Harry Rowohlt: Und tschüsDas Jahr 2016 soll bitte endlich verschwinden, beklagen sich gerade viele angesichts des nicht nachlassenden Prominentensterbens. David Bowie, Roger Willemsen, Prince, Umberto Eco, Roger Cicero, Harper Lee, Carrie Fisher, Manfred Deix und und und … es reicht!

Ich bin mir nicht sicher, ob die vielen Todesfälle 2016 wirklich so außergewöhnlich sind. Vielleicht nehmen wir es nur so wahr, weil wir heute ganz anders in der Medienwelt verankert sind als noch vor ein paar Jahren. Und weil wir durch den seit Jahrzehnten gewachsenen Medienkonsum heute so viele Künstler kennen und verehren wie nie zuvor. Zweifellos nicht alle, aber doch viele dieser Künstler haben inzwischen ein Alter erreicht, in dem man … stirbt.

Schon 2015 haben sich viele große Geister von uns verabschiedet, gefühlt natürlich immer zu früh. Harry Rowohlt ist einer von ihnen. Am 15. Juni 2015 verstarb er in Hamburg, in jener Stadt, in der er rund 70 Jahre zuvor auch das Licht der Welt erblickte. Meines Wissens war er der einzige Literaturübersetzer, dessen Name die Verlage gerne auf dem Buchcover abdruckten, nicht kleiner als den Namen des Autors. Es war eben verkaufsfördernd.

Man konnte sicher sein: Ein Buch, das von Harry Rowohlt übersetzt wurde, hat eine gewisse Qualität, wobei ich glaube, dass Rowohlts Übersetzungen manches Buch zusätzlich lesenswert machten. Mein Lieblingsbeispiel dafür sind die Übersetzungen der Marx Brothers Radio Show Flywheel, Shyster & Flywheel, auf deutsch erstmals erschienen 1989 bei Rogner & Bernhard. Das Buch beinhaltet in Anhang die Originaltexte und bietet so die Möglichkeit, durch kurzes Zurückblättern zu ermitteln, mit welch großartiger Kreativität der anarchische Wortwitz der Marx Brothers ins Deutsche übertragen wurde – von Sven Böttcher und eben Harry Rowohlt.

Harry Rowohlt wurde jedoch, das ist bekannt, nicht nur als Literaturübersetzer geliebt, gefeiert und verehrt, sondern auch als Kolumnist (Pooh’s Corner), TV-Penner (Lindenstraße) und Rezitator. Was in dieser Aufzählung noch fehlt, das ist der Briefeschreiber Harry Rowohlt.

Seine nicht weggeschmissenen Briefe hat der Verlag Kein & Aber in drei Bänden veröffentlicht. Der letzte Band »Und tschüs« erschien posthum im vergangenen Herbst. Es sind Briefe an Verleger, Freunde, Künstlerkollegen, Journalisten, Veranstalter sowie an echte und vermeintliche Fans.

Es ist eine bunte Mischung, die auf höchst unterhaltsame Weise Rowohlts Arbeitspensum und -alltag widerspiegelt, ebenso die vielen Ecken, Kanten und Rundungen seiner Persönlichkeit. Er konnte ziemlich schroff sein, wenn ihm etwas nicht gefiel, aber eben auch sehr einfühlsam, herzlich und entgegenkommend, sowohl im persönlichen Gespräch, wie mein Autorenkollege Karsten Weyershausen zu berichten weiß, der ihn einmal interviewte, als auch in seinen Briefen. Geistreich war Harry Rowohlt dabei immer. Und witzig.

Es ist daher keine große Überraschung: »Und tschüs«, der dritte Teil der nicht weggeschmissenen Briefe, ist feinste Unterhaltung und weckt das Bedürfnis, die eigenen Briefe und E-Mails in Zukunft einmal ganz anders zu gestalten, intelligenter, bewusster, scharfsinniger und pointierter, am besten so wie Harry Rowohlt.

Harry Rowohlt: Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe III | Deutsch
Kein & Aber 2016 | 352 Seiten | amazon-info

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