Mario Früh (Hrsg.): Meine Kühe können fliegenEine Analphabetin findet in der Jackentasche ihres Mannes einen Brief, dessen Handschrift auf eine Frau schließen lässt. Ihre ungewöhnliche Reaktion hat Michail Sostschenko in einer Herz erwärmenden Geschichte verpackt, die sich in Mario Frühs (Hrsg.) Sammelbändchen »Meine Kühe können fliegen« in wunderbarer Gesellschaft befindet.

Das Buch ist Anfang März bei der Edition Büchergilde erschienen. Die Autoren, deren Erzählungen der Chef der Gildenbücher in dem handlichen Band vereint, beherrschen allesamt die Magie der Wörter und spielen mit Phantasie, Originalität und poetischer Aussagekraft. Die vergnüglichen wie nachdenklichen Geschichten kreisen um das Lesen, Schreiben und Erzählen und lassen auch das eigene Verhältnis zu Geschichten reflektieren.

Erinnerungen werden wach, wie z.B. der eigene Sohn als Kind Abend für Abend das selbst Erdachte einforderte und jede kleinste Abweichung vom Vortag monierte. Monieren lässt sich natürlich auch der geschriebene Text, doch wie das diktatorische System der DDR staatsfeindliche Absichten in poetische Texte hinein interpretierte, lässt selbst eine ihrer ehemaligen Bürgerinnen erschauern. Dem Autor Salli Sallmann ist aufgrund seiner eigenen Erfahrungen im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen ein beklemmendes Zeitzeugnis gelungen.

Mit der Schilderung seines Versuches, die deutsche Sprache zu lernen, strapaziert Mark Twain nicht nur des Lesers Zwerchfell, sondern dringt mit seiner geschilderten Not so tief, dass man sich beinahe ein wenig schämt. Italo Calvino taucht in die phantasievolle Gedankenwelt des Lesers ein, während es Giovanni Papini mit seiner Frage »Wer bist du?« philosophisch angehen lässt. Der Protagonist in dieser Erzählung wacht erst durch die Ignoranz seiner Mitmenschen auf, findet sich selbst und so auch zu seiner Umwelt zurück. Ulla Hahn beschreibt ihre prägenden Leseerlebnisse und kommt zu dem Schluss:

»Ob Heinrich Heine im Wintermärchen oder Jesus im Lukasevangelium: Poet oder Gottessohn versichern uns: Wer liest, hat das Bessere gewählt, das, was ihm nicht mehr genommen werden kann.«

Die Orte des Lesens beleuchtet Kurt Tucholskys Frage »Wo lesen wir unsere Bücher?« Seine Quintessenz ist so einleuchtend wie patriotisch:

»Merke: Es gibt nur sehr wenige Situationen jedes menschlichen Lebens, in denen man keine Bücher lesen kann, könnte, sollte …«

Ein wenig verrückt mutet »Des Nachtwächters Stundenbuch« von V.S. Naipaul an. Dennoch kann man sich beim Lesen ihrer Anziehungskraft kaum entziehen. Bestimmt hat fast jeder schon einmal Absurditäten in seinem Arbeitsleben erfahren dürfen. Diese hier leben von der unvermeidlichen Komik und den Bildern, die die eigenen Erfahrungen provozieren.

Die von unbedarfter Kinderkreativität und einer Portion Schlagfertigkeit lebende letzte Geschichte von Marion Früh selbst beschließt diesen Band der Freude und Erbauung. Natürlich ist so ein Gildenexemplar auch optisch ein Liebhaberstück. Dafür sorgte Cosima Schneider mit ihrer durchdachten Gestaltung in Leinen sorgsam ausgewählten kleinen Grafiken vor jeder Geschichte. Der neugierig gewordene oder leidenschaftliche Leser kann den ergiebigen Quellennachweis für weitere literarische Abenteuer nutzen.

Mario Früh (Hrsg.): Meine Kühe können fliegen | Deutsch
Edition Büchergilde 2014 | 144 Seiten | amazon-info

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