drudelVor einigen Wochen verschenkte ich ein Buch, das mir viel bedeutet. Es heißt »Alles kurz und klein« und wurde von Uli Becker geschrieben. Glücklicherweise konnte ich das Büchlein, nachdem ich mich schweren Herzens davon getrennt hatte, antiquarisch neu erwerben. Zu meiner Überraschung sogar mit festem Einband. Dabei hatte ich stets angenommen, die wunderbar pointierten Erinnerungen von Herrn Becker seien nur als Paperback-Ausgabe erhältlich.

Was lernen wir daraus? Man sollte öfter mal ein gutes Buch verschenken. Das nachbestellte Bändchen bekam jedenfalls gleich einen Ehrenplatz in meinem Regal: in einer Reihe mit anderen Büchern, die mir sehr viel bedeuten und von denen ich einige auf ähnlich kuriose Weise erhalten habe.

»Wassermusik« von T.C. Boyle zum Beispiel. Lange Zeit besaß ich von Boyles wortreicher Erzählung über den schottischen Entdeckungsreisenden Mungo Park nur eine Taschenbuchausgabe aus dem Rowohlt Verlag. Sie zeigt auf der Titelseite das pechschwarze Gesicht eines von Leni Riefenstahl fotografierten Nuba-Kriegers. Ein schönes Cover, aber – klare Sache – für mich zu wenig. Was ich wollte, war die gebundene Erstausgabe in deutscher Sprache, erschienen bei Rogner & Bernhard im Jahre 1989.

Bei den gebrauchten Büchern auf amazon.de wurde ich schnell fündig. Dort war ein Exemplar aus der deutschen Erstauflage noch zu bekommen, und zwar – man staune – zu einem Spottpreis, irgendwas um die acht Euro (inkl. Versand) sollte die Rarität kosten.

Aber warum so billig? Wahrscheinlich weil der Anbieter dachte, einer der Vorbesitzer hätte auf den Innenseiten des Buches mit einem Kugelschreiber herumgekritzelt, um zu testen, ob man damit noch schreiben konnte. Was der Buchverkäufer nicht wusste: Die Unterschrift von T.C. Boyle sieht genau so aus – wie ein Gekritzel, das zustande kommt, wenn man die Mine eines Stifts auf ihren noch vorhandenen Inhalt überprüft.

So einfach ist es also, eine signierte Erstausgabe von einem berühmten amerikanischen Schriftsteller zu erstehen. Als ich das Werk in meinem Briefkasten vorfand und den Buchdeckel aufschlug, bekam ich eine leise Ahnung von dem Gefühl, das der Archäologe Howard Carter gehabt haben muss, als er 1922 im Tal der Könige die Grabkammer Tutanchamuns öffnete.

Ein Erfolg wie dieser beflügelt natürlich die Sammelleidenschaft – und die Hoffnung, dass so etwas noch ein zweites Mal passieren wird. Vielleicht werde ich ja eines Tages meine ohnehin schon sehr ansehnliche Kollektion zu den Marx Brothers um ein einzigartiges Exemplar erweitern können.

Die Groucho-Marx-Biografie »Hello, I Must Be Going« von Charlotte Chandler kommt mir gerade in den Sinn. Denn darin befindet sich ein Drudel von Groucho. Das Bildchen stellt den Chef der Marx Brothers dar. In meine Taschenbuchausgabe aus der Heyne Filmbibliothek wurde es hineingedruckt.

Bestimmt hat der gute Groucho einst in eines seiner Bücher ein Drudel selbst hineingemalt. Und vielleicht wird ein solches Exemplar eines Tages ganz plötzlich für nur 3,50 Euro in einem staubigen Antiquariat einer niedersächsischen Kleinstadt auftauchen – so wie 1897 urplötzlich der so genannte Bombay-Brief mit den zwei roten Mauritius-Marken (heutiger Wert 1,8 Mio. Euro) auf einem indischen Basar zum Vorschein kam -, und das alles nur, weil jemand ein planloses Gekritzel nicht von einem Groucho-Drudel unterscheiden konnte.

Wenn es soweit ist, heißt es: sofort zugreifen!

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