Bob Dylan: Chronicles Vol. 1Zufälle gibt’s! Neulich nahm ich nach längerer Zeit Bob Dylans Autobiografie »Chronicles« zur Hand, um ein wenig darin herumzublättern. Zwei Tage später lese ich, dass er seinen 70. Geburtstag feiert. Das ist ein Zeichen, denke ich mir, denn schon nach der ersten Lektüre hatte ich vor, ein paar Zeilen darüber zu schreiben.

»Chronicles« ist in mehrererlei Hinsicht ungewöhnlich. Anders als seine Kollegen klappert Dylan in seinem Buch nicht die Marksteine seiner Erfolge ab, noch arbeitet er die Liste der Berühmtheiten, die er im Laufe seines Lebens getroffen hat, durch. Auch auf deftige Bettgeschichten wartet man vergebens. Doch vielleicht überrascht uns Mr. Zimmerman damit in den beiden ausstehenden Bänden dieser Trilogie.

Statt mit sensationellen Enthüllungen wartet die Ikone mit der Schilderung seines Lebens als junger Folksänger in New York auf. Ganz unspektakulär, aber gerade deshalb authentisch wie nie. Das Greenwich Village von 1960 war ein magischer Ort. Eine Oase der Nonkonfirmität, an dem sich die Sonderlinge, die brotlosen Künstler und die Außenseiter zusammenfanden – unbehelligt vom konservativen Amerika der ausgehenden Eisenhower-Ära.

Dylan beschreibt das Leben in den Clubs und die farbenfrohen Charaktere, die sie bevölkerten, voller Zuneigung und Wärme. Diese Warmherzigkeit hätte man ihm nie zugetraut. Selbst Randfiguren werden liebevoll charakterisiert. Er ist ein aufmerksamer Beobachter, dem kein Detail entgeht. Gerade die frühen Sechziger waren eine Zeit, in der die Gesellschaft im Umbruch war, und Dylan befand sich genau im Zentrum des Geschehens – jedoch ohne es zu wollen. Immer wieder beteuert er, dass er nur Musik machen wollte und keine Politik.

Schon nach wenigen Seiten glaubt man ihm das aufs Wort. Voller Enthusiasmus schreibt er über die Lieder und die Menschen, die ihn prägten. Bisweilen sogar mit Anflügen von Poesie. Über die erste Begegnung mit seiner großen Liebe Suze Rotolo zum Beispiel:

Sie hatte goldenes Haar und eine helle Haut und war eine heißblütige Italienerin. Plötzlich erfüllte der Duft von Bananenblättern die Luft. Wir kamen ins Gespräch, und in meinem Kopf drehte sich alles. Cupidos Pfeil war schon oft an meinem Ohr vorbeigezischt, doch diesmal traf er mich ins Herz, und das Gewicht zog mich über die Reling.

Es war eine Zeit der selbstgezimmerten Möbel, der langen Fußmärsche im Winter und vor allem der Suche nach der eigenen Identität, die wohl kaum jemand so systematisch betrieb wie Dylan. Der Wille, sich als Künstler durchzusetzen, war bei ihm überdurchschnittlich stark, anders als bei seinen Zeitgenossen, die oft in den Tag hineinlebten.

Die Faszination von »Chronicles« liegt in den Gegensätzen. Unvermittelt wechselt Dylan in die Zeit nach dem Durchbruch, in der er vor seinen Fans flüchtet und das Spektakel um ihm herum nicht mehr ertragen kann. Der Ruhm, der ein paar Seiten vorher so erstrebenswert schien, ist nun Ballast, der den Weg in die Zukunft versperrt. Vom einstigen Optimismus ist nichts geblieben. Das Kapitel, das die Aufnahme seiner Platte »Oh Mercy« schildert und ihn auf dem Tiefpunkt seiner Karriere zeigt, schlägt die Brücke zum modernen Dylan, der sich seit nunmehr zwei Jahrzehnten auf seiner »Never ending Tour« befindet.

Dylan war stets diskret. So diskret, dass die Presse erst Jahre später Wind von seiner Ehe zu einer Backgroundsängerin erfuhr, mit der er immerhin eine Tochter hat. Auch in seiner Biografie erfährt man wenig aus seinem engeren Umfeld. Doch das macht nichts. In spröden Sätzen lässt er den jungen, enthusiastischen Folksänger der Sechziger ebenso lebendig werden wie die müde ausgebrannte Ikone der Achtziger.

Daneben hagelt es Weisheiten wie: »Es ist im Leben oft nicht wichtig, ob man bekommt, was man sich wünscht.« Ob der Leser so etwas weise findet oder nur einfältig, bleibt ihm selbst überlassen.

»Chronicles« ist eine der unterhaltsamsten Autobiografien, die ich gelesen habe. Natürlich haben findige Dylanologen längst herausgefunden, dass manches in diesem Buch erfunden ist. Einige Bücher zum Beispiel, die Dylan vorgibt gelesen zu haben. Sei’s drum. Wie hieß es so schön bei John Ford: »Wenn die Legende zur Wahrheit wird, druck die Legende!«

Bob Dylan: Chronicles Vol. 1 | Deutsch von Kathrin Passig und Gerhard Henschel
Kiepenheuer & Witsch 2008 | 320 Seiten | amazon-info

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