Martin Suter: Die dunkle Seite des MondesIn einer langatmigen Abhandlung über die chemische Zusammensetzung von psilocybinhaltigen Pilzen fand er einen Hinweis auf MAOHS. Es handelte sich dabei um Stoffe, die zweierlei bewirkten: Erstens setzten sie die Enzyme außer Gefecht, die die Aminosäuren – und damit die meisten Drogen im Körper – abbauen. Und zweitens verstärkten sie die Wirkung von Psilocybin im Hirn. … Dann folgte eine Aufzählung einiger Pflanzensamen, die MAOHs enthielten. Unter anderem die Samen der Ayahuasca und der Passionsfrucht und – allerdings nach schwer zu überprüfenden Berichten – ein mitteleuropäischer Pilz, »conocybe caesia«, ein äußerst seltenes Mitglied der Familie der Samthäubchen.

Urs Blank, der Protagonist des Buches, dreht nach dem unwissentlichen Genuss eben jenes seltenen Pilzes etwas durch. Eigentlich ist er ein überdurchschnittlich erfolgreicher Wirtschaftsanwalt Ende 50, der eines Tages plötzlich beschließt, nach einer geschäftlichen Besprechung zu Fuß durch den Wald zu laufen anstatt das Taxi zu nehmen. Schon hier ist ihm klar, dass ihm sein zu sehr auf den beruflichen Erfolg ausgerichtetes Leben eigentlich nicht gefällt.

Auf dem Rückweg in die Stadt begegnet er an einem Flohmarktstand Lucille, einem esoterisch angehauchten Hippiemädchen Mitte 20. Natürlich ist Lucille atemberaubend schön, und natürlich fängt Urs Blank eine Affäre mit ihr an, wegen der er seine aktuelle Lebensgefährtin, bereits die Nachfolgerin seiner eigentlichen Ehefrau, verlässt. In Lucille lernt er eine andere Welt kennen, die sich von seiner vor allem durch Geldknappheit und andere Werte von der seinen unterscheidet.

Bis hierhin könnte man als Leser denken, man wäre in einem typischen Beziehungsdrama-/ Selbstfindungs-Roman, in dem Urs Blanks Leben durch eine neue Liebe eine Wendung nimmt und er zu einem erfüllteren Leben geführt wird. (Wären da nicht von Anfang an einzelne Szenen immer wieder dazwischen geschoben, die eher einen Thriller vermuten lassen, der von dunklen Machenschaften in der Geschäftswelt handelt.)

Doch dann nimmt Lucille Blank mit zu Joe, der Pilztrips verkauft. Blank, sehr skeptisch, macht ohne große Begeisterung, eher Lucille zuliebe, mit. Der Trip, in dem Urs Blank sich als allmächtig erlebt, hat unvorhergesehene, langanhaltende Nachwirkungen: Blank wird rücksichtslos, sein Gewissen fällt aus, andere Menschen sind ihm egal. Als er seinem langjährigen Schulfreund, der rein zufällig Psychiater ist, davon erzählt, versucht dieser, Blanks Persönlichkeitsveränderung durch einen zweiten Pilztrip, einen unter seiner Anleitung, wenn auch ebenfalls bei Joe, zu korrigieren bzw. rückgängig zu machen. Doch wie sich später herausstellt, fehlte beim zweiten Trip die Sorte Pilz, die beim ersten die stärkste Wirkung ausübte.

Ist es doch eher ein Roman über Drogen und die Hippie-Szene?, fragt man sich als Leser an dieser Stelle vielleicht. Doch die Wirkungen, die der Pilz auf Urs Blank hat, sind verheerend: Er kehrt der Anwaltskanzlei den Rücken und wird zum Mörder. Es fängt damit an, dass er Lucilles geliebter Katze Troll beiläufig den Hals umdreht, als sie ihm auf den Schoß springt, kurze Zeit später provoziert er einen Verkehrsunfall mit zwei Toten, ermordet und verbrennt Joe, droht seiner Ex-Lebensgefährtin mit dem Tod, erschlägt und überfährt einen Drogenabhängigen, erwürgt beinahe Lucilles neuen Freund, stößt einen harmlosen Wanderer in den Abgrund und pfählt einen Polizeischäferhund.

Als Leser meint man endlich zu erkennen, dass es sich bei dem Buch um einen Krimi handelt, denn obwohl Blank stets aus reinem Impuls heraus mordet und die meisten Leute eigentlich nur tötet, weil sie ihm bei irgendetwas hinderlich oder lästig sind oder im Weg stehen, ist die Polizei ihm bald auf den Fersen, allen voran der Besitzer des getöteten Schäferhunds.

Das Buch scheint sich also zu einem reinen Krimi zu entwickeln, in dem jede Sympathie für Blank auf der Strecke bleibt, doch Blanks Obsession mit Pilzen und dem Wald wird immer stärker und rückt für eine Weile wieder in den Mittelpunkt. Er übt sich im Survival-Training, täuscht schließlich seinen eigenen Selbstmord vor und taucht im Wald unter, und als Leser fühlt man sich zwischenzeitlich wie in einer Parodie von Thoreaus »Walden, or Life in the Woods«.

Der Roman endet jedoch mit einer Konfrontation zwischen Blank und einem seiner früheren Geschäftspartner, den er beleidigt hatte. Dieser Geschäftspartner ist ähnlich skrupellos wie Blank, allerdings ohne Drogen genommen zu haben, er ist außerdem Jäger, ahnt, dass der Selbstmord von Blank nur vorgetäuscht war und ist fest entschlossen, sich eigenhändig an ihm zu rächen.

Eine psychologisch – und medizinisch? – nicht besonders tiefsinnige oder glaubwürdige Geschichte, aber trotzdem sehr, sehr spannend von der ersten bis zur letzten Seite, nicht zuletzt durch die Genresprünge, die den Leser immer wieder auf eine falsche Fährte führen und quasi mehrere Geschichten in einer bieten. Das perfekte Buch für eine langweilige Zugfahrt von ungefähr sechs Stunden.

Martin Suter: Die dunkle Seite des Mondes | Deutsch
Diogenes 2001 (15. Auflage) | 314 Seiten | Jetzt bestellen

1 Kommentar

  1. hab das buch schon vor einer weile gelesen und bin durch die wissenschaftliche ungenauigkeit entsetzt gewesen. vielleicht hätte herr suter sich vorher mal wenigstens ETWAS über pilze erkundigen sollen, bevor er was zu papier bringt. neueste wissenschaftliche erkenntnisse lassen sogar den schluss zu, das durch pilze sogar auf lange dauer sich gewisse gehirnstrukturen positiv beeinflussen (ja, ich sehe den roman auch(!) als kritik an der droge). mit bauchschmerzen wg. des o.g. themas aber trotzdem ein kurzweiliges vergnügen.

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