Irvine Welsh: Das Sexleben siamesischer ZwillingeBodysculpt, ein durchkommerzialisierter Yuppie-Schuppen mit viel Glas und schniekem Pinienparkett, erinnert dagegen eher an eine beknackte Lounge Bar. Die haben hier sogar feste DJs, die sogenannte »Workout-Musik« spielen. Für gewöhnlich ist das ein fader Ambient-Dreck für faule, mit Prozac bedröhnte, Cocktails schlürfende Festlandwale, die glauben, sie wären hier in einem beschissenen Spa.

Der Ton ist rau in diesem Business. Lucy Brennan ist Fitnesstrainerin in Florida. Gesund, fit und aktiv wie sie ist, reduziert sie ihre Mitmenschen gerne auf deren Body-Mass-Index. Sie ist hart zu sich selbst und zu anderen. Als sie eines Tages den Weg eines Amokläufers kreuzt, überwältigt sie diesen medienwirksam mit einem sportlichen Fußtritt.

Gefilmt wird diese Heldentat von Lena Sorenson, einer extrem übergewichtigen Künstlerin. Sie arbeitet mit Tierkadavern, die sie entlang des Highways aufsammelt, und verendeten Tieren aus dem Zoo. Aus den Knochen bildet sie ihre Skulpturen. Lena entbrennt sofort in Bewunderung für Lucy.

Lucys Leben wird durch ihre Heldentat komplett umgekrempelt und sie erlangt sogar genug Prominenz, um von Paparazzi verfolgt zu werden. Alle reißen sich um die junge Frau, die ideal für die Vermarktung ist. Doch dann entpuppt sich der Amokschütze als verwirrtes früheres Opfer eines Pädophilen, nämlich dem Mann, dem er auflauerte. Plötzlich muss sich Lucy für ihre Tat rechtfertigen und ein Politiker auf Stimmenfang nimmt sie aufs Korn, weil sie dem armen Missbrauchsopfer die Rache an seinem Peiniger nicht gönnte. Während Lucy bereits das Ende ihrer noch nicht begonnenen Karriere sieht, rückt ihr Künstlerin Lena immer mehr zu Leibe und engagiert sie als Personal Trainer.

Fitnesswahn, Realitysendungen, Boulevardjournalismus, Intrigen. Miami ist ein hochtouriges Tollhaus und Irvine Welsh steht als Dompteur in der Mitte. Seine Heldin ist vulgär, tough, bisexuell und lässt an nichts und niemandem ein gutes Haar. Zum großen Vergnügen des Lesers, denn das alles ist respektlos, schnoddrig und ziemlich witzig.

Manche literarischen Spielereien, wie z.B. Lucys Briefverkehr, wären nicht unbedingt nötig, aber darüber kann man hinwegsehen, weil der Rest einfach so gut ist. Der frische und flotte Erzählton bereitet einfach nur Vergnügen und der herrliche Inhalt lässt den Leser nicht von der Angel.

Irvine Welsh hat seit »Trainspotting« einige hervorragende Bücher geschrieben. »Das Sexleben siamesischer Zwillinge« ist mindestens so gut wie »Drecksau«, mein Lieblingsbuch von Welsh.

Irvine Welsh: Das Sexleben siamesischer Zwillinge | Deutsch von Stephan Glietsch
Heyne 2015 | 448 Seiten | Jetzt bestellen

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