James McGee: Der RattenfängerAm Fluss herrschte ein noch widerlicherer Gestank als in manchen Stadtvierteln. Ein Gebräu aus ekelerregenden Gerüchen – Teer, feuchtem Tauwerk, fauligem Brackwasser, vermodernder Vegetation und Kloaken – wetteiferte mit tausend anderen schädlichen, in Augen und Hals brennenden Dünsten aus den angrenzenden Gerbereien, Färbereien und Sägemühlen.

Der historische Kriminalroman spielt 1811 in London. Das Land befindet sich im Krieg mit Napoleon, und die Stadt ist ein riesiger Moloch aus Gestank, Dreck und Verbrechen.

Zu Beginn wird ein Kurier der Admiralität bei einem Kutschenüberfall ermordet, und seine Papiere werden gestohlen. Dann verschwindet ein in Adelskreisen hoch angesehener Uhrmacher. Der Ermittler Matthew Hawkwood wird mit dem Fall beauftragt. Er unterhält Kontakte zur Unterwelt, da der gefürchtete Kopf einer Gaunerbande ein ehemaliger Kriegskamerad ist. Hawkwood findet heraus, dass sich in der Tasche des Kuriers die Baupläne moderner Kriegswaffen befanden, die Napoleon zum sicheren Sieg verhelfen würden. Außerdem erfährt er von einem geplanten Terroranschlag im Herzen Londons, der die Nation erschüttern soll.

Viele Bücher dieses Genre bauen eine detailversessene Abbildung einer Epoche auf und setzen dann eine x-beliebige Krimihandlung hinein, die zu jeder anderen Zeit genauso spielen könnte. Dies ist hier nicht der Fall. »Der Rattenfänger« nutzt sein London nicht nur als austauschbare Kulisse, sondern Zeit und Ort sind unentbehrliche Grundlage der Handlung.

Das Milieu ist treffend beschrieben, mit all seinen unappetitlichen Einzelheiten. Die brutale Realität in den Elendsvierteln wird ungeschönt gezeigt: Hundekämpfe, Kinderprostitution, Taschendiebebanden und Faustkämpfe über bis zu sechzig Runden ohne Handschuhe. Das ist nicht immer angenehm zu lesen, aber es verschafft dem Buch die Authenzität, die manche Handlungen der Figuren nachvollziehbarer macht.

Das Buch ist schnell, liest sich flüssig, ist abwechslungsreich und unterhaltsam. Die Handlung dreht sich nicht in erster Linie um die Tätersuche, sondern pendelt munter zwischen James Bond und Jules Verne. Unterhaltsame Figuren tummeln sich an häufig wechselnden Schauplätzen von düsteren Hafenspelunken bis zur mondänen Oberschichtsparty. Die Hauptfigur bleibt geheimnisvoll und interessant, schließlich handelt es sich um den Auftakt zu einer Serie. Einziger Kritikpunkt, wenn es denn einen zu suchen gilt, ist die zu moderne Sprache, die häufig das völlige Eintauchen in die Illusion des frühen 19. Jahrhunderts verhindert.

Alles in allem eine lohnende und unterhaltsame Lektüre für Krimifans. Das zweite Abenteuer um Hawkwood erscheint im Februar 2008 unter dem Titel »Die Totensammler«.

James McGee: Der Rattenfänger | Deutsch von Edeltraut Weiser
Heyne 2006 | 382 Seiten | Jetzt bestellen

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