Don Winslow: Tage der TotenSie hält ihr totes Baby in den Armen.

Aus der Position der Leichen schließt Art Keller, dass die Mutter ihr Kind schützen wollte. Es muss ein Instinkt gewesen sein, denkt Keller, sie muss gewusst haben, dass sie die Kugeln einer Kalaschnikow nicht mit ihrem Körper aufhalten kann. Nicht aus dieser Entfernung. Trotzdem hat sie sich weggedreht, als sie erschossen wurde, und fiel auf ihren kleinen Sohn. Hat sie wirklich geglaubt, ihr Kind retten zu können? Vielleicht wollte sie ihm den Blick ins Mündungsfeuer ersparen, denkt Keller. Vielleicht sollte ihre mütterliche Brust sein letzter Eindruck von dieser Welt bleiben. Geborgen in Liebe.

Art Keller gelingt es als kleiner US-Drogenfahnder Zugang zur mexikanischen Drogenmafia zu bekommen und damit beginnt sein jahrzehntelanger Kampf gegen die Drogen und diejenigen, die sie produzieren und vertreiben. Doch für jeden Dealer, der gefasst wird, stehen in Mexiko und Südamerika Legionen als Nachrücker bereit. Aber auch auf amerikanischer Seite gibt es verschiedene Parteien, die völlig unterschiedliche Ziele haben. Kellers Erfolge gegen Drogen, Waffengeschäfte und Geldwäscherei stören auch die Interessen vieler Menschen in Washington.

Keller ist nur eine der Hauptfiguren in diesem gewaltigen Buch, die auf verschiedenen Seiten der Grenze und auf verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen. Es erzählt von skrupellosen Gewinnlern und unbeteiligten Opfern. Von karrierebesessenen Bürokraten, für die der war on drugs nur ein Mittel zum Zweck ist, rasch aufzusteigen. Von einem idealistischen Priester, der seinen politischen Einfluss nutzt, um den Armen und Hilflosen beizustehen. Von einem Callgirl, das sich plötzlich an der Seite eines verhassten Kartellchefs wiederfindet. Von einem irischen Kleinganoven, der zum Elitekiller aufsteigt.

Durch die zahlreichen Figuren, die zwar klischeehaft klingen, es aber niemals sind, gelingt es Don Winslow, alle Seiten und Perspektiven dieses Themas zu beleuchten. Er hat mehrere Jahre für dieses Buch recherchiert und geht zu den Ursprüngen des Drogenhandels zurück, zeigt die Strukturen und Mechanismen dieses Krieges auf und deckt damit auch die Aussichtslosigkeit dieses Kampfes auf.

Don Winslow ist für mich die Entdeckung dieses Jahres und ich habe inzwischen alles gelesen, was von ihm auf Deutsch erschienen ist. Jeder einzelne Roman war ein Vergnügen, »Zeit des Zorns« und »Kings of cool« gehören zu meinen Favoriten, aber dieses Buch ist sein Meisterwerk.

»Tage der Toten« nur einen Kriminalroman zu nennen, wird ihm nicht gerecht. Es ist ein 700-seitiges Epos, das den amerikanischen Krieg gegen die Drogen über einen Zeitraum von 25 Jahren beleuchtet. Unzählige Geschichten, eine Vielzahl eindrucksvoller Charaktere bis in die Nebenrollen hinein und ein nie abreißender Spannungsbogen. Besser und anregender kann ein Roman nicht sein.

Don Winslow: Tage der Toten | Deutsch von Chris Hirte
Suhrkamp 2012 (3. Auflage) | 689 Seiten | Jetzt bestellen

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