Heiko Wolz: Das Mädchen auf dem SeilWenn ich die Augen schließe, kann ich die Manege sehen, die gestreiften Zeltbahnen, die diese Wunderwelt vor den Augen der Nichteingeweihten bewahren. Hoch oben erspähe ich das Trapez, an dem bald kopfüber der Artist furchtlos baumeln wird, nachdem die Seiltänzerin ihren waghalsigen Gang über das straff gespannte Seil vollendet hat. Außerhalb des Zirkuszeltes werde ich vom Gestank der verfallenen Hinterhöfe bedrängt, ich laviere durch den Schutt, der sich meterhoch zu allen Seiten auftürmt, während ich so ganz nebenbei die nie versiegende Musik des Leierkastenmannes registriere, der auf ein paar Kreuzer hofft in dieser trostlosen Zeit hier im Berlin der Zwanziger Jahre …

Heiko Wolz ist ein Geschichtenerzähler, und es ist seine Leistung, dass die eben skizzierten Bilder in meiner Vorstellung Gestalt annehmen. Mit wenigen Worten und einer erstaunlich übersichtlichen Anzahl von Seiten (140) vermag er es, den Leser in eine Zeit vor fast hundert Jahren zu entführen, in der wir gebannt der Geschichte des kleinen Zirkus Koschwitz lauschen und der Freundschaft zwischen Juli Mergenthaler und Lona Rosenzweig.

In der Musikbranche wird das dritte Album als »Make it or break it«-Faktor bezeichnet, entweder schafft der Künstler damit den Durchbruch oder eben nicht. Wenn man das auf den Literaturbetrieb ummünzt, so wäre der nächste Roman von Heiko Wolz für ihn die Nagelprobe. Auf seiner Homepage hat er ja bereits verlauten lassen, dass ihm eine Art Trilogie vorschwebt, was den Schluss nahelegt, dass der dritte Roman in eine ähnliche Kerbe schlagen wird wie die beiden ersten.

Was beileibe nicht schlecht ist, denn beide lassen sich hervorragend lesen und machen zweifellos Lust auf weiteres Lesefutter aus dem Hause Wolz. Es bleibt abzuwarten, was nach dieser Trilogie kommt. Die entscheidende Frage, die nur Heiko Wolz selbst beantworten kann, lautet: Kommt er auch ohne diese manchmal fast surreal anmutenden Charaktere aus, die seine Bücher bevölkern? Welchen Weg wird er dann einschlagen?

Heiko Wolz hat eine sehr szenische Art zu schreiben. Mich erinnert sie ein wenig an einen Kino-Trailer. Eine Sequenz wird aufgeblendet, dann schwenkt die Kamera weiter zur nächsten Abfolge. Dies gelingt ihm mit relativ wenig Aufwand, was an sich schon eine Kunst ist. Ich bin sehr gespannt, wie sein weiterer Weg verlaufen wird.

Fazit: »Das Mädchen auf dem Seil« ist eine klare Leseempfehlung. Aufgrund der Länge könnte das Buch eher als Novelle denn als Roman durchgehen, aber schlussendlich sind das nur Kategorien, von denen der Erfolg des Buches nicht abhängen sollte. Wer »Spinnerkind« gemocht hat, wird das »Mädchen« lieben. Vielleicht wegen der lebendigen Charaktere, ganz sicher aber wegen der Atmosphäre des Buches. Ich habe das Gefühl, wirklich dort gewesen zu sein, in der Staubergasse, als stiller Beobachter des sich abzeichnenden Dramas.

Heiko Wolz: Das Mädchen auf dem Seil | Deutsch
Addita 2008 |140 Seiten | Nur noch antiquarisch erhältlich

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