Friederike Schmöe: SchweigfeinstillEr war immer sehr nett. Also, am Anfang.

Zwei Mädchen vom Land wollen aus der bayerischen Provinz ausbrechen. Um ein Leben in der Großstadt München finanzieren zu können, bewerben sie sich auf einen Aufruf im Internet: »Frauen für Film gesucht«. Wie diese Geschichte endet, oder zumindest in einem Krimi enden muss, erzählt Friederike Schmöe in »Schweigfeinstill«, wobei sie das gesamte voyeuristisch-erotische Schock- und Gruselpotenzial ausspielt, das so ein Stoff hergibt.

Ihren Anfang nimmt die Geschichte allerdings bei der professionellen Ghostwriterin Kea Laverde, die gerade an der Biographie eines Aphasikers arbeitet, Andy Steinfelder, der nach einem Schlaganfall kaum noch sprechen kann. Dass es irgendjemanden nicht recht wäre, wenn sie dieses Projekt zu Ende brächte, merkt sie sehr schnell daran, dass zuerst ein Einbrecher ihre Unterlagen und ihren Laptop stielt, jemand einen Stein durch ihr Fenster wirft, der sie auch hätte umbringen können, in ihre Autotür »letzte Warnung« ritzt und ihr schließlich einen Snuff-Movie aufs Handy schickt, in dem einer Gans der Hals umgedreht wird. Kea Laverde hat nämlich zwei Gänse am Haus, genannt Austerlitz und Waterloo, und sie wohnt völlig abseits auf dem Land, wo nicht einmal mehr die Straßen beleuchtet sind.

Kea Laverde behauptet von sich, dass Menschen sie faszinieren und sie ihren Beruf gewählt hat, weil sie neugierig ist »auf Abgründe, geheime Sehnsüchte und das kleine private Kraftwerk tief im Innern, das jeden von uns weitermachen ließ, egal wie viele Schläge wir auch einsteckten.« Entsprechend interessiert es sie, warum Frauen sich, scheinbar freiwillig, vor laufender Kamera sexuell missbrauchen und foltern lassen – eine Frage, die ihr, wie sie erkennt, am besten die Mädchen selbst beantworten können, die sie aber leider nicht einmal stellt.

Etwas dünn wirkt dann auch die Erklärung, zu der Laverde kommt, dass Menschen sich quälen lassen, wenn ihnen das richtige Maß an Selbstliebe abgeht, und die Erkenntnis, dass sie etwas mit den im Internet zu Tode gefolterten Mädchen gemeinsam hat, weil sie keinen Mann mehr an sich heranlässt. Die interessantere Parallelfigur zu den Mädchen ist da schon der ermittelnde Kommissar Nero Keller, der ebenfalls aus der Provinz ausbrechen und in der Großstadt leben will.

Ebenfalls nicht ganz überzeugt hat mich die Verbindung zwischen dem Handlungsstrang der Internetpornografie und dem mit Andy Steinfelders Geschichte, dessen Seelenleben doch recht klischeehaft bleibt und der bald aus dem Fokus gerät. Laverdes Tätigkeit als Ghostwriterin wirkt mehr wie ein Aufhänger. Auch Laverdes Vorgeschichte, die in Rückblicken häppchenweise enthüllt wird, funktioniert für mich nicht als Erklärung für ihre Motivationen. Wenn man über ein paar Schwächen und Klischees hinweg sieht, ist »Schweigfeinstill« trotz allem ein ganz nettes Lesevergnügen.

Friederike Schmöe: Schweigfeinstill | Deutsch
Gmeiner 2009 | 371 Seiten | amazon-info

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