| Jan Weiler: Maria, ihm schmeckt's nicht! |
 |
| Mangiato fino all'ultima pagina da Holger Reichard |
| |
 |
| |
»Sie sehen doch, hier, bitte schön, meine Möse leuchtet. Möse an, Möse aus, Möse an, Möse aus. Ich habe die Möse ganz normal bedient und jeder konnte sie sehen. Oder haben Sie meine Möse etwa nicht gesehen? Ist doch groß genug, oder?«
Wenn man als Deutscher einen Verkehrsunfall in Italien hat, die italienische Sprache nicht perfekt beherrscht und bei den anschließenden Erklärungsversuchen vor versammelter Menge die Wörter Blinker (freccia) und Möse (fregna) vertauscht, kann das Loch nicht groß genug sein, in das man zuguterletzt versinken möchte.
Jan Weilers teils wahre, teils fiktive Erzählung ist voll von derlei amüsanten Beschreibungen. Sie beginnt damit, dass er eines Morgens beim Bäcker seine spätere Frau Sara kennenlernt, eine Halbitalienerin. Er heiratet sie und wird so Mitglied der Familie Marcipane aus Campobasso, Hauptstadt der Region Molise. Dort gibt es »Oliven und Wein, aber keine Industrie und wenig Hoffnung.«
Die Hauptfiguren auf italienischer Seite sind dafür umso sympathischer, allen voran Antonio, kurz Toni, der Schwiegervater des Erzählers, Gastarbeiter, verlorener Sohn, Mann ohne Heimat. Man könnte meinen, ihn schon des öfteren gesehen zu haben, in der Eisdiele, während des Fussballspiels gegen Lupomartini Wolfsburg oder - wie in meinem Fall - sogar im eigenen Freundeskreis. Zumindest hatte ich während der gesamten Erzählung das Gesicht eines Bekannten vor Augen, der ausnahmslos wie Toni ist: ein Gastarbeiter sizilianischen Ursprungs, lamentierend, klein, aber dominant und äußerst konsequent, wenn es darum geht, die Silben in einem Satz mit gepflegtem Akzent zu verdoppeln - trotz jahrzehntelangen Aufenthalts in Deutschland.
Auch die Mutter von Antonio schließt man umgehend ins Herz, Nonna Anna, eine kleine, gebückt schlurfende Frau mit riesiger Erich-Honecker-Brille, die der deutschen Fernsehwerbung entsprechend nur wenige Bestimmungen hat: in der Küche zu stehen und zu kochen, ausländische Familienneulinge in die Wange zu kneifen und dafür zu sorgen, dass immer ein frischer panettone im Schrank steht.
Hört sich also an, als würde »Maria, ihm schmeckt's nicht!« kein Klischee auslassen. Es ist interessant, die zahlreichen amazon-Leserkritiken zu studieren, die der Erzählung gewidmet sind und in denen sich der Autor trotz vieler Lobeshymnen diesem Vorwurf gegenübersieht. »Zu viele Klischees«, beklagen dort nicht wenige.
Diesem Urteil möchte ich mich nicht anschließen. Ich hatte bereits das Vergnügen, einer italienischen Hochzeit beizuwohnen, in Margherita di Savòia, gar nicht so weit entfent von Campobasso, habe Italien ausgiebig bereist, dort gefeiert, geliebt und bei Freunden gelebt, im Norden wie im Süden (was bekanntlich ein extremer Unterschied ist), und ich muss feststellen: Weiler hat Recht. Teilweise hatte ich bei seinem Buch das Gefühl, meine eigenen Reiseberichte zu lesen.
Natürlich übertreibt der Autor an vielen Stellen. Aber ist dies nicht beim Schreiben einer humorvollen Geschichte eine unverzichtbare Technik? Und kann man überhaupt über Süditaliener schreiben (noch dazu aus ihrer Sicht) ohne zu übertreiben? Wenn man einmal keine Spannungselemente mehr benötigt, um einen guten Krimi zu verfassen, könnte es klappen.
Ist Weilers Erzählung also durchweg gelungen? Nein, leider auch das nicht. Zur Mitte des Buches versucht er nämlich, die bis dahin höchst unterhaltsame Geschichte in tieferes Gewässer zu führen. Er widmet sich intensiv Antonios Vergangenheit und konfrontiert den Leser mit einer abenteuerlichen Kindheit im Norden von Neapel sowie mit den nicht durchweg erfreulichen Lebensbedingungen von Gastarbeitern in Deutschland.
Der Versuch ist löblich, doch die Erzählung leidet darunter, verliert ein wenig ihren roten Spaßfaden, der das Buch zuvor so lesenswert gemacht hat. Es will irgendwie nicht passen. Weiler hat seine Geschichte einfach zu lustig begonnen, als dass sich jeder Leser ohne Einwand auf diesen Stimmungswechsel einlassen möchte.
Zwar verliert die Sprache des Autors zu keinem Zeitpunkt ihre Lockerheit, auch gehen ihm die lustigen Anekdoten, die er hervorragend wiedergeben kann, nie ganz aus (weshalb ich mit Freuden weiterlas), doch es ist schon ein zweites Buch, das man plötzlich in Händen hält, und den Verlust des ersten bedauert man - bis zum Schluss, dem zweiten Schwachpunkt in Weilers Geschichte. Dort verrennt er sich in seine leidvollen Kindheitserfahrungen als Nichtschwimmer. Sie zu lesen, macht Spaß. Aber man fragt sich, was sie in ihrer Ausführlichkeit mit der eigentlichen Geschichte zu tun haben.
Unterm Strich ist das Buch jedoch noch soweit gelungen, weil unterhaltsam, kurzweilig und reich an amüsanten und treffenden Zeilen, dass man es mit gutem Gewissen allen weiterempfehlen mag, die eine Vorliebe für Italien haben, das Land bereisen möchten oder gerade begeistert vom unteren Teil des Stiefels zurückgekehrt sind. Ganz falsch liegen kann man mit diesem Buch sowieso nicht, weil es ein Bestseller geworden ist und es längst einen Fortsetzungsroman zu kaufen gibt. In diesem reist Jan Weiler zusammen mit Schwiegervater Toni nach Übersee, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem man Mösen und Blinker wesentlich leichter auseinanderhalten kann. |
| |
 |
|
|
|
|