Owen King: Der wahre Präsident von AmerikaDer Originaltitel lautet »We’re all in this together«, was man mit »Da stecken wir jetzt alle drin« oder boshafter mit »Das müssen wir jetzt gemeinsam ausbaden« übersetzen könnte. Gemeint ist der Ausgang der Präsidentschaftswahl, welche uns George Bush als US-Präsident beschert hat, zwar nicht wirklich gewählt, aber…

Was beim Rest der Welt massives Kopfschütteln und Unverständnis auslöst, geht zumindest auf literarischem Terrain an den Bewohnern der neuen Welt auch nicht spurlos vorbei – nun, zumindest an einem Teil von ihnen.

George ist 15 Jahre alt und geradezu prädestiniert, das ungeliebte Buch zu schreiben namens »Meine Probleme und ich – wie mein Leben schon zu Zeiten der Pubertät im Keim erstickt wurde«. Seine Eltern sind getrennt, sein Vater hat sich nie um ihn gekümmert, dafür allerdings um allerlei bewusstseinserweiternde Stoffe, die garantiert jede Beziehung zum Scheitern bringen.

George lebt allein mit seiner Mutter, die im »Zentrum für Familienplanung« junge Mädchen berät und zum Dank dafür von durchgeknallten Gotteskriegern (nicht nur) mit wüsten Parolen beschimpft wird. Die beiden wohnen im Haus der neuen Liebe der Mutter, im Haus von Dr. Vic, einem Spießer par excellance, einem ausgemachten Langweiler, einem Bush-Wähler, wie sich später nicht wirklich überraschend herausstellt. George ignoriert sämtliche ehrlich gemeinten Versuche des Mannes, ein vernünftiges Miteinander praktizieren zu wollen. Wo er nur kann, sät er Ablehnung, ja geradezu offen ausgelebten Hass. Sein Ziel: die Beziehung der beiden Liebenden zu beenden.

Halt findet er weniger bei seiner Mutter als vielmehr bei seinem Großvater, einem alten Gewerkschafter, dessen Vorgarten ein großes Schild mit dem Konterfei von Al Gore ziert, es ist betitelt mit »Der wahre Präsident von Amerika«. Der alte Mann macht aus seinem Herzen keine Mördergrube, für ihn war diese Wahl ein Betrug, und darüber diskutiert er tagein, tagaus mit seinem ebenso alten krebskranken Freund, der mit ihm im Wechsel Joints rauchend den Garten unsicher macht.

Das Schild wird mehrfach Opfer von Farbangriffen; irgendjemand schmiert gehässige Drohungen auf das Holz; des weiteren klaut wahrscheinlich der gleiche Täter einen Teil der Sonntagszeitung des alten Herrn, perfiderweise mit stoischer Regelmäßigkeit. Grandpa Henry setzt sich mit Farbmunition zur Wehr und beobachtet von nun an aus dem Haus heraus die nähere Umgebung des Schildes, das Gewehr immer im Anschlag.

»Der wahre Präsident von Amerika« lebt von den skurrilen Figuren und deren Nöten. Niemand scheint glücklich zu sein in dieser Geschichte. Liegt das an der unredlichen Wahl oder – wie im Fall von George – am Alter sowie an der konfliktbeladenen Situation daheim?

Die Figur des George macht im Laufe der Zeit eine Wandlung durch. Setzt er zu Beginn noch alles daran, die Beziehung von Dr. Vic und seiner Mutter zu zerstören, so bewirkt der bei ihm einsetzende Lernprozess (für den auch sein Großvater und dessen Ansichten mitverantwortlich sind) gegen Ende der Geschichte, dass er nicht nur versucht zu retten, was noch zu retten ist, sondern auch für sich selbst beginnt, einen Weg zu finden. Er erkennt viele der Stereotypen als falsch und zieht vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben dann doch die richtigen Schlüsse.

Owen King zeichnet ein durchaus kritisches Bild von Amerika, ein Spiegelkabinett der Gescheiterten und Hoffnungslosen, aber nicht nur: Der Hoffnungsschimmer, der auch für die große Nation nicht erloschen ist, gesteht er zumindest einem Teil seiner Protagonisten zu.

Owen King: Der wahre Präsident von Amerika | Deutsch von Thomas Haufschild
Rütten & Loening 2006 | 313 Seiten | amazon-info

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