Eric Pfeil: Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den SchneeWenn mir jemand ein Buch schenkt, »das mir ganz bestimmt gefallen wird«, bin ich zunächst einmal skeptisch. Gerade, wenn das Buch von einem Thema handelt, das höchst subjektiv ist. Über Musik zu schreiben ist so, als würde man über Malerei tanzen. Nur ganz wenige können so was. Zumal man ab einem gewissen Alter bei den meisten von uns das Interesse an der Musik nachlässt. Traurig eigentlich. Besonders, wenn man Musikjournalist ist, wie Eric Pfeil, und langsam auf die 40 zugeht. Ist es das Alter, oder wird die Musik einfach immer schlechter?, fragt sich der Midlifekrisen-Gebeutelte Pfeil. In seinem Fall ist die Frage essentiell.

Andere kaufen sich in altersbedingten Krisensituationen einen Porsche, Pfeil hingegen will »die Band für Afrika« wieder zusammenzubringen. Seine als FAZ-Blog erscheinenden Pop-Tagebücher handeln nicht nur von missratenen CDs, langweiligen Konzerten, seinen nervigen Nachbarn, der ominösen Exfreundin, die immer noch in seinem Hirn umhergeistert, und seinem Neffen, der auf Zuhältermusik steht. Es geht auch an die ganz großen (Geschmacks-)Fragen.

Pfeil ist eigentlich ein ganz Ruhiger; nur wenn er irgendwo James Blunt hört, den Schwarm aller gefrusteten Bürokauffrauen, geht es mit ihm durch. Die meiste Zeit hockt er jedoch friedlich an seinem PC und philosophiert über die wichtigen Dinge des Lebens. Über Bob Dylan zum Beispiel. Oder warum Adriano Celentano so einzigartig ist. Seltsam auch, wieso Pfeils erklärtes Idol Robyn Hitchcock nicht bekannter ist.

Die Musikgeschichte ist schon rätselhaft. Aber das macht das Buch auch so interessant. Das und die große Bandbreite, die Pfeil seiner Leserschaft zu bieten hat. Kein Zweifel: Die Musikszene braucht Eric Pfeil. Wer sonst würde sich Gedanken um die Gruppe »Manuel & Pony« machen, die mit dem »Lied von Manuel« 1979 die Charts der ZDF-Hitparade aufmischte?

Das ist auch das Gemeine, an Pfeils Buch: Das man bei der Lektüre immer wieder zu YouTube eilt, um obskure Songs, oder vergessene Musiker anzuhören. So neugierig macht er uns. Aber genau das sollte auch die Aufgabe eines guten Musikjournalisten sein.

Schön sind auch Pfeils Konzertberichte. Zum Beispiel, wenn er bei einem Auftritt von Mötley Crüe notiert: »Die Zeiten, in denen nicht ganz klar war, ob Mötley Crüe nun mehr von Koks, Heroin, Alkohol oder Haarspray abhängig sind, sind definitiv vorbei.« Sätze wie diesen muss man einfach lieben. Oder wenn er die Inszenierung eines »Take That« Konzerts mit einem »tanzenden H&M-Schaufenster von 2003« gleichsetzt. Dabei ist Pfeil nie elitär. Selbst Techno-Kasper H. P. Baxxter wird zumindest toleriert.

Doch Eric Pfeil ist natürlich auch Fan, besonders, wenn er von Bruce Springsteen und seiner E Street Band schwärmt und immer wieder von Robyn Hitchcock. Ob er Tom Jones interviewt oder Neuzugänge wie »Vampire Weekend« und »Bon Iver« beäugt – immer ist da die Begeisterung für sein selbst gewähltes Medium. Und die Angst, vielleicht eines Tages nicht mehr begeisterungsfähig zu sein. Das macht seinen Traumberuf manchmal zum Albtraum. Gerade diese Angst macht dieses Buch sympathisch, weil wir, was die Popkultur betrifft, alle irgendwann den Anschluss verlieren.

Eric Pfeil: Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee. Die Pop-Tagebücher | Deutsch
Kiepenheuer & Witsch 2010 | 368 Seiten | amazon-info

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