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So wie früher, nur anders
Von Matthias Penzel
BerlinIhm fehlten tausend Jahre Schlaf. Schon auf dem Weg zu dem Club stand alles Kopf. Als hätten sie die Stadt umgebaut. Nach der Wende war er einmal hier gewesen. Wenn er an Berlin dachte, dann an Bowie und Iggy. Der eine brauchte einen Babysitter, der andere einen V-Mann zur Unterwelt. Das war Franks Job, damals wie heute.

Berlin lag damals voll im Grenzbereich des schrägen Geschmacks. Bei den an Schaufenstern klebenden Flyern konnte man denken, Berlin wollte wieder so etwas sein. Oder sollte es werden. So wie früher, nur anders.

»Frank?« Der Typ von der Plattenfirma. Die auf der Bühne sollten deren nächster Mega-Seller werden, ein Monster-Act. Dafür brauchten sie einen Monstermacher. Frank.

Ständig blitzte es, was Frank nervös machte. Alle jung. Keiner beachtete ihn. Sie gingen in den Hof, zu dem für die Plattenfirma auszuschöpfenden Marktsegment. Trotz kühner Frisuren und Lotter-Look jeder Bedacht darauf, so zu leben, wie man es jahrelang geplant hatte. Irgendwie anders als früher. Die Frisuren waren wie die des Typen von der Plattenfirma: nicht lang, aber wie vom Wind verweht, vom Rückenwind.

Ganz anders als früher waren die weißen Kabel, die den Leuten aus den Ohren hingen. Er nahm die Sonnenbrille ab.

Der Typ, der halb so alt aussah wie Frank, als der jung war, machte seinen Koffer auf und sprach über die Band, die Songs und den Sänger und die Bassistin, auch über Frank und was er nicht schon alles gestemmt habe. Wieder blitzte ein Handy. Ein Rudel Mädchen schoss Ansichtskarten von dem wilden Abend. Als Kinder verwöhnt, nun trotzdem verwahrlost. Wie Berlin: einst schwer subventioniert, nun bankrott, immer noch angesagt und etwas schräg, den Aufschwung aber voll im Visier.

Frank spielte seinen Part, tat so, als würde er zuhören, laberte von seiner Strandbar in Mexiko, Tequila, dann wieder er als Macher im Hintergrund. Und weil das Neue im Pop ja immer das neue Alte ist, klang er fast optimistisch.

Als das Kreischen der Mädels anschwoll, fragte sich Frank, was die denken würden, wenn sie auf ihren Gruppenfotos diesen Alten im Hintergrund sehen. Zu dem Plattenfirmenfritzen sagte er: »Ich seh das wie Berlin: Die Zeit ist reif!«

In der Garderobe kurz Händeschütteln, mehr Takte zu Sodom und Gomorrha, Diarrhöe und Inzest. Um der Band zum Durchbruch zu verhelfen, würde er es den Stadtplanern gleichtun. Er würde nichts tun. So wie früher, nur anders.
  Zitat
Wie Berlin: einst schwer subventioniert, nun bankrott, immer noch angesagt und etwas schräg, den Aufschwung aber voll im Visier.


Erschienen in
Das Berliner Kneipenbuch
Berliner Autoren und ihre Kneipen,
hrsg. von Björn Kuhligk und Tom Schulz,
BvT - Berliner Taschenbuch Verlag
ISBN 3-833-30424-3



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