Helmut Krausser: KartongeschichteRegen trommelte aufs Dach der Penthousewohnung, als Eris Vater starb. ›Ruuuf den Notar‹, so seine letzten Worte, er richtete sich noch einmal auf, röchelte, presste beide Hände auf sein Herz und verschied. ›Ruuuf den Notar.‹ Mitten in der Nacht. Wozu hatte er einen Notar haben wollen? Als Eri dahinterkam, dass für das ›z‹ und das ›t‹ seinen Lippen keine Spannkraft geblieben war, lachte sie laut. Und schämte sich. Preßte beide Ohren in ein Kissen, um dieses hallende, gespenstische Lachen nicht mehr zu hören.

Eri heißt eigentlich Augusta, doch mit 13 war sie so dünn, dass ihre wenig sensibeln Mitschüler sie Eritrea tauften. Die erste Silbe der Spottbezeichnung hat sie sich als Namen erhalten. Sie ist inzwischen 22 und bemüht, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Bei ihrer Arbeit als Putzfrau in einem Pornokino verliebt sie sich in den Stricher und zukünftigen Ex-Junkie Angelo. Doch der ist leider ausschließlich homosexuell und möchte ihre Entjungferung nicht übernehmen.

Dann gibt es noch Liz, die mit silbernem Überzug als Statue in der Fußgängerzone auftritt. Die beiden Frauen ziehen zusammen, was dazu führt, dass Eri ein Geheimnis lüften muss: Sie bewahrt die Leiche ihres Vaters seit Jahren in der Wohnung auf, mit einfachen Hausmitteln balsamiert, um weiter seine Rente zu kassieren. Doch nun ist es Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. Gemeinsam mit Angelo und dessen Freund Jonas brechen sie auf, um dem Vater ein würdiges Begräbnis zu verschaffen. Verfolgt werden sie von Stan, dem Ex-Freund von Liz, der sie heimlich beobachtet und ein zunehmend psychotisches Verhalten an den Tag legt.

So unglaublich es klingt, aber der Roman ist eine Liebesgeschichte. Nicht einmal eine Liebeskomödie, aber trotzdem unglaublich komisch. Die absurden Bestandteile werden sehr trocken und völlig beiläufig serviert. Ein Höhepunkt in diesem rundum gelungenen Buch ist das »gestrichene Kapitel« bzw. die Rechtfertigung des Autors für dessen Streichung:

An dieser Stelle wurde ein Kapitel getilgt, um der Geschichte mehr Drive zu verleihen. (…) Trotz manch brillanter Schilderung leidet das Kapitel daran, dass es schleppend erzählt ist, sich in psychologischen Exkursen verirrt und im Grunde nur Vorhersehbares enthält. In der Collector’s Edition wird es unter dem Bonusmaterial erscheinen, für all jene, die meinen, darauf partout nicht verzichten zu können.

Krausser schreibt eine Prosa, die man nicht genug loben kann. Die Sätze sind so virtuos und jedes überflüssigen Wortes entledigt, bis nur noch die funkelnden Diamanten übrig bleiben. Prägnante Gebilde, die vor Information, Gefühl und Kraft nur so strotzen und von denen sich auf jeder Buchseite gleich mehrere zitierfähige Exemplare finden. Für mich der Beginn einer Reise durch sein Gesamtwerk.

Helmut Krausser: Kartongeschichte | Deutsch
btb Verlag 2008 | 144 Seiten | Jetzt bestellen

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