James Lee Burke: RegengötterAm Ende eines brennend heißen Julitages im Südwesten von Texas, in einer kleinen Gemeinde, deren einzige wirtschaftliche Bedeutung in einer zwanzig Jahre zuvor von der Umweltschutzbehörde EPA geschlossenen Fabrik für Schädlingsbekämpfungsmittel bestanden hatte, hielt ein junger Mann in einem Wagen ohne Frontscheibe an einer verlassenen blau-weiß gestrichenen Tankstelle, die zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise Benzin von Pure Oil verkauft hatte und nun zahlreichen Fledermäusen und Bündeln von Steppenläufern Unterschlupf bot. Neben der Tankstelle befand sich eine Autowerkstatt, deren vertrocknete Seitenwände über einem verrosteten Pick-up mit vier platten und profillosen Reifen zusammengefallen waren. Über der Kreuzung baumelte eine Ampel von einem zwischen zwei Strommasten gespannten Kabel herab, die Lichter schon vor Ewigkeiten mit Patronen Kaliber .22 herausgeschossen.

Es mag ein Klischee in Rezensionen sein, aber der Roman ist zu Beginn so atmosphärisch, dass man tatsächlich die Sonne auf der Haut spürt und den Staub zwischen den Zähnen schmeckt.

Der texanische Sheriff Hackberry Holland folgt einem anonymen Anruf und findet hinter einer verlassenen Kirche die Leichen von neun asiatischen Frauen, die mit einem Bulldozer lebendig begraben wurden. Bei den Frauen handelt es sich wahrscheinlich um illegale Einwanderer, die als Prostituierte tätig waren. Es gab bei dem Vorfall einen Augenzeugen, der sich nun mit seiner jungen Freundin auf der Flucht befindet. Gejagt wird das junge Paar von dem Psychopathen Jack Collins, der sich »Preacher« nennt und eine sonderbare Auslegung der christlichen Lehre vertritt.

Sheriff Holland hat die 70 bereits erreicht und einiges hinter sich. Im Anschluss an seine Kriegsgefangenschaft in Korea verfiel er dem Alkohol und versuchte durch Bordellbesuche seine Kriegsleiden zu vergessen, was aber nur zur Scheidung von seiner Frau führte. Ein gebrochener Mann, könnte man meinen, doch diese Dinge liegen lange zurück und er ist an ihnen gewachsen. Der Holland, der einem zu Beginn des Romans begegnet, ist ein abgeklärter und besonnener Mann, der sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lässt.

Man fühlt sich an die Stimmung und Besetzung von »No country for old men« erinnert. Vor allem Tommy Lee Jones als Sheriff und Javier Bardem als Killer. Oder den Clint-Eastwood-Film »Perfect World«.

»Regengötter« hat ein sehr übersichtliches Personal und führt keine einzige überflüssige Nebenfigur ein. Die Figuren agieren weitgehend klischeefrei und selbst ein arroganter Agent der Zoll- und Einwanderungsbehörde hat hier mehr als nur einen Charakterzug. Überstrahlt werden sie alle von Jack »Preacher« Collins, der endlich einmal einen unberechenbaren Psychopathen darstellt, der tatsächlich unberechenbar ist. Wobei seine Taten einen besonderen Reiz dadurch gewinnen, dass er sie häufig mit seiner ganz eigenen Logik rechtfertigt.

Auch wenn die Protagonisten mit dem SUV durch die Wüste brausen, Handys benutzen oder die Bloodhound Gang hören, ist dieses Buch im Grunde ein Western, der in der Gegenwart spielt. Solche modernen Westerngeschichten sind besonders im Fernsehen recht erfolgreich durch Serien wie »Justified«, »Longmire« oder »Vegas«. Auch »Regengötter« wäre für die filmische Umsetzung mehr als geeignet, zumal schon eine Fortsetzung erschienen ist.

In den Neunzigern hat der Goldmann-Verlag zahlreiche Romane von James Lee Burke herausgebracht, von denen auch ich einige gelesen habe. Von den Abenteuern seines damaligen Serienhelden Dave Robicheaux wurden zwei verfilmt, einmal mit Alec Baldwin und einmal mit Tommy Lee Jones. Aber dann gab es kaum noch deutsche Übersetzungen. Mit »Regengötter« gelang Burke nun ein großes Comeback in Deutschland.

Ein besonderes Vergnügen ist Sprecher Dietmar Wunder, der schon die Don-Winslow-Romane zu einem Hörgenuss gemacht hat und als deutsche Stimme von 007-Daniel Craig einige Berühmtheit erlangte. Wunder spricht das Buch, als sei er für einen Cowboyfilm gecastet worden und müsse zwischen den einzelnen Absätzen einen Strahl Kautabak ausspucken. Besonders der Hauptfigur verleiht er eine abgeklärte Lässigkeit, die beeindruckt.

James Lee Burke: Regengötter | Deutsch von Daniel Müller
Random House Audio 2015 | Gelesen von Dietmar Wunder | amazon-info

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