Christoph Niemann: SouvenirChristoph Niemann ist ein außergewöhnlicher Künstler, dessen Arbeiten ich auf einem außergewöhnlichen Wege kennenlernen durfte. 2008 veröffentlichte der Münchener Galerist Armin Abmeier in seiner Reihe »Die Tollen Hefte« eine weitere Kurzgeschichte von T.C. Boyle: »Windsbraut«. Ein Exemplar der limitierten Auflage ging von München ins kalifornische Santa Barbara, wo es von Boyle signiert wurde. Anschließend gelangte es auf dem Postweg über München zu mir nach Braunschweig.

Natürlich war ich begeistert, als ich das – im wahrsten Sinne des Wortes – tolle Heft nach seiner langen Reise endlich in meinen Händen hielt. Nicht nur wegen Boyles persönlicher Widmung, sondern auch, weil seine preisgekrönte Kurzgeschichte um eine tragische Liebe auf den Shetland Islands von Christoph Niemann illustriert worden ist. Seine Pixelgrafiken begeisterten mich auf Anhieb, weil es ihm mit einfachsten Mitteln gelang, die Geschichte auf eine einzigartig originelle Weise wiederzugeben.

Seither verfolge ich die Arbeiten von Christoph Niemann mit besonderer Aufmerksamkeit. Sie erscheinen regelmäßig auf den Titelseiten von The New Yorker, Atlantic Monthly und The New York Times Magazine. Aber auch auf seinen Social-Media-Seiten kann man seiner herausragenden Strichkunst folgen. Gern nimmt Niemann Gegenstände des Alltags zur Hand und gibt ihnen mit wenigen Tusche-Linien drumherum einen völlig neuen Sinn. So wird z. B. aus einer kleinen Muschel das wehende Haar einer ins Meer springenden jungen Frau, oder aber er macht aus zwei bunten Büroklammern widerspenstige Klappstühle am Strand.

Motive wie diese deuten es an: Christoph Niemann ist viel auf Reisen. Und gerade dann zeichnet er. Einerseits, um sich angesichts neuer aufregender Umgebungen zu beruhigen, andererseits, um Eindrücke festzuhalten, die mit der Kamera schwer einzufangen sind. Eine große Auswahl dieser Tusche- und Bleistiftzeichnungen hat der Schweizer Diogenes Verlag jetzt in einem prachtvollen Leinen-Kunstband veröffentlicht.

Auch hier lässt sich beobachten, wie der Künstler mit minimalistischem Einsatz äußerst stimmungsgeladene Bilder erzeugt. Betrachtet man nur den Ausschnitt einer seiner Illustrationen, sieht man grobe Linien, Kleckse und Punkte. Im Ganzen fügen sich diese Linien, Kleckse und Punkte jedoch zu einem beeindruckenden »Gemälde« zusammen, in dem kein wichtiges Detail zu fehlen scheint.

Wer bei der ersten Betrachtung der Illustrationen die Titel ignoriert, wird überrascht sein, wie schnell er die von Christoph Niemann porträtierten Orte erkennt und sich idealerweise mit seinen eigenen, ganz persönlichen Reiseerinnerungen darin wiederfindet. Diese fotografisch schwer konservierbaren Stimmungsbilder einzufangen, zu vermitteln oder auch wachzurütteln, ist Niemanns Anliegen.

Zählt man die Gestaltung einzelner Buchcover nicht mit, ist »Souvenir« die erste Zusammenarbeit von Christoph Niemann und dem Diogenes Verlag. Und hoffentlich nicht die letzte. Denn zu bemängeln gibt es an diesem wundervollen Kunstband eigentlich nur, dass mit den rund 150 ausgewählten Zeichnungen lediglich einen Ausschnitt von Niemanns vielseitiger Arbeit gezeigt wird.

Christoph Niemann: Souvenir | Mit einem Vorwort von Philipp Keel
Diogenes 2017 | 256 Seiten | amazon-info

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