John Williams: Stoner»Stoner« ist ein Buch mit einem seltsamen Werdegang. Der Autor John Williams veröffentlichte den Roman ursprünglich schon 1965. Obwohl er damals durchaus positive Kritiken bekam und John Williams zumindest in den USA ein etablierter Autor war, geriet »Stoner« in Vergessenheit und war zeitweise sogar gar nicht mehr erhältlich, geschweige denn, dass er in andere Sprachen übersetzt worden wäre. Erst ab 2006, mehr als zehn Jahre nach dem Tod seines Autors, erreichte »Stoner« durch eine Neuauflage ein größeres Publikum und entwickelte sich zur Überraschung aller zum internationalen Bestseller. Auf Deutsch ist er seit 2013 in der Übersetzung von Bernhard Robben bei dtv erhältlich.

Der späte Erfolg überrascht, erstens weil »Stoner« so gar nicht in unsere Zeit zu passen scheint, und zweitens weil die Handlung an sich uninteressant klingt. Der Roman erzählt die Lebensgeschichte des Titelhelden, der mit seinem Erfinder nicht nur den Vornamen William, sondern auch den Beruf teilt: Literaturprofessor an einer Universität. Stoner sollte eigentlich Agrarwissenschaften studieren – sein Vater schickte ihn an die Uni –, doch dort entdeckt er seine Faszination für Literatur und wird, anscheinend zum ersten Mal in seinem Leben, sich seiner selbst bewusst. Statt die elterliche Farm zu übernehmen, schlägt er eine Karriere als Dozent ein.

Stoners weitere Geschichte ist nach außen hin wenig bemerkenswert. Er lehnt es ab, am Ersten Weltkrieg teilzunehmen, und heiratet nach dessen Ende eine Frau, die so sehr der stereotypischen viktorianischen Bösewichtsfrau entspricht, dass sie der Schwachpunkt des Romans ist: Verwöhnt und aus privilegierter Familie, aber völlig weltfremd und sexscheu, macht Edith ihrem Mann das Leben zur Hölle, weil er ihr den gewohnten Lebensstandard nicht bieten kann. Sie verweigert sich ihm, außer um ein Kind zu zeugen, dessen Leben sie dann ebenfalls zielstrebig ruiniert. Es ist kaum nachvollziehbar, warum sie Stoner überhaupt heiratet; niemand zwingt sie dazu.

Um sich zu trösten, stürzt Stoner sich in seine Unikarriere, die wahrscheinlich erfolgreicher verlaufen wäre, wenn er im Ersten Weltkrieg gekämpft hätte. Doch auch abgesehen davon wird Stoner erst spät zu einem Lehrer, der seine Studenten wirklich erreicht, und scheitert dann an seiner Prinzipientreue. Er weigert sich, einen Studenten durch eine Prüfung zu schleusen, der von einem Kollegen protegiert wird, dem jedoch das Fachwissen fehlt. Der Kollege nutzt daraufhin Stoners Affäre mit einer Doktorandin, um ihn aufs akademische Abstellgleis zu manövrieren. Dort bleibt Stoner dann einfach.

Inner-universitäre Querelen einschließlich gar nicht so kurzer Schilderungen von literaturwissenschaftlichen Diskussionen über mittelalterliche Texte, Shakespeare und Shelley – man fragt sich, warum das irgendwelche Leser außer Literaturwissenschaftlern interessiert. Das Zeitgeschehen – immerhin Erster Weltkrieg, 1920er-Jahre, Great Depression, Zweiter Weltkrieg – kommt allenfalls am Rande vor. Stoner ist kein charismatischer Rebell. Er fügt sich einfach in sein Schicksal. Er wehrt sich nicht, weder gegen seine Frau noch gegen seinen Kollegen, er lehnt es ab, seiner großen Liebe zu folgen und aus dem Gefängnis auszubrechen, zu dem sein Leben geworden ist. Die Sprache, in der Williams das Ganze schildert, und sein Erzählstil sind so geradlinig wie Stoner selbst. Was also fasziniert das heutige Publikum an diesem Roman?

Vermutlich, dass Stoner sich null verbiegen lässt und sich immer treu bleibt. Kein anderer werden zu wollen ist auch der Grund, warum er nicht mit seiner späten Liebe wegzieht und ein neues Leben anfängt, obwohl das durchaus möglich wäre. Ohne sein Dozentendasein fürchtet er, seine Identität zu velieren. Stattdessen bewahrt Stoner Würde und Haltung in einem nach außen hin scheinbar nicht gelungenen Leben. Zu seinem eigenen Vorteil zu handeln interessiert ihn schlicht nicht. Und: Ihm fehlt jeder Drang zur Selbstdarstellung oder Rechtfertigung. Heute wäre er wahrscheinlich einer der wenigen Menschen, die nicht auf Facebook sind.

John Williams: Stoner | Deutsch von Bernhard Robben
dtv 2013 | 352 Seiten | Jetzt bestellen

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