Jetzt muss ich erst einmal überlegen, was man in einem Nachruf so alles hineinschreibt. Vielleicht sollte ich damit anfangen, wann die Bumsdorfer Gerüchteküche gegründet worden ist, wie alles anfing, wie viele Shows und welche Highlights es gab. Das Dumme ist nur, ich weiß das alles gar nicht. Über das Gerüchteküchen-Blog (evtl. schon offline) ist es nicht herauszubekommen, und einen der Köche zu fragen, habe ich im Moment keine Lust. Ich glaube, es wäre auch Quatsch und den Bumsdorfern selbst gar nicht so wichtig, hier einfach nur die Eckdaten ihrer leckeren Lesebühne aufzuzählen.
Interessanter ist sicherlich, welchen Eindruck sie auf ihre Zuschauer gemacht hat. Auf einen Zuschauer wie mich. Dreimal war ich in der Gerüchteküche zugegen. Über die Spätfolgen dieser Besuche kann ich noch nichts sagen. Aber bislang hat es sich gelohnt, sonst wäre der erste Besuch schon der letzte gewesen.
Im Mai 2008 saß ich erstmals am Küchentisch. Die Köche Axel Klingenberg, Marcel Pollex und Roland Kremer tranken, lasen und führten durch das Menü. Zu den Gästen gehörten Michael Völkel, weswegen ich mich auf den langen, weiten Weg nach Bumsdorf gemacht hatte, sowie »Ofelia und Uzrukki«, die mit E-Klampfe und Mikro »Elektro-Schrott« zum Besten gaben, eine für mich weitgehend neue Musikrichtung, die möglicherweise schon im Mülleimer der Geschichte gelandet ist.
Also in jeder Hinsicht ein ziemlich gewöhnungsbedürftiges Programm. Auch die Atmosphäre des Veranstaltungsortes, die KaufBar in der Bolchentwete, war ziemlich gewöhnungsbedürftig. Früher, das weiß ich noch, war in dem Gebäude eine Kneipe untergebracht. Man konnte dort Billard spielen oder der weiblichen Bedienung nachstellen. Billard spielte ich in jener Zeit eher selten.
Im Mai 2008 war da nun die KaufBar, mit Regalen, Sofas, Sesseln und Stühlen, die nur unter einem Gesichtspunkt ausgesucht worden sein konnten: Kein Möbelstück darf zu dem anderen passen. In dieser Umgebung also, auf einer Sitzgelegenheit, wie ich sie das letzte Mal vor 30 Jahren in der Wohnung meiner Großmutter vorfand, und umhüllt von den anarchischen Klängen regionalen Elektro-Schrotts, lernte ich die Bumsdorfer Gerüchteküche kennen - und ihre Macher.
Als ich neulich gefragt worden bin, was die Bumsdorfer Gerüchteküche sei, antwortete ich: eine bescheidene Mischung aus »Waschsalon« und »Krömer-Show«. Ich glaube, es war vor allem mein erster Besuch in der Gerüchteküche, der mich zu dieser knappen Beschreibung verleitet hat und von der ich mich noch nicht trennen konnte.
Auch nicht, als ich ein zweites Mal die Gerüchteküche besuchte und damit zum Wiederholungstäter wurde. Die Gäste dieses Mal: Christoph Eyring und Thorsten Stelzner, den ich aus dem Mesozoikum meines literarischen Lebens kannte und der mich nach all den Ewigkeiten unter den vielen Millionen Gerüchteküche-Zuschauern entdeckte, wiedererkannte und aufs Herzlichste begrüßte. Seitdem weiß ich, Bumsdorf macht süchtig.
Deshalb war ich zwei Monate später, im April 2009, schon wieder dort, sah als Bühnengäste Till Burgwächter, Lars G. und Kersten Flenter. Die DRK-KaufBar war inzwischen umgezogen in die Helmstedter Straße und hatte - was mich persönlich nicht wirklich überraschte - offenbar alle Möbel aus der Bolchentwete mitgenommen.
Auch das Moderatoren-Ensemble hatte man nicht an alter Wirkungsstätte liegengelassen, nicht einmal Ben Büttner, der mit seinen virtuosen und mitunter sehr spontanen Einlagen am Klavier als Helmut Zerlett Bumsdorfs in die Annalen der Gerüchteküche einzugehen scheint.
Nur eines hatte sich geändert: Der neue Standort in der Helmstedter Straße verfügt über eine richtige Bühne. Autoren und Publikum begegnen sich seit dem Umzug also nicht mehr auf Augenhöhe. Ein echter Fortschritt. Doch dann ereilte mich und alle anderen Gerüchteküchen-Fans die Schreckensmeldung von Axel Klingenberg. Er schrieb, dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist.
Am 18. Juni 2009 gab die Bumsdorfer Gerüchteküche ihre Abschiedsvorstellung. Das ist einerseits äußerst schade, andererseits halb so schlimm. Nach der Sommerpause, das versprach Axel, soll es mit einer neuen Lesebühne weitergehen. (Vielleicht ist diese ja noch gewöhnungsbedürftiger. Ich bin da guter Hoffnung.)
Zudem ließ man mich zum Abschied auch nochmal kurz auf die höher gelegte Bumsdorf-Bühne (zusammen mit Wiebke Saathoff und Karsten Weyershausen). So kann ich jetzt behaupten: Nach mir konnte nichts mehr kommen.
Danke Bumsdorf! |
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letzte Vorstellung


Abschied von der Bumsdorfer Gerüchteküche

Die Gäste der letzten Gerüchteküche waren: die Slam-Poetin Wiebke Saathoff, Cartoonist und Buchautor Karsten Weyershausen (»111 Gründe, erwachsen zu werden«) und Buchautor Holger Reichard (»111 Gründe, sich selbst zu lieben«).

Des weiteren brachten die Ensemble-Mitglieder Axel Klingenberg, Marcel Pollex und Daniel Terek die neuesten Elaborate ihres literarischen und satirischen Schaffens zu Gehör. Es moderierte wie immer Roland Kremer. Sein bezaubernder Assistent Ben Büttner sorgte für die musikalische Untermalung des Abends.
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