Ford Madox Ford: Die allertraurigste GeschichteEine Handvoll Leute machen sich gegenseitig das Leben zur Hölle – und das völlig grundlos. »Die allertraurigste Geschichte« spielt ganz am Anfang des 20. Jahrhunderts in einer Welt, die typisch viktorianisch ist: Sex wird nie erwähnt, aber hinter der Fassade geht es um wenig anderes. Die Protagonisten sind ein britisches und ein amerikanisches Ehepaar. Die Ehe zwischen dem englischen Großgrundbesitzer und Offizier Edward Ashburnham und Leonora, einer irischen Katholikin, wurde von den Familien arrangiert. Wie es typisch im viktorianischen Roman ist, wissen die beiden nichts über Sex, als sie auf diese Weise zusammengeführt werden. Daraus entwickelt Edward sich zu einem treulosen Ehemann, der zahlreiche Affären hat, für die Leonora sich auf ihre eigene Art rächt.

Der Erzähler, John Dowell, ist mit Florence, einer reichen Erbin verheiratet, die ihm schon vor der Hochzeit klar zu verstehen gibt, dass es keinen Sex zwischen ihnen geben wird, weil sie ein Herzleiden habe. Das hält ihn nicht davon ab, sie zu heiraten, obwohl er behauptet, nicht auf ihr Geld aus zu sein. Um Florences Krankheit zu kurieren, begeben die beiden sich auf Kur ins deutsche Bad Nauheim, wo sie die Bekanntschaft der Ashburnhams machen. Was Florence ihrem Ehemann vor der Heirat ebenfalls klar zu verstehen gab, ist, dass sie in Europa auf einem englischen Landgut wohnen möchte. Kein Wunder, dass sie und Edward eine Affäre miteinander beginnen – und für keinen von beiden ist es der erste Seitensprung.

So weit, so banal. Das Interessante an »Die allertraurigste Geschichte« (im Original »The Good Soldier«) ist die Art, wie John Dowell, Florences Ehemann, die Ereignisse vermittelt. Er ist ein Paradebeispiel für den Typ des sogenannten unzuverlässigen Erzählers. Nach dem ersten Drittel des Romans meint der Leser zu wissen, welche Geschichte ihn erwartet und wie sie ungefähr ausgehen wird. Doch dann präsentiert Dowell nach und nach immer neue Einzelheiten, die sowohl die Geschehnisse als auch die Figuren mehrmals in ein ganz anderes Licht tauchen. Dowell selbst wechselt mehrfach die Ansicht über seine Bekannten – seine Gefühlsspanne für fast jeden von ihnen reicht von Hass bis Liebe. Der Erzähler macht aus diesem Roman ein Meisterwerk der literarischen Moderne.

Dowell ist darauf aus, die Sympathien des Leser auf seine Seite zu ziehen, und stellt sich als naiven, gutgläubigen Ehemann dar, der an das Herzleiden seiner Frau glaubte, alles für ihre Gesundheit tat und rein gar nichts von ihren Affären ahnte. Fast kommt er in seiner Unwissenheit komisch herüber. Seine Ehefrau charakterisiert er als billiges Flittchen, Edward als eine Art tragischen Held, der an dem Konflikt zwischen seiner Leidenschaftlichkeit und den gesellschaftlichen Konventionen zugrundegeht, während er aus Leonora mal einen Ausbund an Tugend, mal eine teuflische Tyrannin macht. Es bleibt dem Leser überlassen, aus den Einzelheiten und den Auslassungen zu schließen, ob Dowell nicht vielmehr ein manipulativer Egoist, eventuell sogar ein Mörder ist.

Man bekommt also in »Die allertraurigste Geschichte« in einem Buch mehr als eine Geschichte und kann endlos darüber diskutieren, was alles wirklich passiert sein könnte. Das liegt zum Teil auch daran, dass die Figuren stets alles daran setzen, um nach außen hin die Form zu wahren: Sie gehen stets als »ordentliche« Leute durch. Dowells sprunghafte Art zu erzählen bewirkt außerdem – wie es Klaus Harpprecht im Nachwort der neu erschienenen Ausgabe aus der Reihe der »Zeit-Bibliothek der verschwundenen Bücher« treffend beschreibt – dass der Leser bei jeder erneuten Lektüre des Romans einen ganz anderen Eindruck von der Geschichte und den Figuren bekommt. Das Buch ist also eine Anschaffung, die sich lohnt – auf jeden Fall für alle, die sich für die moralischen Wirren des spätviktorianischen Englands interessieren, für den typischen England-Amerika-Konflikt, wie er auch in den Romanen von Henry James thematisiert wird, und die den literarischen Impressionismus mit seinen ständig wechselnden Perspektiven mögen, wie ihn Joseph Conrad perfektioniert hat.

Ford Madox Ford: Die allertraurigste Geschichte | Deutsch von Fritz Lorch und Helene Henze
Eder & Bach 2015 | 224 Seiten | Jetzt bestellen

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