Castle Freeman: Männer mit ErfahrungAls ich vergangenen Herbst bei einem Speed-Dating mit Schweizer Verlegern nach meinen literarischen Vorlieben gefragt worden bin, antwortete ich kurz und knapp: »Die Coen Brothers in Buchform. Wenn Sie so etwas haben, immer her damit!« Ein paar Wochen später lag »Männer mit Erfahrung« von Castle Freeman auf meinem Bücherstapel. Nachdem ich diesen kleinen wundervollen Roman nun endlich gelesen habe, kann ich sagen: Volltreffer!

Lilian, eine junge Frau mit beeindruckend langem Haar, sucht eines frühen Morgens Sheriff Wingate auf und bittet ihn um Hilfe. Sie fühlt sich von einer zwielichtigen Person namens Blackway bedroht. Er lauere ihr ständig auf, berichtet sie nüchtern, und habe ihrer Katze Annabelle bereits die Kehle durchgeschnitten. Belegen kann sie die Tat nicht.

Der Sheriff reagiert zurückhaltend. Ohne konkrete Beweise könne er nichts unternehmen, sagt er, und schickt sie zur Dead River Stuhlfabrik, wo ein Club alter kauziger Männer unter Führung von Whizzer (benannt nach dem Rollstuhl, in dem er seit einem tragischen Holzfäller-Unfall sitzt) die Zeit totschlägt. Vielleicht könne man ihr dort helfen, erklärt der Sheriff.

In der Dead River Stuhlfabrik ist Blackway als ungemütlicher Zeitgenosse bestens bekannt. Ohne zu zögern stellt man Lilian dort zwei Männer zur Seite: zum einen den betagten, aber erfahrenen Lester, zum anderen den hünenhaften, allerdings schwer unterbelichteten Nate the Great. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Blackway, um ihn zur Rede zu stellen und um zu tun, was getan werden muss.

Es sind recht fragwürdige Personen, denen sie auf ihrem Weg begegnen, und mitunter auch ziemlich fragwürdige Örtlichkeiten, die sie aufsuchen. Wie zum Beispiel das Fort Bob:

Das Fort war nicht die Art von Bar, wo ein frommer Mormone oder Moslem ein Glas Wasser bekommen hätte. Es war nicht die Art von Bar, wo man sich auf dem Weg nach Hause einen Feierabenddrink genehmigte. Es war eher die Art von Bar, wo man sich viele Drinks auf dem Weg zur Arbeit genehmigte, wo man bald darauf gefeuert wurde und den ganzen Tag im Fort verbringen konnte.

Wie die vielleicht etwas zu kurz geratene Geschichte von Castle Freeman ausgeht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Als Fazit lässt sich feststellen: Sie strotzt nicht gerade vor Komplexität, sondern ist schlicht heruntererzählt, was das Lesevergnügen aber in keiner Weise schmälert.

Spaß machen vor allem die witzigen, auf das Nötigste reduzierten Dialoge. Zusammen mit den hinterwäldlerischen Figuren und den entlegenen Schauplätzen erinnern sie in der Tat – wie beim Speed-Dating gewünscht – an die Coen Brothers, oder genauer gesagt: an die von ihnen produzierte Serie »Fargo«, nur eben mit deutlich weniger Leichen.

Und okay, die Geschichte spielt nicht im winterlichen Minnesota, sondern im sommerlichen Vermont. Doch so weit liegen diese beiden US-Bundesstaaten ja nicht auseinander. Die Atmosphäre in »Männer mit Erfahrung« kommt der in »Fargo« jedenfalls sehr nahe. Gute Unterhaltung ist also garantiert.

Im Original (»Go With Me«) erschien das Buch bereits 2008. In der gelungenen Übersetzung von Dirk van Gunsteren (u.a. Übersetzer von T.C.Boyle, Thomas Pynchon, Philip Roth) ist es seit Anfang 2016 erhältlich.

Castle Freeman: Männer mit Erfahrung | Deutsch von Dirk van Gunsteren
Nagel & Kimche 2016 | 176 Seiten | amazon-info

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Close