Douglas Coupland: Alle Familien sind verkorkstJanet öffnete die Augen – Floridas prähistorisch gleißendes Licht blendete von draußen ins Motelfenster. Ein Hund bellte; ein Auto hupte; ein Mann sang einen Fetzen eines spanischen Liedes. Geistesabwesend berührte sie die Narbe, die die Kugel unter ihrem linken Rippenbogen hinterlassen hatte, eine Narbe, die knotig, unförmig und hart war wie ein Kaugummi, der unter einer Tischplatte klebt. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Fleisch so nichtssagend verheilen würde – Was habe ich erwartet, eine Narbe in Form der amerikanischen Flagge? Janets Stirn lief rot an. Meine Kinder – wo sind sie? Im Blitztempo ging sie die Aufenthaltsorte ihrer drei Kinder durch, ein Ritual, das sie seit Wades Geburt 1958 täglich vollzog.

Mutter Janet ruft ihre Familie in Florida zusammen, um den großen Erfolg im Leben ihrer Tochter Sarah zu feiern. So weit, so normal. Jetzt muss man natürlich wissen, dass Sarah Astronautin ist und als erster Contergan-geschädigter Mensch auf den Mond fliegt. Mutter Janet ist süchtig nach Tabletten und Internet-Pornografie, ihr Ex-Mann Ted ein reinrassiger Sadist mit einem sicheren Gespür für Probleme und zum Scheitern verurteilte Geschäfte. Sohn Wade ist ein ehemaliger Eishockey-Star, der an Aids leidet und mit einer bigotten Bibelgläubigen verheiratet ist. Sohn Bryan ist hochgradig suizidgefährdet und seine schwangere Freundin Shw (kein Tippfehler) plant ihr Baby sofort nach der Geburt zu verkaufen.

Wer Coupland nur als Chronist der »Generation X« kennt, hat hier die Gelegenheit einen gereiften Schriftsteller neu zu entdecken. Er schöpft aus den Vollen. Seine Protagonisten sind älter geworden und haben Probleme, gegen die die Slacker-Schicksale von früher nur albern und belanglos wirken. Eine Tragikomödie wie sie besser kaum sein könnte. Selten war das Personal eines Romans so von Medikamentenmissbrauch, Krankheiten, Neurosen und Schicksalsschlägen gebeutelt. Man möchte die Charaktere nicht im wirklichen Leben treffen, aber im Buch wachsen sie einem schnell ans Herz.

Im Kern ist es ein Familienroman. Aber einer solchen Familie ist man noch nicht begegnet. Die Bundys (Al und Ted) und die Simpsons erscheinen im direkten Vergleich wie Bilderbuchfamilien. Was zunächst klingt wie die Personalversammlung einer Freakshow, entpuppt sich nach wenigen Seiten als … naja, die Personalversammlung einer Freakshow. Wobei das absolut positiv gemeint ist. Natürlich ist es absurd, so eine Häufung von Einzelschicksalen innerhalb einer einzigen Familie zu finden, aber wenn man dies einmal geschluckt hat, kommen noch einige schwerer verdauliche Brocken. Beispiel gefällig? Der Vater erfährt, dass seine junge Geliebte mit seinem Aids-infizierten Sohn geschlafen hat und schießt auf ihn. Die Kugel durchdringt seinen Körper und trifft die Mutter, die durch das Blut an der Kugel ebenfalls mit Aids infiziert wird.

Die nachfolgende Reise der Familie quer durch Florida wird zum Horror-Trip. Amokläufer, Babyhändler und ein deutscher Pharma-Erbe, der die englische Königsfamilie aus Speichelresten klonen möchte, kreuzen ihren Weg. Immer wenn man denkt: Na, jetzt übertreibt der gute Mr. Coupland aber, kommt eine noch aberwitzigere Wendung um die Ecke gebogen. Ich weiß selbst nicht, welche Entwicklung unglaubwürdiger ist: dass es am Ende eine Begegnung der Dritten Art gibt oder dass diese Geschichte ein Happy-End hat. Aber das ist auch egal, denn der Autor gönnt dem Leser beides.

Douglas Coupland: Alle Familien sind verkorkst | Deutsch von Tina Hohl
Hoffmann und Campe 2002 | 335 Seiten | Jetzt bestellen

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