Von Matthias Penzel
Für Colin Flooks (1947 - 1998)

Er war dreizehn. Er hatte manches erlebt. Ziemlich viel, wie er oft fand. Eigentlich gar nichts, wie er in Momenten verspürte, wenn er auf dem Schulweg die Mädchen aus der Neunten vor sich sah: Jeans, wie aus einem Guss, wie aufgesprayt auf die Hinterläufe von Stuten. Im Schritt ein paar handgroße Flicken, auf der Seite aufgenähte Taschen früherer Modelle. Voller Entschiedenheit stoben sie nach vorne, ganz als gäbe es fünf Minuten vor Schulbeginn noch was zu erleben. Er hatte so manches mitgemacht, hatte auf einer Fete einen Sommer zuvor mit einem Freund und dessen Vater so viel getrunken, so viel Unterschiedliches in sich reinlaufen lassen, dass er sich irgendwann übergeben musste, im Garten, und danach alles abstritt und in ein schwarzes Loch fiel.

Mit dreizehn hatte er also, das sagte er sich damals, und das zeigte er anderen durch sein Schweigen, mit dreizehn hatte er schon so manches erlebt. Einen Filmriss zum Beispiel. Und er wusste: Wenn er alt genug war, wenn er sich stark genug fühlen würde, nicht mehr klein beizugeben, dann würde er auch das Gerede der Lehrer mit Schweigen erwidern. Bei den Eltern hatte er das bereits geübt: Er verzog die Lippen, so wie er es von den Fotos auf Plattenhüllen kannte. Bald würde er noch öfter schweigend den Mund verziehen und sich die Haare lang wachsen lassen.

Das war einer der Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, als dieser Typ hier sagte, was er sagte. Dauerte wenige Sekunden, der Gedanke. Nicht mehr als ein kurzer Wirbel auf der Snaredrum, bevor der Song loslegt. Der Auftakt.

Er war vierzehn, und es war die Zeit, als auf Feten keine Mädchen waren. Falls welche da waren, dann war die Stimmung lau, die Feten ohne Schwung. Ohne Mädchen waren alle lockerer. Man spielte Karten, quasselte stundenlang - warum welche Lehrer nix waren, und wie lange noch zu warten sei, bis die neue Blue Öyster Cult in die Läden kam - und über die Haare von Sweet. Auch über Mädchen. Oder Dinge, die noch weiter entfernt waren: das Livealbum von Van Halen, der neue Bassist von Uriah Heep. Uriah Heep brauchten immer einen neuen Bassisten.

Musik war gut. Sie verband. Und sie zeichnete Trennlinien. Wer KISS und AC/DC hörte, dessen Schulnoten erreichten nur selten - und dann zufällig - den Klassendurchschnitt. Wer KISS und AC/DC hörte, der sprach nicht mit Mädchen, die vier Mal nacheinander Saturday Night Fever gesehen hatten. Wer KISS und AC/DC kannte, der musste nämlich nicht ins Kino, um zu sehen, was mit Fever gemeint ist. Denn er wusste, wo er stand, und er wusste, mit wem er da stand: mit Gleichgesinnten.

Fast erzählte er es dem Typen. Nach dem, was der gesagt hatte. Wie hieß der Typ? Stefan. Oder Markus. So wie so Menschen eben heißen.

Nicht mehr als ein paar Erinnerungen. Irgendwann muss er fünfzehn gewesen sein, auf die Partys wurden Mädchen gar nicht mehr eingeladen. Eingeladen wurde eigentlich niemand. Die Partys ergaben sich: Es war Sommer und heiß, oder es war Sommer und verregnet. Egal, - Stimmung und Anlass waren immer richtig. Irgendwer meinte dann, man müsste mal wieder ein paar Dosen aufmachen, also ging einer Dosen holen, Bier und Erdnüsse. Jemand anders holte Chips und Flips, jeder radelte oder rannte nach Hause, um ein paar Platten zu holen, vielleicht noch ein paar Tropfen aus der Flasche Vermuth im Wohnzimmer oder einen Schatz aus dem Weinkeller. Und dann wurde gerockt.

Das waren ein paar der Erinnerungen, die ihm durch den Kopf schossen, als der Typ sagte, was er sagte. Warum war er nur mit ihm ins Gespräch gekommen? Sah er aus wie einer, der mit einem selbst ernannten Musikkenner über seine große Liebe reden würde? Fachsimpeln mit einem Simpel vom Fach? Mit einunddreißig ist man nicht mehr dreizehn. Damals hätte der Typ einen weiten Bogen um ihn gemacht, und es wäre gut gewesen. Dazwischen, zwischen damals und heute, so mit zweiundzwanzig, ehrte es einen jedesmal, wenn einer sagte: Musiker? Heute, mit einunddreißig, ist das anders. Alles ist anders. Die runtergezogenen Mundwinkel sind nur noch eins von vielen Merkmalen in einem Gesicht, das eben nicht wesentlich mehr oder wesentlich weniger als andere gesehen hat.

Er hätte nie in diese Bar gehen sollen. Er hätte sich nie auf ein Gespräch mit diesem Stefan Martin einlassen sollen.

Er war elf, zwölf, dreizehn, vierzehn, und sie feierten die besten Partys. Das Feeling stimmte, und sie lebten danach. Sie sprangen wie die Irren durch holzgetäfelte Keller mit niedrigen, verrußten Decken, sie rockten in verdunkelten Mansarden, streckten in einem Kinderzimmer die Fäuste in die Luft, studierten und übten was sie auf Plattencovern entdeckten. Was Fans im Londoner Rainbow oder in Budokan machten, was Gitarristen im Madison Square Gardens oder im Collisseum taten, konnten sie auch. Sie hatten es auf den Plattenhüllen, aufklappbaren Kunstwerken, bestarrt, sie hatten die Posen geübt, sich die richtigen Verrenkungen angeeignet. Die Poster in den Kinderzimmern und Partykellern erst vor Monaten überklebt, Ponys gegen die Innenhülle von Patti Smiths Horses, ein Plakat von Audi gegen das Konzertplakat von Ton Steine Scherben; die Schreibtischlampe mit einem Halstuch abgedunkelt.

Die Gefühle hierfür, die Gefühle für die Musik, für die Freunde, was sie bewirkte und bewegte, das war diesem Stefan nicht näher zu bringen. Oder doch? Dumm war er ja nicht. Nur überheblich, im Geschmack elitär. Wie seine Zigarettenmarke.

Sie sprangen und verrenkten sich wie wild und wie irre und wie im Fieber. Nicht nur Samstagnacht. Das war für Stundenplanabhängige. Wenn nach vier oder fünf Nummern alle außer Atem waren, wenn einer beim letzten Song schon auf der Fensterbank saß und eine streichholzdicke Zigarette drehte, schmissen sich irgendwann alle auf Matratzen und Kieferdekormobiliar. Dann wurde gelabert und gequatscht, darüber, dass die Plattenfirmen einem das Leben schwer machen wollten zum Beispiel. Achim wusste das. Er hatte das aus einer topzuverlässigen Quelle. Er wusste es. Freunde seiner allein lebenden, vor allem meistens weit weg lebenden Mutter, hatten es ihm gesteckt: Plattenfirmen planten, einen Phantomton auf Platten unterzubringen, der zwar nicht zu hören wäre, der aber das Aufnehmen von Platten unmöglich machen würde. Manchmal wurde auch gefachsimpelt, dass Leder und Lippenstift in nur zwei Farben akzeptabel seien, ebenso wie BHs. Und dass in manchen Fällen außer Schwarz und Rot auch noch eine dritte durchginge: Türkisblau mit einem Stich Grün.
Was den Phantomton betraf, war sich ein anderer sicher, dass das nicht sein könnte, dass Frequenzen nämlich entweder zu hören - und aufnehmbar - oder eben nicht zu hören seien. Der wusste das von seinem großen Bruder. Und der große Bruder war verlässlich, er hatte schließlich alle darauf gebracht, auf Plattenbörsen nach den frühen Alben von April Wine zu suchen. Und von dem wussten sie auch, was es mit den Runen auf dem Cover der Led-Zeppelin-Platte auf sich hatte. Andererseits: Die erste April Wine fand Michael so schwach, dass er sie dem Bruder gerne verkaufte; oder dass er sie tauschte, gegen Sabbath Bloody Sabbath. Das hielt der Bruder für pubertären Krach, den Soundtrack für die Prolos der Vorstädte.

Wenn es um Frequenzen und Schwingungen ging, um Physik und Chemie, dann war auf jenen Bruder Verlass - schließlich wusste er nicht nur, dass, sondern auch warum Farben erschienen, wenn man die Schwarz-weiß-Illustration auf dem Innencover von In Through The Outdoor mit feuchten Fingern rubbelte. Welche Chemie nötig war, um in ihnen das auszulösen, was die Musik bewegte, wusste keiner.

Er wollte es wissen. Musste es herausfinden.

Das ein paar der später zerschossenen Illusionen. Blitzten ihm durch den Kopf, als der Typ neben ihm sagte, was er sagte. Zwischen seinem Ellbogen und der Linken des Martins neben ihm waren nur Zentimeter von dem zu sehen, was ihn in diese Bar gebracht hatte: der Tresen aus Mahagoniholz.

Mit sechzehn hatte er erfahren, dass das alles nicht weiter ungewöhnlich war: Die ganze Stadt war voll mit Gleichgesinnten, begann man nur, die richtigen Discos abzugrasen. Es gab sogar Mädchen, die sich den selben Sounds hingaben.

Und nun saß da dieser Martin und machte abfällige Bemerkungen über den Beitrag eines ganz bestimmten Musikers bei einem ganz bestimmten Song. Sei affig gewesen, bloße Nachäfferei, eine Kopie des Vorgängers. Zum Glück habe der auf dem Album nur bei zwei Liedern mitgespielt. Das also sagte Stefan Martin. So wie es Typen aus seinem Holz sagen: feststellend, ohne wenn und aber.

Nach der Kindheit, mit den selben Sounds im Ohr, lernte er, dass die Gesinnungen in Bezug auf Bands, die sich nur in Großbuchstaben denken ließen, dass die Gleichgesinnungen und Geschmäcker vielleicht Freundschaften zusammenkitten, aber nicht Partnerschaften zementieren konnten. Er sah, dass diejenigen, die mit ihrem Geschmack anecken, auch später anecken. Doch bei den Möglichkeiten, die einem die heutige Gesellschaft präsentiert, gab es viele Stellen, an denen einer anecken konnte. Er hatte gelernt, dass Hörgewohnheiten zwar auf den Grundriss eines Charakters schließen ließen, nicht aber auf den Charakter und seine Motivation.

Und noch etwas hatte er gelernt: Viele Menschen denken bei den Lettern B-H nicht an synthetische, softe Behälter für wundersam wie unantastbare Schätze, sondern an die zweite Hälfte ihrer Band, an die Band als GmbH statt GbR OHG. Sie dachten an Gewinnausschüttungen, Verträge und Musiker mit beschränkter Haftung. Diese Untiefen, die sich für einen Musiker irgendwann auftun, wenn er die Tiefen seines Innern mit Tönen und Rhythmen auszuloten sucht, waren Stefan Martin nicht geläufig. So weit war er nie gekommen.

Mann! Saß hier und erzählte ihm, warum ein bestimmter Musiker nichts weiter als ein Schiss wäre, ein sich selbst überschätzendes Großmaul.

Das alles schoss ihm durch den Kopf wie Schall ins Ohr: massig Informationen in Nanosekunden. Aus den unterschiedlichsten Winkeln der Erinnerung zurück in die vorderen Bewusstseinsebenen katapultiert.

Als Musik auf ihn zukam, als Musik in ihn eindrang, ihn nahm und mitnahm, da muss er dreizehn, vierzehn oder fünfzehn gewesen sein. Er dachte nicht oft daran, etwa so oft wie an seine Geburt. Aber jetzt, da dieser Martin hier neben ihm, mit seinen schaufelbaggernden Worten in seinem Innersten rumfummelte, da dachte er wieder an dieses erste Mal: als Musik ihn in seinem tiefsten Inneren anpackte und für immer veränderte.

Die Platte hatte sieben Songs. Zur selben Zeit doktorten Philips und Sony an einem Tonträger, der perfekter klingen, der tausend Jahre halten sollte. Platten des Gitarristen hatten immer sieben Songs, und ihre Spielzeit betrug nie zweiundsiebzig Minuten. Sieben Songs, die mit einer Tiefe, wie sie die Väter der CD weder kannten noch zu erahnen imstande waren.

Der Song war der erste von zweien, die die komplette B-Seite füllten.

Er war elf, dreizehn oder fünfzehn, und das Intro zog ihm die Schuhe aus. Kam nicht aus den Lautsprechern, erklang drinnen in ihm, in seinem Schädel, seinem Körper, seinem Herzen. So, als hätte jemand sein Schlagzeug hier aufgebaut. Es rumpelte und klöppelte und schepperte. Größer und eindringlicher als alles, was aus den Lautsprechern bisher gekommen war. Wuchtig, hölzern, irre. Als würden sie im Irrenhaus auf Tischen und Bänken, in einem fensterlosen Raum aus Stahlbeton den Angriff auf Nagasaki inszenieren.

Voll drauf.

In dem systematischen Trommelmuster klimperte und überraschte hier etwas, wurde da ein Klang aus den Speakern gewuchtet ... ständig wider Erwarten. Hämmernd und hypnotisch. Straight signature. Würde er später lernen. Für den Novizen beim ersten Hören nicht vorhersehbar, was als Nächstes erklingen würde. Schnell wurde deutlich, wann der nächste Schlag folgen würde, nur nicht, wie er klingen würde. Mann, dieser Drummer, was ging in dem vor? Sein Intro kam wie von einem Holzfäller, mit Unterarmen, durch deren Adern Bulldozer pferchen, den nichts und niemand aufhält, mit einem Herzen wie ein italienischer V12. Alles aus den Unterarmen geschüttelt, klar signalisierend, dass das nur der Anfang ist, dass in diesem Mann noch mehr steckt. Und gleichzeitig mit einem Drive, Groove, Vibe. Jetzt begriff er diese Worte, die er bislang nur aus Rock-Lexika kannte. Zwischen den Tönen und Schlägen hatte das Spiel Zutaten, wie sie im Musikunterricht nicht vorkamen - weil keiner der Kleingeister seiner Stadt sie verstand. Zutaten, wie sie auch die Erfinder und Befürworter der CD nie verstehen würden. Nie.

Zwischen den Zeilen lebt die Seele. Und zwischen den Tönen, im Klang eines Raums, im Atem eines Musikers, bei dem das Herzen im rechten Rhythmus pocht.

Das zwischen den Noten, das war es.

Das und nichts anderes.

Manche hören es, einige mehr spüren es - und wippen im Takt. Bis in die letzte Reihe jedes Konzertsaals. Wenige spielen es. Und die allermeisten spüren es nicht, können nicht einmal erahnen, was sie versäumen.

Der Drummer, der das in ihm auslöste, der ihn das erste Mal so mitnahm, hatte auch seine Ecken und Kanten, Schwächen, mit zunehmendem Alter Rundungen. War ja ein Mensch. Am Konservatorium würden sie ihn nie studieren, und doch wurde der Mann von Millionen weltweit bestaunt, bewundert und kopiert.

Dass es nicht viel zu kopieren gab, war auch dem Typen neben ihm an der Bar, Martin oder Stefan oder Stefan Martin, Martin Stefan? - aufgefallen. Dass der Drummer, wegen dem sich Tausende ein erstes Mal hinter ein Schlagzeug gesetzt haben, aber ein Handwerker war, der das Wie so verstand wie wenige und sich daher nur gelegentlich um das Was kümmerte, das hatte Stefan nicht begriffen. Genauso wenig wie er wusste oder verstehen würde, dass der Drummer eben mehr gemacht hatte, als zu Musik zu trommeln. Autorennen gefahren zum Beispiel. In dem Sport unterwegs gewesen, den viele gar nicht als Sport sehen oder verstehen, in dem aber absolute Präzision zählt, in dem es das Leben kostet, wenn man mit den Gedanken einen Moment lang woanders ist - und genau so trommelte er.

Als ginge es ums Überleben, jeden Moment.

Kein Schlag, bei dem man das Gefühl hatte, der Drummer wäre mit seinen Gedanken schon woanders, beim nächsten Break, beim Gitarristen, seiner oder dessen Frau. Mit Klugscheißereien an Bars setzte sich der Drummer vermutlich nicht einmal in seiner Freizeit auseinander.

Der Drummer war der erste, und er sollte der letzte bleiben. Auch der letzte Grund, warum er nun und mit einunddreißig Jahren und in dieser Bar wieder zum Drummer wurde. Jahrelang hatte er kein Schlagzeug angefasst, aber für diesen Typen hier, nur für Martin zählte er allzu gerne einen Shuffle ein. Ohne Becken und ohne Trommeln. Er schnalzte vier, mit dem Ellbogen auf dem Mahagoniholz des Tresens. Gut. Nur im Hier und Jetzt. Und er trommelte los, einfach mit den Händen, das Werk so lang wie ein Song, der eine halbe Plattenseite füllt.

Und so trommelte er seinen Shuffle, mit Händen aus Beton und mit einer Überzeugung wie aus wuchtigem afrikanischen Rosenholz. Voller Synkopen, das Pattern unvorhersehbar, wenn auch systematisch. Aber voll drauf. Auf das Gesicht des Typen. |
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Zitat
Sie sprangen wie die Irren durch holzgetäfelte Keller mit niedrigen, verrußten Decken, sie rockten in verdunkelten Mansarden, streckten in einem Kinderzimmer die Fäuste in die Luft, studierten und übten was sie auf Plattencovern entdeckten.
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