George Sand: Sie und Er»Die Nachwelt wird unsere Namen wiederholen wie die jener unsterblichen Liebespaare, die zusammen nur noch einen Namen haben, wie Romeo und Julia, Heloїse und Abaelard; nie wird man von dem einen sprechen, ohne den anderen zu nennen.« (Alfred de Musset)

Sie trug Männerhosen und verwendete das männliche Pseudonym »George Sand« für ihre Publikationen. Die im Jahre 1804 als Amantine-Lucile-Aurore Dupin geborene Schriftstellerin war die berühmteste ihrer Zeit. Neben ca. 100 Romanen hinterließ die Vielschreiberin unfassbare 40.000 Briefe, darunter Korrespondenzen mit wichtigen Künstlern wie Gustave Flaubert, Franz List, Frédéric Chopin und natürlich Alfred de Musset.

Ihre dramatische Beziehung zu letzterem beschreibt sie in ihrem berühmten Roman »Sie und Er«. Ein Buch, das beinahe vergessen und Ende letzten Jahres im Rahmen der »ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher« wieder aufgelegt wurde. Unter dem Originaltitel »Elle et Lui« 1859 erschienen, löste es in Frankreich einen Skandal aus.

Aus einem harmlosen Briefwechsel zwischen der angesehenen Pariser Malerin Thérèse Jacques und dem noch unbekannten, temperamentvollen und deutlich jüngeren Künstler Laurent de Fauvel entwickelt sich eine leidenschaftliche, aber auch von Hass erfüllte und eifersuchtsvolle Liebesbeziehung.

Bei aller Anlehnung an die historische Realität gerät der Leser mitten im hochromantischen 19. Jahrhundert zwischen die Fronten einer On-Off-Beziehung, deren zeitlichen Bezug man nur scheinbar am Rande wahrnimmt. Der sehr Ich-Bezogene Laurent schafft es immer wieder, das Herz der erwachseneren, gefühlvolleren Thérèse zu erobern. Dabei siegt oftmals das Verlangen gegenüber ihrem klaren Urteilsvermögen, sei es in der Pariser Gesellschaft, während ihren abenteuerlichen nächtlichen Ausflügen oder gar auf der gemeinsamen Reise nach Italien. Gerade haben sie sich zu ihrer Liebe bekannt, beginnt sich Laurent zu langweilen, wünscht Abstand oder vergeht geradezu vor Eifersucht.

Dies führt insgesamt drei Mal zur Trennung und endet schließlich im »Adieu für immer!«. Jedes Mal ist Thérèse zwischen Einsicht und Gefühl hin- und hergerissen; kaum hat sie sich wieder auf Laurent eingelassen, folgt sie ihren Fluchtimpulsen. Laurent geht es ähnlich. Zusätzlich befeuert der unbescholtene, fast bedeutungslos wirkende Dick Palmer die Emotionen. In ihrer tiefsten Krise sucht Thérèse bei ihm Trost, willigt sogar ein, Palmer zu heiraten.

Gespannt folgt der Leser der Berg- und Talbahn aus zahllosen Zweifeln und Bekenntnissen, Selbsttäuschungen und Wunschbildern. George Sand beschreibt ihr Beziehungsdrama haargenau und dringt dabei tief in psychologische Denkweisen ein. Präzise analysiert sie die Handlungsmuster ihrer Protagonisten, lange vor der Erfindung der Paartherapie. Die Übersetzerin Liselotte Ronte trifft genau den Ton, die Tragik und zugleich auch die Komik der Situationen sichtbar zu machen. Der Leser fühlt sich trotz Gefühlschaos gut unterhalten, bekommt er doch dank Sands feinfühliger Stilistik hier und da ganz sanft einen Spiegel vorgehalten.

Insofern hat Alfred de Musset Recht behalten: Wann immer der Leser in Zukunft von einer On-Off-Beziehung hören, lesen oder sie gar selbst erfährt, werden Thérèse und Laurent in sein Gedächtnis zurückkehren.

George Sand: Sie und Er
Eder & Bach 2015 | 224 Seiten | Jetzt bestellen

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