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Ein Bier mit Aldo Moll
Von Matthias Penzel
Aldo MollAldo Moll empfing mich mit einem tiefen Gähnen und einer Flasche Bier. Er arbeitete als Programmierer bei Krupp, und wenn er nachmittags seine Siesta hinter sich hatte, hockte er sich in seine Abstellkammer und beackerte die Gegenkultur, berichtet Harry Gelb.

In dem Roman »Rohstoff« schickt Jörg Fauser sein alter ego Harry Gelb auf eine Reise, die er selbst gemacht hat: von der klirrenden Kälte eines Junkie-Winters in Istanbul 67/68 im Zickzack durch Gegenkultur und Underground und West-Berliner Kommunen zu ersten Hausbesetzungen im Frankfurter Westend, zu den Stehausschänken und kleinen Leuten mit großen Träumen. Alles sehr autobiografisch, teils Schelmenroman, Schlüsselroman, voller historischer Brisanz. Und mittendrin, wie selbstverständlich: Fausers Besuch bei Josef »Biby« Wintjes in Bottrop. Als Fauser im Sommer 1982 mit der Arbeit an »Rohstoff« beginnt, nimmt er es nicht allzu genau mit der Chronologie. Er springt direkt von der Endstation Sucht, Abstellgleis im Opium-Express, zu einem Treffen mit William S. Burroughs in London, anderswo von der Nachtschicht im Shitjob zur Dichterlesung im katholischen Jugendklub Montabaur...

Bei diesem Nachzeichnen seines Werdens als Schriftsteller laufen einige Linien ins Leere, diffus bleibt so manche Beziehung, oft unklar, was Harry Gelb wirklich will und was ihn auffrisst. Doch glasklar ist der Blick des Erzählers auf einige Menschen, ihr Umfeld, auf das was sie treibt – und wie sie ticken. »Fauser kann die Menschen beobachten und schildern, nicht nur wie sie sich geben, sondern wie sie sind«, stellte denn auch der Krimischriftsteller –ky in seiner »Rohstoff«-Rezension fest.

Zehn Jahre bevor Fauser »Rohstoff« schrieb, traf er also Biby Wintjes. In der Zeitspanne, die der Roman abdeckt – Winter 1967/68 bis zum Morgengrauen des 13. Septemper 1973 – sind ihm etliche andere begegnet, die nicht in dem Roman vorkommen: die österreichischen Experimental-Dichter Karl Kollmann und Reinhard Priessnitz, viele Autoren und Agitatoren in Frankfurt, in England außer seiner Tochter einige Bekannte. Nur en passant erwähnt er Benno Käsmayr, immerhin Verleger zweier seiner Bücher, darunter des jahrelang von allen Seiten abgelehnte »Tophane«. Doch die Kunst besteht ja nicht im Abbilden, sondern in gekonnter Auswahl und effektiver Dramaturgie. Deshalb kann man den Roman noch heute und immer wieder lesen: Er ist keine Abschrift einiger Tagebuchnotizen, sondern eine zusammenhaltende Geschichte, unterhaltsam, spannend. Ein Stück Gegenwartsgeschichte. »Wann vorher, wann nachher hat ein Schriftsteller eine ähnlich euphorische Wirklichkeits-, eine ähnlich existentielle Schreibposition vertreten?«, staunte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, als sie zur Leipziger Buchmesse 2002 »Die 25 besten deutschsprachigen Bücher der letzten 20 Jahre« würdigte.

Josef Wintjes kommt in »Rohstoff« zweimal vor. In Kapitel 25 tritt er auf, in Kapitel 40 wird er bei Harry Gelbs Abschließen mit der Little-mags-Szene erwähnt. Im Echtleben trafen sich die beiden noch weitere Male, später beispielsweise während Fauser in Köln-Zollstock bei der mit Henryk M. Broder arbeitenden WDR-Redakteurin Grete Rieber wohnte. Zurück aber zu Kapitel 25, zum Bier bei Biby in Bottrop. Fauser, UFO-Herausgeber (neben Udo Breger, Jürgen Ploog und Carl Weissner), trifft den Macher von Ulcus Molle Info – und Fausers alter ego Harry Gelb kommt kaum aus dem Staunen heraus:

So etwas hatte ich noch nie gesehen – bis zum Plafond war alles gestapelt, was in der Bundesrepublik, in der Schweiz, in Österreich die kleinen Klitschen und die libertären Grüppchen, die Makrobiotiker und die Anhänger von Gesundheitssandalen, die Anthroposophen und die Anarcho-Syndikalisten, die Befürworter des bewaffneten Kampfs und all die fromen Adepten der Gewaltlosigkeit, des handgeschöpften Büttenpapiers und des Siebdrucks ans Licht der Öffentlichkeit brachten. Daß dieses Licht sich mehre, hatte Aldo Moll zu seiner Freizeitbeschäftigung, ja zu seiner revolutionären Aufgabe, zu seinem Lebenszweck erklärt.


Wer das Glück hatte, Josef Wintjes' Lebenswerk je begutachten zu dürfen, der kann bei dieser Beschreibung nicht anders als ... sie unterschreiben, bedingungslos. Kurz und in den Worten von Maxim Biller – zu »Rohstoff« insgesamt: »Das ist ein Buch, in dem das gesagt wird, was man sagen will.«

OK, etwas Distanz. Kurze Bestandaufnahme. Die Fakten. Als »Rohstoff« erschien, lag die Begegnung mit Josef Wintjes mehr als zehn Jahre zurück. Wintjes hatte den Job bei Krupp geschmissen, Fauser war mit zwei Büchern beim Maro Verlag, Mitte der 70er mit der bei einem Kleinstverlag veröffentlichten Brando-Bio, dann einigen Titeln bei Rogner & Bernhard nun bei Ullstein untergekommen – weit weg von Kult und Geheimtipp, von Underground allemal. Man könnte denken, er befände sich in der idealen Position, den Klitschen und Makrobiotikern einen überzuziehen, diesen ganzen Adepten des handgeschöpften Büttenpapiers... und als »Abrechnung mit den Alternativen« 1 lasen und beurteilten die meisten dann auch »Rohstoff«.

Doch bei der Begegnung Gelb/Moll (= Fauser/Wintjes) schaut vor allem einer dumm aus der Wäsche: der Protagonist. Er kann sich gar nicht erholen von dem, was da blüht und wuchert, von dieser Relaisstation für all die ungezählten Wirrköpfe, Geschäftemacher, politischen und religiösen Fanatiker, angehenden und abgehenden Schriftsteller, ernsthaften Büchermacher und tanzenden Derwische sämtlicher Spielarten des Irrationalismus, die offenbar das ausmachten, was Moll die »Szene« nannte.

Harry Gelb ist es, über dessen Blauäugigkeit man hier lachen muss. Seine Zero Zeitung (= Zoom von Mai 1971) unterm Arm, entdeckt er einige Ausgaben seines Buchs »Eisbox« (= »Aqualunge«) und staunt erneut: Blühende Gärten, die deutsche Gegenkultur blühte, sie blühte vor allem in den Hügeln am Neckar, in der Heide, in den Wäldern Niederbayerns und auch Oberhessens, sie blühte auf den südlichen Höhenzügen des Allgäus, auch im Rheinhessischen und im Saarland, sie hatte auch Berlin-Kreuzberg anscheinend schon überwuchert ... – und so kommen Gelb Zweifel, während Moll zuversichtlich ist: Er schiebt Gelb noch ein Bier zu. Er rechnet fest damit: »Die große deutsche Underground-Zeitung kommt.«

Gelb reserviert: »Diese tausend Grüppchen kriegst du nie unter einen Hut.« Wie gesagt: Aufgeschrieben von Jörg Fauser 1982.

Desillusioniert oder überwältigt – was in »Rohstoff« nicht steht: Fauser begann, für Ulcus Molle zu schreiben. In Ausgabe 11-12/71 erschienen erste Beiträge. Fausers Abnabelung von der Szene vollzog sich in kleinen Schritten, und Wintjes ermutigte ihn wiederholt, das zu dokumentieren. Fauser machte das. Skepsis über Wintjes' Arbeit äußerte er nur privat, in Briefen, in denen je nach Stimmungslage dann und wann jeder sein Fett abbekam. So teilte er nach dem eher verhaltenem Abverkauf von »Die Harry Gelb Story« (269 Exemplare verkauft und ich bekam 57 Pfennig pro Stück 2) seinem Verleger Benno Käsmayr im Januar 74 mit, »die sogenannte Alternative Szene hat sich ganz eindeutig als ein Feierabend-Klub für geistig minderbemittelte Onanisten erwiesen (Paradebeispiel: Nörtemann, aber Wintjes bleibt da nicht weit zurück & der Rest wichst im Dreivierteltakt mit).«

Da sind wir nun also endlich: mittendrin im Gerangel. Fauser und die Alternative. Gegendarstellung zur Gegenkultur. Selbstausbeutung und Professionalismus. Fauser und Wintjes. Spannung. Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass Fauser weiterhin Ulcus Molle erhielt, las und dass er sich darin weiterhin zu Wort meldete. 1977 bewegte ihn eine Debatte um ein Cover Walter Hartmanns genug, um in die Tasten seiner Olympia Splendid 33 zu hämmern, was davon zu halten sei. Back from the USA, Besuch bei Bukowski, und schon tippte er für Ulcus Molle eine vor Wut aber auch Leidenschaft kochende Attacke auf jene »altbackenen, aufgewärmten, marxistischen Phrasendrescher & Bierzipfel-Literaten«3, die Wintjes' Toleranz auf den Prüfstand spannten. Das heißt: Mehr als drei Jahre, nachdem er sich an Wintjes' Alles-geht störte, setzte er sich damit noch auseinander.

Weiterhin bleibt festzustellen, dass Fauser beim Verfassen von »Rohstoff« die bigotte Einstellung einiger darstellt, Wendehälse und Opportunisten jedweder Couleur. Doch die Tonart, die er bei Moll anstimmt, ist von einer anderen Qualität. Viele Kapitel nach dem Besuch in Bottrop, im Echtleben verfasst Fauser zu dieser Zeit Gedichte wie »Ein Bier mit Bukowski«, die neue Verortung von Gelb:

In der Szene der kleinen Magazine, der Verlage, der Gegenkultur und Undergroundliteratur hatte sich immer weiter etwas getan, und etliche Fäden liefen bei Anatol Stern (= Jürgen Ploog) zusammen. Ich hielt mich aus den Tagungen und Grüppchenbildungen heraus, ich war der Außenseiter, der auch bei den Außenseiter auf der Außenseite saß und gelangweilt diese Pamphletchen durchging, die Stern bekam, die Sachen, die Aldo Moll in Bottrop zu seinen Infos zusammenleimte.


1973, Fauser folgt – wie Gelb zum Ende des Kapitels – dem Rat Lou Schneiders (= Carl Weissner) und verabschiedet sich von Cut-up, entwickelt Klartextgedichte, Storyvignetten vom verschütteten Leben. Gelb schwärmt von Krimis und Graham Greene, Fauser schreibt über Colette4, Hans Frick5, Charles Bukowski6.

Im Schwarzweiß der Literaturkritik ist für solche Zwischentöne freilich wenig Raum. »Rohstoff«, so die allgemeine Meinung 1984, war eine Abrechnung mit der Linken. In einem Fernsehinterview sagte denn auch Hellmuth Karasek7, was jeder Außenstehende plausibel fand: »Das ist also ein Abgesang auf die 68er...«, woraufhin ihn Fauser sofort und vehement unterbrach, er würde nie einen Abgesang auf irgendeine Zeit machen.

»Ich fand diese Zeit toll, das war meine Jugend, das war ein großes Abenteuer; diese Generation, die damals da war und was gemacht hat, das war gut – was immer da auch im einzelnen draus geworden ist... Das interessiert nicht. Das ist eine gute Vorlage, da haben wir alle angefangen, die Welt zu sehen, und das ist kein Abgesang.«

Eine Abrechnung, am besten noch mit der Linken?, wünschte sich schon einige Monate zuvor der Redakteur des Bayerischen Rundfunks8. Wäre ja auch zu schön: Da lacht man bei der Lektüre, wie Hoffnungen und Träume zerschellten, wie aus der Großen Revolution nix wurde, und hier rechnete also einer, dazu noch im Anzug und mit Krawatte, endlich mal ab. Doch Fauser antwortete: »Literatur kann ja nie Abrechnung sein, nicht? Das Leben ist ja offen, und abgerechnet wird am Schluss.«

Tja... Fauser in den Achtzigern, Kohl in Bonn, Anpassung das neue Credo, die Linke abgehakt, Traumtänzer und Derwische zurückgezogen im Odenwald, Wintjes nun im Hauptberuf Archivar der Alternativen, in den Metropolen geht es angepasst oder wenigstens mit Tempo voran, Geschichte wird gemacht... und Fauser? Überpinselt die Vergangenheit nicht mit Nostalgie, aber auch nicht mit ätzender Säure und Zynismus.

Das ist es, das ist der Punkt, an dem ich mir denke: Wäre er noch am Leben, dann hätte Fauser (egal wo auf der Welt und egal mit welchem Kontostand) sich an die Schreibmaschine oder seinen i-Mac gesetzt und für diese Festschrift ein paar Zeilen geschrieben. Vielleicht über dieses erste Bier mit Biby, vielleicht das letzte Treffen, auch zu Zoff und über einige der Artikel, die er für Ulcus Molle Info schrieb. Denn er schrieb ja für das Info über einen Zeitraum, der länger währte als seine – natürlich intensiveren, vor allem lukrativeren – Arbeiten für Tip9 und lui, TransAtlantik10 und Basler Zeitung11: Über acht Jahre hinweg tippte und schickte er Artikel über »RAF und Andere« (11-12/71) nach Bottrop, Kommentare zum Niedergang von UFO und Zoom, Jack Kerouac (7-8/1979) usw.

Doch er starb 1987, im Morgengrauen des 17.7. auf der Autobahn. Im selben Jahr verliert Josef Wintjes die Lust an seinem Sisyphus-Projekt Ulcus Molle (wie er in der letzten Ausgabe schreibt: »In der Tat hatte ich als Herausgeber bereits 1987 die Lust an Ulcus Molle verloren ... größtenteils aus persönlichen Gründen durch meine privaten Krisen«).12

Die Beweisführung, dass und warum Fauser nun hier vertreten wäre, ist somit fast abgeschlossen. Sie hält keiner wissenschaftlichen oder außerdienstlichen Untersuchung stand, und sie kommt, wie Fausers Lieblingsgestalten und Literaten vermutlich aus einem anderen Jahrhundert, einer Romantik, in der Treue und Würde noch nicht von Kommerz und Rechenschieber verdrängt waren.

Denn ich denke mir das auch, weil es so wunderbar passt. Weil ich nie vergessen werde, nie, wie ich da saß, Job bei der Nachtschicht, viel Schulden und wunde Mandeln, und da kommt einer, sagt, er schreibt. Alltagsgeschichtchen. Von der Arbeit, dem Feierabend, dem Blau des Himmels am Morgen, dem Blau in der Pinte nachts... und der drückte mir meine erste Ausgabe Ulcus Molle in die Hand. Und so erfuhr ich, dass es noch eine ganz andere Literatur als die mir bis anhin bekannte gab. So erfuhr ich von Carl Weissner, den ich kurz darauf für eine Regionalzeitschrift interviewte. So erfuhr ich von Fauser. So nahm ich mit Biby Kontakt auf, staunte über dessen Verständnis, wenn mir bei Überweisungen grobe Fehler unterliefen (eine 0 zu viel!), suchte, fand aber keine Wohnung für seinen Sohn, als ich nach England umzog, wo er mich in meiner driten Wohnung ausfindig machte, indem er mir (»alter Trick, als Buchhalter weiß man das!«) DM 1,-- überwies und in die Verwendungszweck-Zeile schrieb: »Wo steckst du? Meld dich doch mal!«

Wie Aldo Moll wirklich aussah und tickte, weiß ich nur aus Erzählungen anderer – und aus »Rohstoff«. Aus erster Hand weiß ich wiederum, was mir vor zehn Jahren durch den Kopf ging – als da etwas gestoppt wurde, was die Massen gar nie bewusst vermissen würden.

Und noch etwas weiß ich aus erster Hand, seit ich – im Rahmen meiner Recherchen für die Fauser-Bio »Rebell im Cola-Hinterland« – zum ersten mal sah, was für Schätze Biby da angehäuft hatte (außerordentlich gesichtet und geordnet von Eva Kuby, das darf ebensowenig übersehen werden). Seit ich das zum ersten Mal sah und stocherte und staunte zwischen diesen irrwitzigen Widersprüchen und Querläufern, Insidern und Außenseitern... bin ich mir sicher: Fauser hätte sich die Zeit genommen.
  Zitat
Da sind wir nun also endlich: mittendrin im Gerangel. Fauser und die Alternative. Gegendarstellung zur Gegenkultur. Selbstausbeutung und Professionalismus. Fauser und Wintjes. Spannung.


Erschienen in
Treibgut - 42 Spuren am Strand
Hrsg. D. Schynol, J. Sandforth, U. Schröder, C. Villis, Uni.-verlag Rhein-Ruhr 2007
ISBN 3-94025-112-7



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1 Nürnberger Zeitung, 22.9.1984
2 Fauser: »Pantopon Rose«, Gedicht. Abdruck in Basler Zeitung, Gasolin 23 und »Trotzki, Goethe und das Glück«. Mehr Details zu Einnahmen des freischafenden Publizisten in Ulcus Molle Info 5-6/77 – Fauser: »Kalte Fakten, kühle Träume«
3 Ulcus Molle Info 5-6/77
4 Fauser: »Die Colette. Porträt der französischen Schriftstellerin«, Hessischer Rundfunk, 5.1.1974
5 Fauser: »Die Angst zwischen den Ängsten«, Frankfurter Hefte 4/1974
6 Fauser: »Heisse Kartoffel«, National-Zeitung, 29.6.1974
7 Autor-Scooter, 25.9.1984, SFB
8 LeseZeichen, 26.5.1984, BR3
9 1979-1984
10 1982-1987
11 1974-1976 als National-Zeitung, 1977-1979
12 Ulcus Molle Info 5-6/90
   
 

 
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