Buck Brannaman: Pferde, mein LebenWenn man auf einer Ranch aufwächst, gibt es anscheinend nur zwei Möglichkeiten: Entweder du gehst weg und hoffst, im ganzen Leben nie wieder eine Kuh oder ein Pferd zu sehen, oder du versuchst für den Rest deines Lebens, deine eigene Ranch zu bekommen.

Für Buck Brannaman, einen der Pioniere, die in den USA für einen gewaltfreien Umgang mit Pferden eintraten und Nicholas Evans als Vorbild für seinen Roman »Der Pferdeflüsterer« dienten, kam natürlich nur die zweite Möglichkeit in Frage. Und dennoch verlief seine Lebensgeschichte, die er in dem Buch »Pferde, mein Leben« auf die für einen amerikanischen story-teller typische lockere Art zum Besten gibt, alles andere als geradlinig: In seiner Kindheit wurde er von seinem Vater einerseits mit zielloser Brutalität misshandelt und andererseits, ganz ähnlich wie Mozart, als Wunderkind vermarktet, nur dass er nicht mit verbundenen Augen Klavier spielen, sondern Lasso werfen musste. Einen gewissen Grad an Berühmtheit – es kam bis zu Auftritten in Fernsehwerbespots – erlangte Brannaman also sogar schon in seinen jüngsten Jahren. Doch mit seiner Karriere als trick roper war es erst einmal vorbei, als seine Mutter starb und die Misshandlung durch seinen Vater so sehr zunahm, dass Schule und Polizei einschritten und Buck und sein älterer Bruder bei einer Pflegefamilie untergebracht wurden.

Man kann sich entsprechend vorstellen, wie schlimm es den beiden Brannaman-Brüdern ergangen sein muss, wenn es sogar in den USA, in denen staatliche Einmischung in familiäre Angelegenheiten traditionell tabu ist, dazu kam, und in der Tat erschien es Buck in seiner Kindheit oft unwahrscheinlich, dass er sie überhaupt überleben würde. Umso erstaunlicher ist es, wie sein weiteres Leben verlief, in dem er, der sich stets als den einfachen Cowboy aus Montana bezeichnet, eines Tages sogar Prinz Charles persönlich die Hand schütteln durfte. Und es ist genau dieser unerschütterliche, typisch amerikanische Optimismus, nach dem man sein eigenes Schicksal selbst in der Hand hat, sich aus eigener Kraft von der Vergangenheit befreien und die Zukunft gestalten kann, der diesen Erzähler so sympathisch und bewundernswert macht:

Kleine Kinder haben wenig Einfluss auf das, was mit ihnen geschieht. Als Erwachsene haben sie jedoch Gelegenheit, eins und eins zusammenzuzählen und Selbstsicherheit zu entwickeln. Wahrscheinlich haben viele von Ihnen einen dunklen Fleck in der Vergangenheit. Vielleicht hat man Sie misshandelt oder verlassen, aber wenn Ihnen später diese Erfahrung als Ausrede für irgendwelche Unzulänglichkeiten dient, dann haben Sie einen Fehler gemacht und ein paar Gelegenheiten versäumt.

Dabei ist seine Kindheit bei weitem nicht das einzige Unglück, dass er in seinem Leben erfährt. Das Buch ist voll von Geschichten, die den Leser, meisterhaft erzählt, zum Lachen, zum Weinen, zum Nachdenken und zum Mitfühlen bringen. Stets betont Brannaman, dass man als Mensch die Verantwortung für sein Leben selbst übernehmen muss, was Pferde natürlich nicht können.

Brannaman, der sein Leben lang vorwiegend mit misshandelten, traumatisierten Pferden gearbeitet hat und es als seine Lebensaufgabe sieht, sie zu »resozialisieren« und ihnen den Glauben ans Leben zurückzugeben, beweist, wie wichtig Disziplin und Regeln gerade für diese Art Pferd und Mensch ist, dass nichts tun oder falsch verstandene Liebe, die diesen Wesen zum Ausgleich alles durchgehen lassen will, die Situation für sie nur noch schlimmer macht. Dabei scheint er immer bereit, mehr von sich zu fordern als von anderen, schätzt sich als Glückpilz ein und macht anderen – Menschen wie Pferden – stets Zugeständnisse auf Grund negativer Erfahrungen in ihrer Vergangenheit. So tritt er allen Menschen und Pferden wohlwollend gegenüber und bringt sogar Verständnis für seinen Vater auf und zum Beispiel für dieses Pferd aus einem seiner Kurse:

Als ich ihn anführen wollte, sah das für ihn wohl aus wie etwas, was die anderen, die ihn gequält hatten, mit ihm gemacht hatten. Ich fürchte, ich habe nicht genug aufgepasst. Das Pferd stieg, schlug mit den Vorderbeinen nach mir und traf mich so, dass ich zu Boden ging. Ich lag zwischen seinen Vorderbeinen, und dann beugte er sich hinunter und fing an zu beißen.

Ich rollte mich zu einer Kugel zusammen und versuchte, mich möglichst nicht zu bewegen. Ein paar meiner Freunde sahen zu und erzählten mir später, sie hätten angefangen, sich Sorgen zu machen. Hätte ausgesehen, als ob ich in Schwierigkeiten wäre, sagten sie, und sie hätten überlegt, ob sie über den Zaun springen und das Pferd wegtreiben sollten. Ich erinnere mich, dass ich zu diesem Zeitpunkt zu ihnen hingesehen und gedacht hatte: »Wie schlimm muss es denn noch werden, Jungs?«

Humor, Großzügigkeit, Rücksicht und Bescheidenheit – das ist der Eindruck, den man von Brannaman beim Lesen bekommt. Trotz zahlreicher unschöner Erlebnisse, in denen er auf unverständige Menschen traf und Pferden nicht helfen, sie nicht retten und vor Grausamkeit bewahren konnte – und es ist schier unglaublich, was manche Menschen Pferden aus Ignoranz oder willkürlicher Grausamkeit ungestraft antun – verliert er nie den Mut und gibt nicht auf. Er sieht es als seine Mission an, Pferden und Menschen, die unglücklich sind, zu helfen, und reist deshalb um die ganze Welt. Schon oft hat er wohl das Leben von Menschen und ihren Pferden verändert, und man kann nur hoffen, dass er auch in Zukunft noch viel Gelegenheit dazu haben wird – eine inspirierende, zugleich unterhaltsame und spannende Biographie, nicht nur für Pferdefreunde.

Buck Brannaman: Pferde, mein Leben | Deutsch von Sigrid Eicher
Kosmos 2008 | 239 Seiten | Jetzt bestellen

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