Im März 2017 veröffentlichte die Edition Büchergilde den Graham-Greene-Klassiker »Der dritte Mann«, in einer Neuübersetzung von Nikolaus Stingl und mit Illustrationen von Annika Siems. Bei der Vorstellung des Buches am 24. März im Museum für Druckkunst in Leipzig stand uns Annika Siems für ein Kurz-Interview zur Verfügung.

Frau Siems, für die Nachkriegsgeneration zählt der »Der dritte Mann« von Carol Reed zu den angesagten Gegenwartsfilmen. Kaum jemand, der die Zithermelodie von Anton Karas nicht kennt. Welchen Zugang findet die Generation der Enkelkinder, zu der auch Sie als Illustratorin gehören, zu dem inzwischen historischen Stoff?

Natürlich habe ich überlegt, den Film noch einmal zu schauen, als ich die Anfrage erhielt, die Neuübersetzung von Nikolaus Stingl zu illustrieren. Sich an bekannten Bildern aus dem Film zu orientieren, hätte beim Leser Erwartungen geweckt, denen ich vermutlich nicht gerecht geworden wäre. Ich wollte zum einen die Stimmung während der Besatzungszeit in Wien nach dem Zweiten Weltkrieg widerspiegeln und das Rätselhafte der Erzählung als solches einfangen. Weil ich mit meiner Recherche im Netz schnell an Grenzen gestoßen bin, habe ich das »Dritte-Mann-Museum« in Wien besucht. Neben einer umfangreichen Sammlung an Originalexponaten über den Filmklassiker von 1948 kann man sich hier ausführlich über den historischen Hintergrund und die Besatzungszeit in Wien informieren.

Welche Bilder hatten Sie nach ihren Nachforschungen im Kopf?

Im »Dritte-Mann-Museum« habe ich alles, was es dort über den Film und den Schauplatz zu sehen gibt, eingesogen. So entstanden Bilder und Skizzen im Kopf, die ich später im Atelier mit Bleistift und Tusche zu Papier brachte – Handlung und Szenenverlauf immer im Hinterkopf.

Worauf kam es Ihnen bei der Gestaltung der Bilder an?

Ich wollte die Charaktere als Typen und deren Eigenständigkeit beibehalten und habe mich deswegen von der spannenden Licht- und Schattenkulisse des Films leiten lassen. So landete ich schließlich bei Aquarellen in Sepia. Die Ton-in-Ton-Malerei beschränkt sich zum einen auf das Wesentliche; zum anderen lässt sie Details wie die Schriftzüge im Vorsatzpapier oder die Filmplakate auf der Litfaßsäule zu.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der Büchergilde?

Ich hatte von Beginn an alle künstlerischen Freiheiten, die ich mir für meine intensive Auseinandersetzung mit diesem historischen Stoff wünschte. Insbesondere die Buchgestalterin Cosima Schneider vertraute mir von Beginn an.

Es gibt genug Bücher, die ohne Illustrationen und durchdachte Buchgestaltung auskommen. Welche Bedeutung hat es für Sie, an einem solchen Kleinod wie diesem mitgewirkt zu haben?

Ich hatte sehr viel Freude während der Arbeit an diesen Illustrationen. Es ist ein wunderbares Gefühl, Graham Greenes Geschichte weiter leben zu lassen und dass viele neue Leser sich für diese Ausgabe begeistern.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

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Das Gespräch führte Renate Bojanowski. Foto: © Martin Mascheski/Edition Büchergilde

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