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TC Boyle: Talk Talk
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
gelesen, mitgefiebert und -gebärdet von Holger Reichard
 
 
Talk Talk TC Boyle liebt das Wechselspiel. Hat er gerade einen Band mit Short Storys veröffentlicht (»Tooth & Claw«), so muss es anschließend wieder die Kunst des Romanschreibens sein, der er sich widmet. Hat er einen historischen Roman veröffentlicht wie zuletzt »Dr. Sex«, so wechselt er mit dem nächsten wieder in die Gegenwart ... oder in die Zukunft.



Sein neuestes Werk, »Talk Talk«, betrifft sowohl die Gegenwart als auch die Zukunft. Er thematisiert darin den Identitätsdiebstahl, ein ziemlich aktuelles Problem, wenn man bedenkt, dass die US-Handelsaufsicht FTC 2002 insgesamt 168.000 Anzeigen und 380.000 Beschwerden wegen Identitätsdiebstahl registrieren musste und dieses Vergehen damit als eine der am stärksten zunehmenden Kriminalitätsformen in hochtechnisierten Ländern gilt. Nicht nur die polizeilichen Ermittler professionalisieren ihre Methoden, auch die Kriminellen. Hierzulande mit Kameras und Scannern manipulierte Geldautomaten markieren da sicher nur den Anfang einer beängstigenden Entwicklung, deren Höhepunkt noch lange nicht in Sicht ist. Boyle ist mit seinem neuen Buch also durchaus auf der Höhe der Zeit, ihr vielleicht sogar eine Idee voraus.

Opfer in seiner Geschichte ist die gehörlose Dana Halter, die eines hektischen Morgens ein Stoppschild überfährt. Die Folge: Eine Geldstrafe und vielleicht ein paar Punkte im Verkehrssünderregister? Von wegen! Dana findet sich in Untersuchungshaft wieder. Die Delikte, die ihr vorgeworfen werden, beruhen nicht einzig und allein auf einer Unachtsamkeit im Straßenverkehr, sondern reichen von Autodiebstahl bis zu Drogenmissbrauch und Angriff mit einer tödlichen Waffe. Zu Unrecht. Denn es stellt sich heraus, dass jemand ihre Identität gestohlen hat.

Nach mehreren Tagen eines - nicht zuletzt wegen ihrer körperlichen Behinderung - erniedrigenden Gefängnisaufenthalts begibt sich Dana zusammen mit ihrem Freund Bridger Martin auf die Suche nach der Person, die ihr das angetan hat, nach der Person, die auf ihre Kosten in Saus und Braus lebt, auf die Suche nach Wilson Peck. Es ist der Beginn einer turbulenten Verfolgungsjagd.

Den Übeltäter stellt uns Boyle in seinem neuen Buch ebenfalls ausführlich vor. Er greift damit auf eine seiner bewährten Schreibtechniken zurück: das Schildern einer Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Beim routinierten Springen zwischen den einzelnen Handlungssträngen zeichnet sich Boyle für gewöhnlich auch durch eine äußerst differenzierte Figurenzeichnung aus, völlig unamerikanisch eigentlich, weil es dem Leser dadurch schwerer fällt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

»Talk Talk« bringt den Leser nicht in diese innere Zerrissenheit. Auch wenn sich Boyle bei der Beschreibung des Identitätsräubers inklusive seines Umfeldes viel Zeit lässt, fällt es einem doch schwer, Sympathien dafür zu entwickeln. Umso größer ist hingegen die Identifikation mit Dana Halter, was angesichts ihrer körperlichen Behinderung schon bemerkenswert ist. Ein Urteil darüber, ob es Boyle gelungen ist, mit allen Sinnen ausgestatteten Menschen die Welt der Taubstummen begreiflich zu machen oder sie zumindest dafür zu sensibilisieren, sollte den Taubstummen vorbehalten sein.

Eines lässt sich aber mit allgemeingültiger Gewissheit sagen: Obwohl man nicht alle Handlungen von Dana und ihrem Freund Bridger hundertprozentig nachvollziehen kann, insbesondere Danas letzte Entscheidung in diesem Buch dürfte unter den Lesern heftig diskutiert werden, so fiebert man doch mit ihnen mit. Von Anfang bis zum Ende. Wird es ihnen gelingen, Wilson Peck aufzuspüren und ihn zu stellen? Und was dann? Das sind die Fragen, die diesen Roman vorantreiben.

Boyle knüpft in »Talk Talk« einen Spannungsbogen, der von der ersten bis zur letzten Seite reicht. Dementsprechend gehört der neue Roman zweifellos zu seinen besseren Werken, vielleicht ist es sogar eines seiner spannendsten Bücher, ganz sicher aber das temporeichste, das er bisher geschrieben hat.
 
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Talk Talk -
Gebundene Ausgabe

Hanser, 396 Seiten
ISBN 3-446-20758-9
 
Talk Talk - Hörbuch
gesprochen von Jan Josef Liefers, Hörverlag
ISBN 3-89940-927-2