»Aus so wenigen Beispielen kann man ersehen, was für Wunder an den Insekten zu bemerken sein müssen, und wie dienlich uns die Untersuchung ihrer natürlichen Beschaffenheit zur Verherrlichung des göttlichen Rahmens sein könnte, der große Dinge tut, die man nicht ergründen kann, und Wunder, die man nicht erzählen kann.«

Werden die Bienen wirklich aussterben? Wie fühlt sich das an, wenn alle Nutzpflanzen von Hand bestäubt werden müssen? Wie sieht die Welt um ein solches Horrorszenario aus? Die norwegische Autorin Maja Lunde führt dem Leser in ihrem Roman »Die Geschichte der Bienen« genau diese Situation vor Augen. Packend, lebendig, einfühlsam und doch gnadenlos.

Im Jahr 2098 bestäubt die Arbeiterin Tao in China die Bäume von Hand, weil die Bienen längst ausgestorben sind. Gemeinsam mit ihrem Mann unternimmt sie alles, um ihrem Sohn Wei-Wen ein weniger entbehrungsreiches Leben zu ermöglichen. An einem der seltenen freien Tage erleidet Wei-Wen während eines Familienausfluges einen mysteriösen Unfall, der nicht nur sein Leben gefährdet, sondern das Fortbestehen der gesamten Menschheit beeinflussen wird. Weil die Behörden den kleinen Jungen isolieren, riskiert Tao ihre Ehe und begibt sich auf eine lange Suche. An deren Ende atmet man gemeinsam mit der Heldin dieser Zeit ein Fünkchen Hoffnung.

Ungefähr 240 Jahre vorher lernt man den in England lebenden Biologen und Samenhändler William kennen. Seit Wochen liegt er krank im Bett, sein Mentor Rahm hat ihn längst aufgegeben, sein Geschäft ist geschlossen. Auch die Forschungen des eigenbrötlerisch wirkenden Typen scheinen lange schon erfolglos. Seine Idee von einem vollkommen anders konstruierten Bienenstock lässt Williams Leidenschaft noch einmal aufleben. Spannend schildert Maja Lunde, wie William erfahren muss, dass er nicht der erste ist, der an einer neuartigen Bauweise von Bienenbehausungen arbeitet. Der Leser leidet mit ihm und bangt um die Baupläne, die im Verlauf der Handlung noch eine wichtige Rolle spielen werden.

Im Jahr 2007 hängen diese eingerahmt im Hause des Imkers George, der für seinen Traum hart arbeitet. Er möchte seinen Hof vergrößern und wünscht sich, dass er von seinem Sohn Tom übernommen wird. Tom möchte jedoch Journalist werden, erhält ein Stipendium und schreibt sich an einer Universität ein. Bis die Bienen eines Tages verschwinden.

Maja Lunde beschreibt Rückschläge und Hoffnungen der drei Protagonisten abwechselnd aus der Sicht der jeweiligen Hauptperson. Fließend, bewegend und nachdrücklich erzählt sie von der ineinander greifenden Kooperation der Generationen und dem nicht fassbaren Zusammenhang zwischen der Menschheitsgeschichte und den Bienen. Der Leser reist fasziniert durch die Zeiten, durchlebt Krisen und Konflikte mit William, George, Tom und Tao und hangelt sich an deren Hoffnungen durch die Jahrhunderte. Für den rundum lesenswerten Roman hat die Übersetzerin Ursel Allenstein einen adäquaten Tonfall gefunden.

Trotz der eher spartanischen Ausgabe haben die Buchgestalter mit der glänzenden liegenden Biene auf dem Schutzumschlag einen Coup gelandet, ist man doch immer geneigt, ihr zaghaft über den Rücken zu streichen. Hardcover, Vorsatzpapier und Lesebändchen sind förmlich in sonnengelben Honig getaucht.

Was bleibt, sind die unausweichlichen Fragen, die dem schmackhaften Imker-Honigbrötchen zum Frühstück einen neuen Stellenwert verleihen. Wie gehen wir mit unserer Umwelt und deren Lebewesen um? In welchem Zustand hinterlassen wir die Erde unserer nachfolgenden Generation? So wenig und doch so viel wiegen die kleinen summenden Lebewesen, denen wir in unserem von der Industrie bestimmten Alltag (zu) wenig Bedeutung beimessen.

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen | Deutsch von Ursel Allenstein
btb 2017 | 512 Seiten | Jetzt bestellen

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