Greil Marcus: Like a Rolling StoneEin ganzes Buch über einen einzigen Song schreiben, geht das? Nun, hieße das Lied »Sieben Fässer Wein« und der Interpret Roland Kaiser, müsste man sich schon sehr anstrengen, um 280 Buchseiten zu füllen.

Hier handelt es sich jedoch um den Klassiker »Like A Rolling Stone« von Bob Dylan, der einen Meilenstein in der Geschichte der Popmusik darstellt. Viel wichtiger jedoch ist: Greil Marcus, Autor des Standardwerks »Mystery Train – amerikanische Kultur und Rock’n’Roll«, versteht es wie kein Zweiter, kulturelle und zeitgeschichtliche Zusammenhänge aufzuzeigen und die eine oder andere Begebenheit mit einer amüsanten Anekdote zu erhellen.

Als Bob Dylan am 15. Juni 1965 ins Studio ging, konnte keiner ahnen, dass er an diesem Tag sein Meisterwerk abliefern sollte. Am wenigsten der Komponist selbst. Marcus beschreibt minutiös, die Entstehungsgeschichte jener musikalischen Perle. Damals wurden Popsongs nicht am Reissbrett entworfen, sondern sie entstanden im geordneten Chaos eines Studios, in dem glückliche Zufälle eben so wichtig waren wie Improvisationstalent und göttliche Eingebungen.

»Like A Rolling Stone« markierte für Dylan das Ende als Folksänger und die Geburt als Popstar. Es war sein erster großer Hit und der erste wichtige Song eines Künstlers, der aufgrund seiner Länge (über sechs Minuten) in zwei Hälften zerschnitten und auf auf die A- und B-Seite einer Single gepresst wurde.

Erst als die LP »Highway 61 Revisited« erschien, konnten die Fans das Lied im Stück hören. Für seine Plattenfirma war es die erste amerikanische Produktion, die sich qualitativ gegen die Invasion britischer Bands wie »The Beatles« und »The Rolling Stones« behaupten konnte. Der zornige, eigenwillige Text beeinflusste alles, was danach kam.

Marcus schildert, die politische Aufbruchstimmung, in der das Lied entstand. Er erzählt von den Vorläufern Dylans und seinen Epigonen. Vom Aufkommen der Bürgerrechtsbewegung, die Dylan zu einer ihrer Ikonen machte. Vom Widerwillen des Sängers, sich von seinen Bewunderern vereinnahmen zu lassen, und von seinen Kämpfen, die er bis heute mit seinem Publikum ausficht.

»Like A Rolling Stone« ist der einzige Song, den selbst Dylan nie wieder in den Griff bekam. Jener Tag im Schallplattenstudio war ein einmaliger Glücksfall, der sich nie wiederholen ließ. Auch andere Künstler versuchten sich an dem Lied, nur um sich die Zähne auszubeißen. Marcus Buch ist eine Liebeserklärung an die Zeit, in der das Lied entstand. Es ist eine Biografie Dylans und ein Abriss des modernen Amerikas. Die Fülle an Informationen und Einsichten ist verblüffend. Fast wünscht man sich, dabei gewesen zu sein. Zumindest ist man froh, dass er dabei war, um davon zu berichten.

Die deutsche Ausgabe von »Like A Rolling Stone« ist zwar erstklassig übersetzt, die englische Ausgabe jedoch ist hübscher.

Greil Marcus: Like a Rolling Stone – Bob Dylan at the Crossroads | Englisch
Faber & Faber 2006 | 304 Seiten | amazon-info

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