Jakob Arjouni, Philip Waechter: Happy Birthday, Türke!Es summte unerträglich. Immer wieder schlug meine Hand zu, doch sie zielte schlecht. Ohr, Nase Mund – unerbittlich griff sie alles an. Ich drehte mich weg, drehte mich wieder zurück. Keine Chance. Mörderisch.

Der Autor Jakob Arjouni (1964 – 2013) war gerade mal 21 Jahre alt, als sein türkischstämmiger Frankfurter Privatdetektiv Kemal Kayankaya zum ersten Mal ermittelte. Dass »Happy Birthday, Türke!« der Auftakt einer erfolgreichen Krimi-Reihe werden würde, ahnte der junge Schriftsteller damals noch nicht.

Kayankayas Wirkungskreis erstreckt sich über die hessische Landeshauptstadt Frankfurt Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Wer den damals umjubelten Gegenwartskrimi heute neu entdeckt, tritt beim Lesen eine Zeitreise in die Bundesrepublik zu Beginn der Kohl-Ära an. Das ist ebenso spannend wie unterhaltsam, denn Arjounis Stil und sein charakteristischer Humor provozieren und kommen eher angriffslustig als zimperlich daher. Wo der einfache Packer hessisch »babbelt«, skurrile Gestalten aus dem Rotlichtmilieu das Klischee bedienen und der Kriminalkommissar wie ein Metzger auf Urlaub aussieht, spürt der Leser Erinnerungen oder einfach dem Zeitgeist nach.

Die junge Türkin Ilter Hamul beauftragt Kayankaya, den Tod an ihrem Mann Ahmed aufzuklären, der in einem Bordell ermordet wurde. Sie meint, der Ermittlungseifer der Polizei nach dem Täter sei nicht energisch genug. Kayankaya beginnt seine Nachforschungen ein wenig konfus und muss bald erkennen, dass er jemandem in die Quere kommt. Er erhält einen Drohbrief und wird fast überfahren. Einen Angriff mit Tränengas überlebt er um Haaresbreite. Das hindert den muffeligen Raubeiner jedoch nicht daran, seine Untersuchungen auf unkonventionelle Art und Weise fortzusetzen, hier und da auch mittels Einsatz seiner Fäuste.

Die Polizei ist von seiner Schnüffelei ebenfalls nicht begeistert. Konstruktive Hilfe? Fehlanzeige! Kayankaya steckt bereits mitten im Frankfurter Sumpf aus Zuhälterei, Prostitution und Drogenhandel. Die Hilfe des pensionierten Kriminalkommissars Löff kommt ihm gerade recht. Von nun an verfolgen sie die Spuren gemeinsam. Die fehlenden Beweise muss Kemal Kayankaya selbst beschaffen. Und das gestaltet sich alles andere als einfach, hat doch die Frankfurter Polizei in diesem Fall einiges zu vertuschen.

Der eigenwillige türkischstämmige Privatdetektiv hat auch den Leser von heute schnell auf seiner Seite. Wen interessiert es schon, dass er gar kein türkisch spricht. Man bekommt mit ihm Kopfschmerzen, schlechte Laune, schmunzelt und leidet. Schade, dass das Lesevergnügen so schnell vorbei ist.

© Cover/Illustrationen: Philip Waechter/Edtion Büchergilde

Die einmaligen Illustrationen des Frankfurter Zeichners Philip Waechter ergänzen, was Arjouni mittels Sprache transportiert. Die rote Milieustudie färbt sich rosa bis pink und bedient alle Nuancen dieser Farbe von hell bis dunkel. So unkonventionell wie Kayankayas Ermittlungen, so außergewöhnlich wie sein erster Fall ist die auch die Umhüllung. Den Betrachter freut’s. Das Vorsatzpapier zeigt die Frankfurter Skyline in Grauabstufungen, das Papier ist hellgrau, das Lesebändchen markiert den Lesefortschritt in schrillem Pink. Ich habe es nicht oft gebraucht. In wessen Händen die Buchgestaltung lag, muss man nicht mehr nachschlagen. Cosima Schneiders Handschrift ist offensichtlich.

Der Leser, der Kemal Kayankay in dieser Ausgabe zum ersten Mal begegnet, wird nun mit ihm gemeinsam die vier anderen Fälle aufklären wollen. Jakob Arjouni starb am 17.01.2013 in Berlin.

Jakob Arjouni, Philip Waechter: Happy Birthday, Türke! | Deutsch
Edition Bücherbilde 2016 | 200 Seiten | amazon-info

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