Von Matthias Penzel
Auszug: Die Geschichte beginnt mit einem Helden ohne Furcht und Tadel. Ein Rennfahrer aus dem Bilderbuch, der eines Tages befragt wurde: Wie häufig kommt es vor, dass einen die Angst übermannt? Und er wusste zu gefallen:

»Ich fürchte mich nicht davor, zu crashen.«

Er, der Furchtlose, fuhr wie ein Berserker.
Bisweilen mit nur drei Rädern, das vierte an einer Leitplanke zerschellt; was davon übrig war, die Stahlfelge, rieb Funken sprühend wie ein Feuerwerk über den Asphalt. Er fuhr, um zu siegen. Doch wenn es so vereinbart war, blieb er hinter seinem Teamkollegen, der ihn als den schnellsten Fahrer aller Zeiten bezeichnete. Das Hinterherfahren des Furchtlosen mag der Outsider als brav bewerten, in den Augen des Kenners gilt es als kollegial,
ja, fast clever. Die Lesart des Kenners: Wer so etwas macht, ist ein Teamplayer. Im Cockpit war er zugleich der Bub voller Sturm und Drang.

Auch ohne Rennsiege gewann er Frauenherzen, übernachtete aber mit Familie im Motorhome an der Rennstrecke, anstatt Orgien zu zelebrieren. Fast schulterlanges Haar, das zu kämmen oder zu schneiden er scheinbar vergessen hatte, eine überaus hohe Stirn, die auf Verstand schließen ließ, seine Oberlippe veriet stoische wie auch leidenschaftliche, ja, querköpfige Charakterzüge.

Als Nobody kam er – kurzfristig als Ersatzmann – nach Silverstone, England. Sitzprobe, Maschinentest, Sonntag der Grand Prix. Er kam, er fuhr – so spektakulär wie niemand sonst. Zwei Tage später weg von dem britischen Team, hin zu Ferrari. Er kam, er fuhr, er blieb.

Als Neuling beim Traditionsrennstall blieb er brav die Nummer 2 hinter dem siegerfahrenen Teamkollegen und sah zu, wie der Veteran 1979 Weltmeister wurde.
Objekte im Rückspiegel sind oft näher, als man denkt
Die Auto-Biografie
Fetisch und Umweltsünde, Sicherheitskapsel und Waffe, Emanzipationsmotor und Turboantrieb des Kapitalismus: Das Automobil ist eine perverse Wunscherfüllungsmaschine, in der es nicht weniger chaotisch zugeht als in unserem
Selbst (griech. »auto«).
Dabei fährt das Auto nicht von selbst. Es ist nicht automobil oder gar autark, es ist ein hilfsbedürftiges Wesen. Erst wenn wir seinen Durst nach Treibstoff stillen, in ihm Platz nehmen und den Schlüssel umdrehen, erwacht der Wagen – und mit ihm das Gefühl von Macht und Unabhängigkeit.
Mit dem Auto ist die Welt ein Stück kleiner geworden, aber auch größer. Sie ist freier geworden, aber auch enger. Das Auto fährt uns in die Natur, die es bedroht. Es bringt uns individuellen Geschwindigkeitsrausch und kollektiven Stillstand, das Auto ist das Medium des 20. Jahrhunderts.
Matthias Penzel, Schriftsteller, Pop-Journalist und Ex-Chefredakteur des britischen Magazins F1 Racing, Autonarr aus Überzeugung und wider besseres Wissen, hat das erste Autobuch der post-automobilen Gesellschaft geschrieben. Seine Kulturgeschichte ist ein rasanter Trip, off-road und assoziativ, bildgewaltig und subjektiv wie ein Roadmovie. |
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Zitat
Neben der Furcht fuhren bisweilen noch andere mit. Beim Abschlusstraining in Zolder, Belgien, war es ein Zwitter aus Agonie und Wut, der sich ins Cockpit gezwängt hatte.
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Objekte im Rückspiegel sind oft näher,
als man denkt
Von Matthias Penzel
orange press, Oktober 2010
285 Seiten,
mit zahlreichen Illustrationen
ISBN 978-3-936086-51-5
Seitenwechsel
orange press
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