Mark Harris: Five Came Back. A Story of Hollywood and the Second World WarAls nach der Bombardierung Pearl Harbours, am 7. Dezember 1941, auch die Vereinigten Staaten mobil machten, verspürte man vielerorts fast so etwas wie eine Erleichterung. Die Debatte um einen Kriegseintritt schien das Land zu zerreissen. Gerade Hollywood hatte schon früh begonnen, sich mit dem Faschismus auseinanderzusetzen, nur wollten sich viele Amerikaner nicht in Kampfhandlungen, die auf der anderen Halbkugel der Erde stattfanden, hineinziehen lassen. Nicht wenige prominente Kriegsgegner, wie zum Beispiel Charles Lindbergh, sympathisierten sogar offen mit dem Naziregime.

Die Filmgewaltigen mussten sich daher als Kriegstreiber beschimpfen lassen, wenn sie die Kampfhandlungen in Europa in ihren Streifen thematisierten. Kluge Köpfe wie die Regisseure John Ford (»Der schwarze Falke«), Frank Capra (»Ist das Leben nicht schön?«), William Wyler (»Ben Hur«), John Huston (»African Queen«) und George Stevens (»Giganten«) ahnten bereits, dass Amerikas Kriegseintritt unausweichlich war. Die Frage bestand darin, ob man tatenlos zusehen wollte oder nicht.

Für Männer wie Capra und Ford war es Patriotismus, der sie veranlasste, sich in den mittleren Jahren, mit beginnender Plauze und nachlassender Sehkraft, in eine Uniform zu zwängen. Für den Juden Wyler, der aus dem Elsaß stammte, war der Kampf gegen Hitler eine Herzensangelegenheit, während der egozentrische Huston den Krieg als großen Abenteuerspielplatz betrachtete. Stevens hingegen, jung verheiratet und mit einem kleinen Sohn, den er über alles liebte, fiel die Entscheidung, eine florierende Karriere aufzugeben, ungleich schwerer. Doch alle fünf zogen 1942 in den Krieg, um Propaganda und Dokumentationen für die Armee zu produzieren. Sie hatten keine Ahnung, was auf sie zukam.

Der amerikanische Journalist Mark Harris, der in seinem superb recherchierten Buch den Weg beschreibt, den diese fünf sehr unterschiedlichen Männer in den folgenden vier Jahren zurücklegten, versteht es, aus Interviews, Zeitungsnotizen, Biografien, Tagebucheinträgen, Briefen und Filmen ein ganzes Jahrzehnt lebendig werden zu lassen. Mit »Pictures at a Revolution« (2008) hatte er bereits ein ähnliches Buch über das New Hollywood der 60er Jahre verfasst.

Hierzulande sind solche Bücher inzwischen undenkbar. Selbst eine Übersetzung lässt bislang auf sich warten. Dabei ist Harris einer jener seltenen Schreiber, denen nicht nur ein immenses Wissen und die Fähigkeit der akribischen Recherche zu eigen sind, sondern auch das Talent, Geschichte packend wiederzugeben. Vor allem widersteht er stets der Versuchung, sich über seine Hauptdarsteller zu erheben –, was in vielen Situationen sicher verlockend war.

Besonders Western-Urgestein John Ford ist ein Held, der auf einem extrem wackligen Sockel steht. Wie er um jede seiner Auszeichnungen feilscht, permanent zwischen Patriotismus, Eitelkeit, Größen- und Männlichkeitswahn pendelnd, ist er eigentlich eine tragische Figur. Ganz wie seine Kollegen lebte er in einer privilegierten, abgeschotteten Welt, in der sich alles um die eigene Person drehte und jeder nur so viel zählte, wie das Einspielergebnis des letzten Films. Einmal herausgerissen aus dieser Blase, konnten die fünf Hollywoodianer nur schwer in ihr altes Leben zurückkehren, das ihnen plötzlich banal und sinnlos erschien. Die Bilder, die sie sahen, haben sie nie wieder losgelassen. Ihre Biografien bekamen einen Knacks.

George Stevens, der seine Karriere als Gagschreiber für Laurel & Hardy begann und im Krieg die Befreiung Dachaus filmte, konnte nur schwer mit dem Erlebten fertig werden. Gerade in diesen Passagen zeigt Harris großes Einfühlungsvermögen. Eine fast tragischere Figur ist Frank Capra. Der einstmals erfolgreichste Filmregisseur der Welt war plötzlich unfähig, das Publikum der Nachkriegsära zu verstehen. In vier Jahren der Abwesenheit war die Zeit über ihn hinweggegangen.

Die völlig unterschiedliche Weise, wie diese Männer den Krieg erlebten und ihre Erlebnisse verarbeiteten, macht den Reiz dieses Buches aus. Daneben erzählt es von der Bereitwilligkeit, mit der sich Publikum und Kritiker mit angeblich authentischer Kriegsberichterstattung hinters Licht führen lassen. So gesehen ist es Geschichtsstunde und faszinierende Reflexion auf unsere eigene Gegenwart zugleich. Dabei ist die immense Arbeit, die Harris investiert hat, auf jeder Seite spürbar.

Mark Harris: Five Came Back.
A Story of Hollywood and the Second World War
| Englisch
Penguin Press 2014 | 528 Seiten | amazon-info

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