Nick Hornby: Small CountryDass mein Sohn der Star eines Pornofilms ist, fand ich heraus, als Karen Glenister, die zwei Häuser die Straße runter wohnt, mir einen Umschlag durch den Briefschlitz steckte. Im Umschlag steckten ein Video und ein Zettel:

Liebe Lynn, es ist eigentlich nicht meine Art, den Leuten Schmuddelfilme in den Briefkasten zu stecken! Aber ich könnte mir denken, dass der hier Dave und dich interessiert!

In vier hervorragenden Kurzgeschichten tut Hornby das, was er am besten kann: Er bringt sympathische, aber leicht neurotische Menschen in peinliche bis ausweglose Situationen. Lynn und Dave müssen sich in »Not a star« mit dem neuen Job ihres Sohnes und der Belastbarkeit ihrer liberalen Einstellung auseinandersetzen.

Das titelgebende »Small Country« hat die Ausmaße eines kleinen Dorfes und Schwierigkeiten, eine komplette Fußballmannschaft aufzustellen, die gegen andere Nationalmannschaften antreten soll.

In »Otherwise Pandemonium« zeigt ein mysteriöser Videorekorder die Zukunft und die sieht alles andere als rosig aus.

Die Hauptfigur in »Nipplejesus« ist ein ehemaliger Türsteher, der einen ruhigeren Job haben möchte und deshalb Wächter in einer Galerie wird. Leider bekommt er ausgerechnet die Aufgabe, ein Skandalbild zu bewachen, das eine Menge Menschen provoziert.

Die erste und die letzte Geschichte entsprechen am ehesten Hornbys bisherigem Schaffen. In der Titelgeschichte führt er eines seiner Lieblingsthemen, den Fußball, auf das Feld der Groteske. In »Otherwise Pandemonium« wagt er sich sogar in die Gefilde der Science Fiction und legt eine lupenreine Dystropie vor.

Mein Favorit ist allerdings »Nipplejesus«, dessen Story ungeheures Potenzial besitzt: Ungebildeter Schläger trifft auf exzentrische Kunstszene. Man kann sich gut ausmalen, was ein schlechterer Autor daraus gemacht hätte. Bei Hornby liefert die Naivität der Hauptfigur einige gelungene Pointen, ohne den Mann lächerlich zu machen, und sein erwachendes Kunstinteresse wird aufrichtig und berührend beschrieben. Die Künstler sind alles andere als weltfremde Spinner, die ihren Kopf in den Wolken tragen. Wie in allen Geschichten kommt es auch hier zu überraschenden Wendungen.

Fazit: Ein echter Hornby. Und das ist ein Gütesiegel.

Nick Hornby: Small Country | Deutsch von Ulrich Blumenbach und Harald Hellmann
Kiepenheuer & Witsch 2011 | 158 Seiten | amazon-info

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