Jakob Arjouni: Der heilige EddyDeger- oder Dregerlein zögerte, seine Züge strafften sich, und für einen Moment sah es so aus, als ließe die Wirkung des Alkohols schlagartig nach. Doch der Moment dauerte nicht lange. Wie von Eddy erhofft, warf Deger- oder Dregerlein einen Blick zu Eddys aufgeklappter Brieftasche und versicherte sich, dass jegliches Misstrauen unangebracht war. Der nette Florian, Frau und Kind, seine Kreditkarten und Ausweise eine Armlänge entfernt – gut, man hörte so einiges über Berlin, aber hier musste er sich nun wirklich keine Sorgen machen. Und nach was sähe das aus, wenn er seine Brieftasche aus dem Sakko fummelte, bevor er es für einen Augenblick aus der Hand gäbe?

Eddy führt ein Doppelleben. Genauer gesagt, ein Dreifachleben. Es gibt den Trickbetrüger Eddy, der am Berliner Hauptbahnhof gutbetuchte Reisende ausspäht und sie mit einem simplen Bananenschalentrick um ihr Geld bringt. Es gibt den Straßenmusiker Eddy, der davon träumt, von der Musik leben zu können und die Betrügereien nur abzieht, um ein Auskommen zu haben. Und es gibt den gutbürgerlichen, stilbewussten Eddy, der mit den Nachbarn harmoniert und auf die unbedingte Einhaltung von Regeln pocht. Vor allem diese Rolle sorgt für sehr komische Momente, wenn er cholerischen Geschäftsleuten und gelangweilten Leibwächtern gegenübertritt.

»Ja. Denn es ist nun mal folgendermaßen: Wir sind hier so was wie eine große Familie und wir sind es nicht gewohnt, dass Unbekannte im Treppenhaus stehen. Hier wohnen Kinder und alte Menschen, für deren Sicherheit wir uns alle verantwortlich fühlen. Verstehen Sie?«

»Wollen Sie mich verarschen?«

»Überhaupt nicht. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen das gerne genauer erklären. Da Sie mir allerdings Ihren Namen nicht verraten wollen, muss ich wegen erwähnter Verantwortung für die Haussicherheit darauf bestehen, dass wir unser Gespräch draußen fortsetzen.«

So kreuzt sein Weg den von Horst »Hotte« König, einem Großunternehmer, der einst als Retter von Berlin gefeiert und nach Betriebspleite und Massenentlassung zum meistgehassten Mann der Stadt wurde. Es kommt, wie es kommen muss, und plötzlich hat Eddy eine Leiche am Hals.

Arjounis großes Talent bestand schon immer darin, Figuren und Situationen zu erschaffen, die einem während des Lesens Unbehagen bereiten. Vielleicht, weil sie so vertraut oder so leicht vorstellbar sind. Bei ihm wird Fremdschämen großgeschrieben. Man bekommt diese Szenen lange nicht mehr aus dem Kopf. Allein das Ablenkungsmanöver, das sein Held mit mehreren Möbelhändlern inszeniert, um im allgemeinen Durcheinander die Leiche des Königs aus dem Haus zu schaffen, lohnt schon die Anschaffung des Buches.

Doch der wahre Ärger beginnt damit erst für Eddy. Hinter dem Unfall wird schon bald ein politisch motivierter Mord vermutet und die Familie des Opfers von Boulevardjournalisten belagert. Und dann lernt Eddy auch noch die schöne Tochter des Königs kennen …

Mit seinen Kemal-Kayankaya-Krimis von »Happy Birthday, Türke« bis »Kismet« wurde er berühmt und hat zahlreiche Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht. Sein Buch »Der heilige Eddy« ist eine Krimikomödie mit viel Berliner Lokalkolorit und – wie immer bei Arjouni – ein großes Lesevergnügen.

Jakob Arjouni: Der heilige Eddy | Deutsch
Diogenes 2009 | 256 Seiten | Jetzt bestellen

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Close