Heike Guderjahn (Hrsg.): April, Sturm und andere TurbulenzenZugegeben, der Rezensentin Sympathie für Taschenbücher hält sich in Grenzen. Es sei denn, man findet ein Exemplar, das sich ob seines gestalterischen Mutes erheblich von den anderen unterscheidet: wie der im März erschienene Sammelband »April, Sturm und andere Turbulenzen«, herausgegeben von Heike Guderjahn bei der Edition Büchergilde.

Bevor sich der Leser den dreizehn Geschichten von der Liebe zuwenden kann, verführt ihn Buchgestalterin Cosima Schneider mit ihrer einfallsreichen Einbandgestaltung zum Auseinanderfalten der raffinierten Wickelbroschur. Das aufgeklappte Tafelbild zeigt den Panoramablick von einer Terrasse auf das Meer aus der Außen- und Innenperspektive während eines herannahenden Sturms. Drohen da noch mehr Turbulenzen?

april_sturm_und_andere_turbulenzen_2Die Illustratorin Susanne Wurlitzer hat neben dem großartigen Umschlag vor jede Erzählung die Zeichnung eines Raumes gesetzt, geheimnisvoll, atmosphärisch, poetisch. Den Betrachter zieht es rasch in die in die abgebildete Stimmung: mal leer, kühl oder gar düster.

In den Geschichten kommen namhafte Autorinnen zu Wort, u. a. Marguerite Duras, Virginia Woolf, Katherine Mansfield, Ingeborg Bachmann, Anna Seghers, Tania Blixen, Kate Chopin. Ihre Erzählungen haben es im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Sie sind inspiriert von echten Erfahrungen, weit entfernt von Klischees. Ihre Sprache ist reich und vielfältig, immer unverblümt und nachdrücklich. Und das in einem Zeitalter, in dem Frauen einen Skandal auslösten, wenn sie über ihr Gefühlsleben schrieben, geschweige denn das Geschriebene veröffentlichten.

Kate Chopins Erzählung entstand 1899 und wurde erst nach ihrem Tod veröffentlicht. Der vorangegangene Roman »Das Erwachen«, in dem sie ihrer Heldin gar ein Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung eingestand, gilt als Auslöser dafür, dass zu ihren Lebzeiten kein Buch von ihr mehr verlegt wurde. In der Erzählung »Glück« beschreibt Katherine Mansfield die Erregung einer Frau beim Anblick einer anderen und ihre gleichzeitige Sehnsucht nach der geschlechtlichen Vereinigung mit ihrem Mann.

Brisanz lässt ebenfalls eine Hochzeitsreise voller Zweifel und Befürchtungen vermuten, eindringlich von Dorothy Parker beschrieben. Tania Blixen widmet sich der jungen, naiven Ehefrau, die abrupt aus ihrer Arglosigkeit gerissen wird. Schön zu lesen, wie Anna Seghers das Selbstbewusstsein ihrer Heldin entwickelt, während Clarice Lispector das Selbstbild ihrer Protagonistin anzweifelt. Marguerite Duras umreißt in ihrer Geschichte »Der Greuel« ebenso aufrichtig wie glaubwürdig den Versuch eines Paares, die erstarrten Gefühle füreinander nach einer längeren Trennung wiederzubeleben.

Niemand bleibt am Ende derselbe. Alle beschriebenen Situationen leben von der Dynamik, der zwangsläufig ein Wandel folgt. Diese Geschichten wecken die Neugier, mit den Autorinnen auf weitere literarische Entdeckungsreise zu gehen, andere Publikationen zu lesen oder Bekanntes wieder hervor zu holen. Zwischen dem Erzählten bleibt dem Leser beim Betrachten der Illustrationen von Susanne Wurlitzer Raum für eigene Reflexionen. Wem dies nicht genügt: Das Buch lässt sich dank einer typografischen Raffinesse besonders gut lesen. Es ist stets der gesamte Absatz eingerückt, die erste Zeile eines Absatzes steht dem Textblock voran. Ein Vorzeigeobjekt, das der Bezeichnung »Taschenbuch« trotzt und mindestens den Zusatz de luxe verdient!

Heike Guderjahn (Hrsg.): April, Sturm und andere Turbulenzen | Deutsch
Edition Büchergilde 2015 | 240 Seiten | Jetzt bestellen

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