Jonathan Lethem: Chronic CityDie ersten Klümpchen fielen drei Stunden vor der Dinnerparty des Bürgermeisters vom Himmel. Es waren keine Flocken, sondern frostgesponnene Puzzleteile, die da ins Blickfeld rotierten, als hoffte ein unsichtbarer Revisor darauf, sie bei der Ankunft zusammenzusetzen.

Chase Insteadman verkehrt in der High Society Manhattans. Er lebt als ehemaliger Kinderstar von Tantiemen und gelegentlichen PR-Auftritten. Da er ständig auf Dinner-Partys und Charity-Events eingeladen wird, muss er sich nicht um sein leibliches Wohl sorgen. Alle nehmen Anteil am Schicksal seiner Verlobten, die als Astronautin in einer steuerlosen Raumkapsel um die Erde kreist. Doch Chase treibt ebenso orientierungslos durch Manhattan wie seine Verlobten durchs All und bleibt während ihrer Fernbeziehung auch nicht unbedingt treu. Die dekadenten Partys, auf denen er wie ein Maskottchen herumgereicht wird, höhlen ihn aus. Jeder Tag ist wie der andere, bis zu der zufälligen Begegnung mit Perkus Tooth, dem schielenden, ständig kiffenden Kulturkritiker, der in jungen Jahren seine Kritiken auf Plakaten überall in der Stadt aufhängte.

Perkus Tooth hatte recht. Ich kann es genauso zugeben, dass ich als Tischdekoration bei Abendgesellschaften diene. Es ist etwas Angenehmes an mir. Ich gleite reibungslos dahin auf den Kugellagern des Charmes, habe ein gemäßigtes Charisma, das niemanden weh tut. Als Schauspieler im Ruhestand repräsentiere ich die Künste, verbreite jedoch nicht die störende Aura der Unzufriedenheit, des Ehrgeizes oder der Bedürftigkeit. Jeder begreift sofort, woher mein Geld kommt – Tantiemen -, und dass ich genug davon habe.

Perkus lässt sich in langen Monologen über den Zeitgeist und den Zustand der Kultur aus. Er ist geradezu besessen von Marlon Brando und leugnet hartnäckig dessen Tod. Perkus erwartet seine Rückkehr als eine Art Erlöser, der die Stadt vor sich selbst retten wird. Bei Perkus lernt Chase Ooana Laszlo kennen, die als Ghostwriterin die Autobiografien von traumatisierten Sportlern verfasst. Auch Chases Freund Richard findet sich gelegentlich auf einen Joint in der Küche des Kritikers ein. Dort führen sie herrlich bekiffte Gespräche, wie z. B. als sie Pläne schmieden, um die Adlerplage an Richards Haus zu beseitigen, ohne dass die Tierschützer davon Wind bekommen.

Lethem lässt immer wieder phantastische Elemente aufblitzen, ohne sie weiter zu vertiefen. Die gesamte Stadt wird seit Tagen von einem mysteriösen Schokoladengeruch durchweht, dessen Ursache sich niemand erklären kann. Ganze Häuser verschwinden im Erdboden und dann soll sich in der Gegend auch noch ein entlaufener Tiger herumtreiben, der immer mehr zu einer urbanen Legende wird.

Daneben präsentiert er banalstes Alltagsleben wie die mitreißende Schilderung eines Bietwettstreits bei ebay: die Euphorie als Höchstbieter, die Anspannung in den letzten Sekunden des Angebotes und der Katzenjammer, nachdem man überboten wurde oder etwas völlig überteuert ersteigert hat, was man eigentlich überhaupt nicht braucht. Er führt die New Yorker Schickeria und Intellektuellenkreise vor. Exzentrische Millionäre, die ihr gesamtes Leben im Pyjama verbringen und schon mal ein ganzes Restaurant mieten, um mit Chase allein zu speisen. Künstler und Redakteure, die stundenlang über Filme, Musik, Malerei, Comics und Literatur fachsimpeln.

Es gibt zahlreiche Anspielungen auf den Kulturbetrieb. Die schönste fand ich den Verfasser des ziegelsteinschweren, tausendseitigen Romans »Störrischer Staub« mit dem Namen Ralph Warden Meeker. Leicht lässt sich dahinter David Foster Wallace erkennen. Lethem ist inzwischen von New York nach Kalifornien gezogen und hat die Stellung des verstorbenen Wallace am Ponoma College übernommen.

Das Buch verfügt über einen faszinierenden Schauplatz, vier interessante Hauptfiguren, einen hervorragenden Stil und jede Menge skurrilen Witz, dabei bleibt allerdings die Handlung auf der Strecke. Die hervorragenden Zutaten werden leider durch die Geschwätzigkeit der Figuren und das ziellose Umherwandern in der Stadt so lange verdünnt, bis das gesamte Gericht ziemlich fad schmeckt.

Jonathan Lethem: Chronic City | Deutsch von Johann Christoph Maass und Michael Zöllner
Tropen Bei Klett-Cotta 2011 | 490 Seiten | Jetzt bestellen

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