Elizabeth Ellen: Die letzte AmerikanerinIch hatte schlimme Dinge getan, aber nichts, was durch die Amputation eines Armes nicht überschattet worden wäre. Er war kein unvernünftiger Mensch. Es war nur wahrscheinlich, dass er genau wie ich auf so etwas wartete.

Elizabeth Ellen hat ihre Kurzgeschichten in den USA in renommierten Literaturmagazinen veröffentlicht und ist selbst Mitherausgeberin eines Literaturmagazins.

Der Band »Die letzte Amerikanerin« bietet laut Klappentext eine Auswahl ihrer besten Geschichten. Ellen scheint bei ihren Lesern recht extreme Reaktionen hervorzurufen: Einige hassen ihre Geschichten und lesen nie wieder eine, andere lesen sie schon seit Jahrzehnten und finden sie toll, hauptsächlich wohl wegen ihres künstlerischen Werts.

Inhaltlich geht es in allen Geschichten in diesem Band um selbstzerstörerische, gescheiterte Frauenfiguren, die sich am Rande der Normalität bewegen – oder auch schon jenseits davon. Mit schuld daran sind in einigen Geschichten erwartungsgemäß die männlichen Figuren, die die Frauen misshandeln oder bestenfalls ausnutzen, in erstaunlich vielen Fällen aber auch die eigenen Mütter.

Gewalt gegen andere und gegen sich selbst bestimmt die Lebenswelt dieser Figuren, oft gemischt mit Drogen und Sex, manchmal wirkt ihre Umwelt fast surreal. Liebe kommt eigentlich nur in Form von ungesunder und zerstörerischer Besessenheit vor. Die Mütter scheinen ihre Töchter durchweg damit zu traumatisieren, dass sie sich keinerlei Mühe geben, ihr Sexleben vor ihren Kindern zu verbergen.

Die ersten drei Geschichten, die fast die Hälfte des Buches ausmachen, werden aus der Sicht derselben Protagonistin erzählt. Ihre Mutter schläft im Nebenzimmer ihrer minderjährigen Tochter mit wechselnden Liebhabern, sodass diese es mithören kann. Die Tochter fühlt sich davon halb abgestoßen, halb erregt. Die Mutter schiebt ihre Tochter auf ein Internat ab, in dem sie mit den anderen Mädchen ruinöse erotische Beziehungen eingeht. Bei einem Aufenthalt beim Vater, über den man nicht viel erfährt, außer dass es die Mutter partout nicht mit ihm ausgehalten hat, bedrängt sie schließlich ihre Halbschwester sexuell.

Ein anderes Mädchen hat eine Liebesbeziehung mit ihrem Bruder und bildet sich ein, für seinen Tod verantwortlich zu sein. Die Frau der titelgebenden Geschichte amputiert sich selbst den Arm, als sie unter einem gefällten Baumstamm festliegt, als Selbstbestrafung und Botschaft für den Mann, der sie verlassen hat. Eine weitere Frau fantasiert sich eine Internetbeziehung mit einem prominenten Autor zusammen.

Ellen bewegt sich mit ihren Geschichten in der Tradition der amerikanischen Erzählliteratur, in der Brutalität und Hässlichkeit als Zeichen für die Realitätsnähe und Authentizität einer Geschichte gelten. Ob man ihre Geschichten mag oder nicht, hängt wahrscheinlich entsprechend stark davon ab, was für ein Wirklichkeitsbild man selbst hat. Passend dazu – und äußerst ungewöhnlich für die heutige Zeit – bildet der Umschlag die Autorin mit einer Zigarette in der Hand ab. Die Sprache ist klar und schnörkellos, gelegentliche Bilder sind verstörend, aber auch treffend. Sehr gelungen ist die Übersetzung.

Elizabeth Ellen: Die letzte Amerikanerin | Deutsch von Christoph Jehlicka
Schwarzkopf & Schwarzkopf 2014 | 240 Seiten | Jetzt bestellen

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