rettichAls ich über Ostern meinen Keller ausräumte, entdeckte ich eine Karte, die ich im Juli 2004 vom Kinderbuchillustrator Rolf Rettich erhalten hatte. Ein paar Wochen zuvor war gerade »Das Astrid Lindgren Lexikon« erschienen.

Ein halbes Jahr vorher saßen meine Co-Autorin und ich auf dem Sofa des großen Mannes, tranken Tee, knabberten Selbstgebackenes und lauschten seinen Geschichten. Hinter uns bedeckte eine riesige Ahnengalerie die ganze Wand. Die Katze des Meisters war gerade krank, was dazu führte, dass er an jenem Nachmittag etwas neben der Spur war.

Dass Rolf Rettich zu den ganz Großen gehörte, wurde uns schon bei unseren Recherchen klar. Als Astrid Lindgrens »Michel«-Bücher ins Deutsche übertragen wurden, war er es, der die Aufgabe erhielt, den Querulanten aus Lönneberga ins Bild zu setzen. Und auch bei der Gesamtausgabe von »Pippi Langstrumpf« verlieh ihr Rettich ein zeitgemäßeres Aussehen.

Rettichs moderner Stil war in den 60ern geradezu sensationell. James Krüss, Astrid Lindgren, Michael Ende und Christine Nöstlinger – alle Kinderbuchautoren von Rang und Namen arbeiteten irgendwann mit ihm zusammen. Fast jedes Kind kannte seine Illustrationen. Auch in meinem Regal stand ein Band mit orientalischen Märchen, die farbenfroh von ihm illustriert waren. Als Kind war es eines meiner Lieblingsbücher.

Da der Oetinger Verlag gerne Treffen seiner Künstler forcierte, entstand eine Freundschaft zwischen dem Ehepaar Rettich und Astrid Lindgren. Rettich erzählte von einer nächtlichen Kutschfahrt im Schnee, bei der sie sich kennenlernten. Doch die Freundschaft wurde arg strapaziert, als Lindgren durchsetzte, dass bei einer Neuauflage der Michel-Bände die Illustrationen Rettichs gegen die ihres Landsmannes Björn Berg ausgetauscht wurden, dessen Zeichenstil ihr passender erschien. Doch das wussten wir damals nicht, als wir unseren Interviewtermin machten. Daher waren wir etwas verwundert, als Rettich die Rolle »Frau Lindgrens« in seiner Karriere herunterspielte und verdächtig wenig über sie zu sagen hatte.

»Die schlimmste Form der Eitelkeit ist die Bescheidenheit«, sagte Oscar Wilde einmal. Dieses Zitat traf gerade auf Rettich zu. Mit jedem Satz spürte man den Stolz auf das Erreichte, die eiserne Disziplin, die ihn auch im fortgeschrittenem Alter an den Zeichentisch trieb und ein wenig die Verachtung für eine junge Generation von Künstlern, die seine Arbeitsmoral nicht teilte.

Als wir gingen, forderte er mich auf, ihn im Sommer zu besuchen. Es war keine bloße Höflichkeitsfloskel. Doch Rettich suchte keinen Gesprächspartner, sondern einen Stichwortgeber. Dazu war mir jedoch die eigene Eitelkeit im Wege. Dann, fünf Jahre später, las ich in der Zeitung, dass Rettich gestorben war.

Damals, während unseres Besuches, wirkte er für seine 74 Jahre sehr dynamisch. Er nahm sich viel Zeit für uns und war in bester Plauderlaune (die Berufskrankheit all jener, die den ganzen Tag einsam an einem Zeichentisch mit sich allein sind). Er hatte eigentlich alles erreicht, trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass er ohne seine Arbeit ein verdammt leeres Leben führte. Wahrscheinlich ist es die große Kunst, bei der Kunst, auch ein Leben jenseits der Kunst zu führen.

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