Irvine Welsh: Ein ordentlicher RittTerry Lawson fährt durch Edinburgh, das ihm billig und zweitklassig erscheint. Eine Stadt, niedergeschmettert von ihrem eigenen Mangel an Ambition, elendig unzufrieden mit ihrem Status als nordbritische Provinzstadt und dennoch unwillig, sich einer glänzenderen Zukunft als europäische Kapitale zu stellen. Düsterer Stimmung macht er sich auf den Weg zum Haymarket, um Drecksbulle zu treffen.

Terry Lawson, ein muskelbepackter, lockenköpfiger Taxifahrer in Edinburgh, trägt mit Vorliebe neongrüne Trainingsanzüge und prahlt mit seinem übergroßen Geschlechtsteil. In seinem Taxi landet eines Tages Ronald Checker, ein amerikanischer Reality-TV-Star mit Irokesenschnitt und Maßanzug. Checker findet Gefallen an seinem prolligen Fahrer und engagiert ihn für die Dauer seines Aufenthaltes in der Stadt. Er ist auf der Suche nach einer speziellen Flasche Whiskey, während die Stadt von einem aufziehenden Orkan bedroht wird.

Irvine Welsh schenkte uns »Trainspotting« und saftige Bücher wie »Drecksau« und »Das Sexleben siamesischer Zwillinge«. Aktuell erscheint »Trainspotting 2« im Kino und eigentlich wäre das ein Grund gewesen, »Porno« zu rezensieren, die literarische Vorlage des Films, aber widmen wir uns zuerst seiner aktuellen Veröffentlichung.

In »Ein ordentlicher Ritt« begegnet uns mit Juice Terry Lawson ein alter Bekannter aus Welshs Werk. Terry ist ein typisches Großmaul, das einfach jede Frau anmacht, und mit dieser Methode genug Treffer erzielt, um zufrieden zu sein. Dass einem diese Figur nicht völlig unsympathisch ist, kann man zu den großen Verdiensten des Autors zählen. Es liegt wahrscheinlich daran, dass Terry sich Integrität und Prinzipien bewahrt hat, auch wenn diese ziemlich verworren sind. Außerdem geht er recht souverän mit den ganzen Krisen um, mit denen er konfrontiert wird. Sei es nun, vertretungsweise ein Bordell zu hüten oder eine verschwundene Freundin zu finden.

Einige Abstriche muss ich machen, weil das Buch doch einige Längen besitzt und die Handlung durch den häufigen Perspektivwechsel zerfasert. Dass man eine Figur sowohl in der ersten als auch der dritten Person schildert, kann bei einem einzelnen Charakter durchaus tiefere Einblicke verschaffen, bei mehreren Figuren jedoch führt diese Methode zu Verwirrung.

Empfindsame Gemüter sollten darüber hinaus gewarnt sein: Die Sprache in diesem Buch ist derb und vulgär, und man muss den Übersetzer Stephan Glietsch loben, wie wortreich ihm die Übersetzung gelungen ist. Er findet auch einen schönen deutschen Ton für den Dialekt mancher Edinburgher. Viele der Worte habe ich schon gesprochen gehört, aber noch niemals ausgeschrieben gesehen.

Insgesamt ist Welshs Roman genau das, was der Titel beschreibt. Eine faszinierende Reise durch Gegenden, die man in der Realität nicht besuchen möchte, und ein deftiges Leseabenteuer, das nicht nur den Horizont, sondern auch den (Schimpf-)Wortschatz erweitert.

Irvine Welsh: Ein ordentlicher Ritt | Deutsch von Stephan Glietsch
Heyne Hardcore 2016 | 448 Seiten | amazon-info

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