den Sanordamocschen' Alltag gehörig ins Stottern. Marina, die sich mir seit Marvins Abwahl durch das Publikum am einundzwanzigsten Tag beängstigend näherte, und ständig um mich sein und mit mir reden wollte, fühlte sich sogar von ihm bedroht. Er sähe grausam aus, sagte sie. Habe einen wilden Blick. Mir gefiel das sehr. Wenn er nur etwas freundlicher gewesen wäre. Nun gut, ich will es aussprechen: ich fühlte mich aufgrund meiner Hautfarbe diskriminiert. Unser Verhältnis besserte sich auch nicht, als ich ihm das Fleisch dreier Budengs, die ich eigens zu diesem Zweck erlegt hatte, als Friedensangebot vor die Hütte legte. Rot-Sap riet mir, ihn einfach zu ignorieren. Aber ich, ich wollte wie immer mehr. Seinen Respekt. Und im brüderlichen Sinne auch sein Blut.
Nachdem auch die vierte Woche vergangen war, die Initiationsriten aber, nach denen ich mich so gesehnt hatte, auf Roda-Zacs Betreiben hin noch immer ausblieben, befiel mich eine dunkle Stimmung. Sollte ich aussteigen? Mein Gefühl sagte mir, dass ich momentan der Favorit sein musste: so viel ernster nahm ich die Angelegenheit als Marina, meine letzte Konkurrenz, die seit Tagen am Rande eines Nervenzusammenbruchs trieb. Vielleicht hätte ich doch mit ihr reden sollen, anstatt ihr Gejammer geduldig zu ignorieren. Aber das ist jetzt Vergangenheit. Ich glaube nicht, dass es etwas geändert hätte. Darüber hinaus war ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt, mich plagten fundamentale Zweifel. Ich war sicher, dass ich gewinnen würde. Aber wollte ich das noch? In den Augen meines neuen Selbst erschienen die Kameras, die Technik als störende Beleidigung meines Daseins als Mensch. Ich wollte nur noch, dass es vorüberging, dieser lächerliche Ententanz, dieses Ringelpiez mit Anfassen vor grün-blühender Kulisse. Sicher: im Fokus der Kameras hatte ich gelernt, baren Fußes auf Waldboden zu gehen, hatte Tiere gejagt und ihnen das Fell abgezogen. Ich wusste jetzt, wie man Feuer macht und dass man sich der Beute stets gegen den Wind zu nähern hatte. Aber hatte sich mein Menschsein gewandelt, hatte ich meine Existenz tatsächlich besser begriffen, so wie ich es mir selbst versprochen? Oder hatte ich mich getäuscht, war das hier genau so wenig das wahre Leben wie es mein jämmerliches Dasein in 87 m² Altbauwohnung Kamp-Lintfort Mitte gewesen war? Um das zu erfahren, mussten die Glasaugen erlischen, musste die obszöne Technik fort. In mir reifte ein Entschluss.
Am dreißigsten Tag ging ich mit Rot-Sap im Wald spazieren. Makis glotzten dumpf von den Bäumen und ein Flammenkopfpitta flatterte vor uns auf. Er machte ein keckerndes Geräusch und Rot-Sap wies mich darauf hin, dass dies ein Warnruf sei, ein Alarm des Waldes, dass wir kämen. Als ob ich das nicht schon längst begriffen hätte. Es machte mich wütend, er behandelte mich noch immer wie das kleine Kind, der naive Weiße, der ich gewesen war. Ich entgegnete ihm beleidigtes Schweigen.
»Sie verabschiedet sich bald«, sagte er, ohne auf meine bad vibrations einzugehen.
»Wer?«, fragte ich.
»Marina«, erwiderte er. »Sie hat … Probleme.«
Ich schwieg. Blieb stehen. Ging in die Knie, legte meine flache Hand auf das warme Erdreich und sah Rot-Sap an. Aus der Untersicht und im Profil ließ ich meinen Blick auf ihm ruhen. Ich verstand nicht, was ich sah. Es schien mir, als hätten wir die Rollen getauscht. Dann erhob ich mich.
»Wenn sie geht, ist es vorbei«, sagte ich schlicht. »Dann habe ich gewonnen. Und ich muss nach Deutschland zurück.«
»Vielleicht ist es besser so«, sagte Rot-Sap. »Roda-Zac hat die andern überzeugt, dass Eure Anwesenheit ein Fehler ist.«
»Und was denkst Du, Rot-Sap?«, fragte ich ihn.
Er sah mich aus uralten Augen an. Rot-Sap, der einzige der Sanordamoc, der in fremden Zungen sprach. Der Einzige seines Stammes, der in der Stadt gewesen war. Rot-Sap, der Modernisierer. Rot-Sap, der in Kontakt zur Regierung und zum Fernsehen stand. Rot-Sap, Advocatus Diaboli. »Ich? Ich würde am liebsten mit Euch gehen.« Seine Worte stürzten mich in eine verzweifelte Trance. Eine weitere Woche verging.
Stumpf hockte ich in meiner Hütte, am Abend des siebenunddreißigsten Tags. Die Sanordamoc tanzten draußen um das Feuer, sangen Lieder, die als Echo von Jahrhunderten den Wald durchdrangen. Die einsame, wahnsinnige Marina freilich nicht: sie summte nur, unfähig wie sie war, die Sprache des Waldes zu verstehen. Ich dagegen kannte mittlerweile viele Worte, verstand sogar einfache Dialoge, solange es nur um Essen, Schlafen oder die alltäglichen Pflichten ging. Und auch noch ein bisschen mehr. Rot-Sap hatte sie mir in Einzelstunden beigebracht, die Sprache seines Stammes und obschon es noch viel zu lernen gab, waren meine Fortschritte ein Quantensprung des Begreifens gewesen: ich verstand, auch wenn es mühsam und mehr Puzzlespiel als Kommunikation war. Verstand jetzt sogar Roda-Zacs' Zorn. Die Sanordamoc hatten Probleme. Seitens der indonesischen Regierung waren sie vor die Wahl gestellt worden: Abholzung oder die Fernsehleute aus Deutschland. Vom versprochenen Geld würden sie keinen Cent sehen, sie prostituierten sich, nur um überhaupt noch hier zu sein. Wollte ich dabei wirklich helfen? Es war richtig gewesen, den Stromgenerator im tiefen Dickicht zu zerstören: vor einer halben Stunde hatte ich den Stecker gezogen. Sendepause, dachte ich. Ich versank in meinem grauen Selbst, war eins mit mir und meiner Welt und der Sumpf meiner Gedanken zog mich tiefer und tiefer. Aber dann schrak ich hoch, als ein Schatten den Eingang meiner Hütte verdunkelte. Eine gespenstische Stille quoll wie Nebel von draußen herein. Rot-Sap zitterte, stand dort und sah mich an. Dann sprach er und seine Stimme bebte:
»Schreckliches passiert«, sagte er. »Schnell. Du musst jetzt gehen.«
Ich drängte an ihm vorbei und sah hinaus. Sah Roda-Zac, der den Ausfall der Kameras bemerkt hatte. Da war sie, seine Chance, und er ergriff sie instinktiv. Die westliche Welt hatte für einen Moment ihre Augen geschlossen und dieser eine Moment war alles, was er brauchte. Marina am Feuer, ahnungslos wie ein Plumplori, und dann war Roda-Zac da, wie ein Affenadler über ihr. Ein gurgelnder Schrei, die Gesänge verstummten. Dann war es vorbei: ihr lebloser Körper lag bleich am Boden. Eine Erinnerung an vergangene Zeiten musste in Roda-Zac großgeworden sein, er hielt ihren Schädel in die Höhe. Schweigen. Dann formierte sich eine Gruppe junger Männer. Sie stampften. Mein Herz wurde kalt: Ich wusste, dass dies Beifall war.
Das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich lief. Rannte durch die schwitzige Mauer aus gelbgrüner Luft und die Baumkronen trugen Lianen wie Schlangen auf Medusas Haupt. Roda-Zac hatte mich angesehen, die Augen voller Triumph. Dann hatte er auf mich gezeigt, aber ich reagierte schnell, sprang zurück in die Hütte, ergriff das RTL-Notfallbündel, das man uns am ersten Tag überlassen hatte und sprang durch das Fenster hinaus, hetzte in die Richtung, in die sein blutiger Finger wies. Der Himmel verdunkelte sich, als der August-Mond sich einer aufsteigenden Wolke ergab. Wurfpfeile sangen um meinen Kopf. Mein Leben rettete, dass das Gewitter kam. Donner und Blitz versetzten das finstere Herz der Wilden Jungs in Schrecken und Angst. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ich entkommen bin. Ich lief, bis ich nicht mehr konnte. Herzklopfend brach ich irgendwann zusammen, stand wieder auf und sah mich um. Da war nichts, nur ein Gewitter, in der blutgetränkten Nacht. Schwarze Wolken kotzten ölige Tropfen schwülen Regens aus wie ein übersättigter Maulwurf halbverdaute Madenlarven. Panisch starrte ich in die Dunkelheit, die, so schien mir, meine Seele verlassen hatte, aus mir herausgetreten war, und mich jetzt umgab. Als sich mein Atem etwas verflachte, ging ich ein Stückchen zurück, sprang dann in den Wald, hangelte an Lianen von Baum zu Baum. Sie sollten meine Spur nicht ohne weiteres finden können. Als ich mir sicher war, mich nicht mehr besser verbergen zu können, schlug ich das Ein-Mann-Notfallzelt auf und schlief leise weinend ein. Jetzt wissen Sie, was geschah, als bei Ihnen nur noch das Testbild kam. Wie ich in diese erbärmliche Situation geraten bin. Seitdem bin ich auf der Flucht, versetze jeden Tag mein Zelt und manchmal höre ich sie in großer Nähe, dann wieder stundenlang nichts. Ich ahne nicht einmal, wie lange mir noch bleibt. Ich weiß nur eines: Ich habe mich geirrt. Mein ganzes Leben habe ich fest daran geglaubt, die Kultur unserer westlichen Welt sei es, die uns zur überlegenen Lebensform auf diesem Planeten kürt. Jetzt weiß ich es besser. Sie ist nur ein Schutz, eine Barriere gegen die Wildnis in und um uns herum. Meine Zeit ist vorüber, die Batterie des Voice Recorders geht zur Neige. Lebt wohl. Ich will noch ein wenig schlafen. Bis sie mich holen.
Wilde Jungs. |
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Zitat
Im Fokus der Kameras hatte ich gelernt, baren Fußes auf Waldboden zu gehen, hatte Tiere gejagt und ihnen das Fell abgezogen. Ich wusste jetzt, wie man Feuer macht und dass man sich der Beute stets gegen den Wind zu nähern hatte.
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