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In der Wochenzeitung »Die Zeit« gab es lange Zeit diese nette Rubrik mit dem Titel »Was mache ich hier?« Ich hätte mir diese Frage am vergangenen Montag, als ich in den Verlagsräumlichkeiten von Hanser Berlin zum inzwischen siebten Mal den amerikanischen Schriftsteller T.C. Boyle traf, auch stellen können. Noch besser wäre die Frage gewesen: »Was mache ich immer noch hier?« Schließlich hatte ich mein Lieblingsprojekt www.tcboyle.de Ende 2013 weitgehend einstellen müssen, nach über 10 Jahren. Die Website war mit über 500 Seiten, 17.000 Forumeinträgen, einem stolzen Newsletterverteiler und dem ganzen Social-Media-Krimskrams zu umfangreich geworden. Zu viel Arbeit, zu wenig Zeit dafür, ein weiterer Relaunch nebenher nicht durchführbar.

Der Einladung vom Hanser Verlag zu einem weiteren Treffen mit T.C. Boyle konnte ich aber nicht widerstehen. Denn erstens habe ich mich ja nur der Website entledigt, nicht meiner Vorliebe für Boyles Bücher. Zweitens betreue ich noch immer die deutsche Facebookseite von T.C. Boyle (zu seinen Leserinnen und Lesern gehören ganz wunderbare Menschen, eine Community, von der ich mich ungern trennen möchte), und drittens handelte es sich beim neuerlichen Treffen in Berlin um eine ziemlich exklusive Veranstaltung.

Geladen war zunächst nur eine Handvoll Berliner Blogger, darunter die sympathische Klappentexterin und der nicht weniger sympathische Kulturjournalist Thomas Hummitzsch von intellectures.de, von beiden hatte ich auf meinen virtuellen Spaziergängen schon viel gehört bzw. gelesen. Nun saß ich ihnen direkt gegenüber. Vorgestellt wurde ich ihnen und den anderen Anwesenden zu meiner großen Überraschung als ein Literaturblogger der ersten Stunde. Wie bitte? Ich war geneigt noch einmal nachzufragen: ein Literaturblogger der ersten Stunde? Ich weiß nicht, ob ich mir dieses Prädikat anheften darf, aber es fühlt sich gut an. Deshalb mag ich das nicht weiter recherchieren.

Wichtiger ist ohnehin, was T.C. Boyle zu erzählen hatte: über seinen aufgeschlossenen und praktischen Umgang mit dem Internet und über seinen aktuellen Roman »Hart auf hart«. Bemerkenswert dabei: Es macht keinen Unterschied, ob er vor tausend Leuten spricht oder vor einigen handverlesenen Bloggern. Er ist und bleibt ein Entertainer, im Kleinen wie im Großen. Seine Ausführungen sind höchst unterhaltsam, immer authentisch und gut pointiert.

Seinen neuen Roman stellte er uns als eine amerikanische Geschichte vor. Umso spannender die Frage, weshalb die deutsche Presse aktuelle europäische Probleme, wie z. B. die Anschläge von Paris und Kopenhagen, in Boyles Story hineinprojiziert. (Übrigens nicht nur die Presse, auch ich selbst bemerkte beim Lesen seines Romans immer wieder, dass Gedanken an Charlie Hebdo oder Anders Breivik durch meinen Kopf schwebten.) Lesenswert ist in diesem Zusammenhang ein frisches Boyle-Interview in der »Welt« von Wieland Freund und Felix Zwinscher. Man sollte hier nur die reißerisch und/oder schlampig ausgewählte Titelzeile außer Acht lassen, weil sie meines Erachtens den Schriftsteller falsch zitiert und die Aussage, jeder Fundamentalismus sei rechtsradikal, aus dem Zusammenhang reißt.

Natürlich nutzte Boyle die Gelegenheit, uns von seinem nächsten Roman zu erzählen. Ein Beleg dafür, dass der Vielschreiber gedanklich längst schon wieder eine Runde weiter ist. The Terranauts, so der Arbeitstitel seiner nächsten Erzählung, handelt von einem Biosphären-Experiment in Arizona, von vier Männern und vier Frauen, die Mitte der 90er Jahre für einen längeren Zeitraum in eine künstlich angelegte Welt gesperrt wurden, eine Art »Truman-Show«, wie Thomas Hummitzsch treffend mutmaßte. Man darf gespannt sein: die Truman-Show in der Version von T.C. Boyle, also mit viel Natur drumherum und Menschen, die an dieser Umgebung scheitern.

Eine gute Stunde dauerte unsere Gesprächsrunde. Danach gesellten sich einige Buchhändler zur Veranstaltung sowie Boyles langjährige Lektorin Anna Leube, die den Schriftsteller für alle Gäste interviewte. Als die offiziellen Programmpunkte abgearbeitet waren, gab es bei Wein und leckeren Crêpes weitere Gelegenheiten zu plaudern, mit den bloggenden Kollegen, mit T.C. Boyle und auch mit seiner mitgereisten Tochter Kerrie. Ihr war ich 2009 schon einmal begegnet, während der Buchmesse in Leipzig. Anders als damals konnte ich ihr dieses Mal ein paar deutsche Sätze entreißen. Es gibt da nämlich – zu meiner großen Freude – einen niedersächsischen Fleck in ihrer Biographie: vier Monate Gymnasium in der oft unterschätzten Weltmetropole Verden an der Aller.

Und ja, natürlich war am Ende dieser wunderbaren Veranstaltung (vielen Dank an den Hanser Verlag) auch noch Zeit für das obligatorische Männerfreundschaftsbeweisfoto – mit der für mich tröstlichen Erkenntnis: Könnte ich mein Haupthaar noch hochtoupieren, wäre ich – zumindest optisch – genauso groß wie T.C. Boyle.

Weitere Impressionen vom Treffen mit T.C. Boyle gibt’s hier:
T.C. Boyle in Town | Lesevergnügen
Meeting T.C. Boyle | Aboutsomething

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