Dai Sijie: Muo und der Pirol im KäfigDem chinesischen Autor Dai Sijie gelang mit seinem ersten Roman »Balzac und die kleine chinesische Schneiderin« ein großer internationaler Erfolg, der in einer ebenso geglückten französisch-chinesischen Koproduktion verfilmt wurde.

Gleich nach dem Erscheinen seines zweiten Buches »Muo und der Pirol im Käfig« wurde Sijie mit dem renommierten französischen »Prix Femina« ausgezeichnet. Kein Wunder, schuf er doch mit der einprägsamen Hauptfigur Muo einen modernen Don Quichotte, dem man die absurdesten Abenteuer abnimmt, ohne an ihrer Glaubwürdigkeit zu zweifeln.

Sijies Sprache schöpft aus einem immensen Metaphernschatz, gespickt mit grotesken, ja bisweilen bösen Anspielungen auf die aktuellen Gegebenheiten im modernen China. Bis in die Übersetzungen des Titels reichen die sprachlichen Bilder und die sich daraus ableitenden Phantasien. Übersetzt man den französischen Originaltitel, lässt »Der Komplex von Di« und sein Verlangen nach einer Jungfrau an Parallelen zum Freudschen Ödipuskomplex denken. Der englische Titel »Mr. Muo’s Travelling Couch« lenkt das Augenmerk eher auf Muos bizarre und ungewöhnliche Reise, während der deutsche Titel auf den Pirol anspielt, der am Ende des Romans von dem Mädchen »Kleiner Weg« befreit wird und als poetisches Symbol für Muos Unternehmung steht.

Muo ist klein und wirkt mit seinem »mickrigen Körperbau, mit struppigsträhnigen Haaren und mit Glubschaugen« eher unansehnlich. Doch aus dem Studenten von einst ist ein »Xiansheng«, ein »Herr« geworden, der nun als einziger chinesischer Psychoanalytiker und Traumdeuter aus dem französischen Exil in seine Heimat zurückkehrt.

Reichlich Leidenschaft für Freud und Lacan trägt er in seinem Herzen, die während seines Auslandsstudiums entfacht wurde. Doch Meister Freuds Funken wollen nicht so recht überspringen auf die von Muo auserwählten Patienten. Ob er ein Hellseher sei, fragen ihn die Mädchen und Frauen, nach deren Träumen er forscht. Als spürten sie, dass er mit Hilfe seiner Traumdeutungen noch etwas Wichtigeres im Schilde führt: Muo will seine ehemalige Mitstudentin und große Liebe »Vulkan des alten Mondes« aus politischer Gefangenschaft befreien. Für sie hat er sogar seine eigene »Jungfräulichkeit« bewahrt. Einem Märchen gleich gesteht der Autor seinem Helden dafür drei Versuche zu.

Der erste führt ihn als »Irren« in eine psychiatrische Anstalt. Nach der zweiten Katastrophe erhält er die dritte Chance: dem zuständigen korrupten Richter Di zur »Steigerung seiner Lebensenergie« eine Jungfrau zu bringen. Die Suche nach dem unbefleckten Fräulein führt ihn nicht nur durch halb China, sondern öffnet ihm auch endlich die einzigartige Welt der Frauen mit all ihren skurrilen Verwicklungen.

Während seiner Odyssee entwickelt der egozentrische Seelendoktor eine bewundernswerte Geduld und Beharrlichkeit, denen auch ein unerwünschter wie unerwarteter Heiratsantrag, die »lästige« Umgarnung durch Prostituierte und der permanente Verlust seiner Habseligkeiten nichts anhaben kann.

Ein faszinierendes Buch voller Poesie und Romatik mit hohem Suchtfaktor!

Dai Sijie: Muo und der Pirol im Käfig | Deutsch von Giò Waeckerlin Induni
Piper 2005 (5. Auflage) | 400 Seiten | amazon-info

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Close