Alex Capus: Fast ein bißchen FrühlingUnd ist es so unverständlich, dass das Leben anderer nicht mehr so schwer wiegt, wenn man sein eigenes waghalsig aufs Spiel setzt?

»Fast ein bißchen Frühling« beruht auf einer wahren Begebenheit: Im November 1933 überfallen zwei arbeitslose, 23-jährige Männer eine Bank in Stuttgart. Sie fliehen nach Basel und wollen eigentlich nach Indien weiter, um auf der Plantage eines Verwandten zu arbeiten. Dann verlieben sie sich jedoch in Basel in die Kaufhausangestellte Viktoria Schupp, genannt Dorly. Sie bleiben in Basel und überfallen weitere Banken, bis sie auf der Flucht vor der Polizei Ende Januar 1934 Selbstmord begehen.

Alex Capus‘ Art, diese Geschichte als mit Zeitungsberichten und Polizeiprotokollen gespickten Roman zu erzählen, lässt zwei Sichtweisen auf die Figuren entstehen, die sich auf faszinierende Art die Waage halten und den Leser etwas ratlos zurücklassen. Velte und Sandweg sind natürlich einerseits Mörder und Verbrecher. Andererseits sind sie Gegner des Naziregimes und erinnern ein bisschen an Schillers Räuber.

Sie begehen ihre Banküberfälle zu einer Zeit, als die Arbeitslosigkeit bei 40 Prozent liegt und freie Arbeitsplätze für NSDAP-Mitglieder reserviert sind. Velte lehnt die Bitte seiner Mutter, sich eine Arbeit zu suchen, mit der Begründung ab, dass er die Nazi-Verbrecher nicht unterstützen will. Bei einem ihrer Banküberfälle erschießen sie einen SA-Mann, und auch einige andere ihrer Opfer schildert Capus auf eine Weise, die den Eindruck weckt, es sei nicht besonders schade um sie.

Velte und Sandweg sehen ihre Verbrechen selbst als aktiven Widerstand gegen die Nationalsozialisten und eine weltweit insgesamt unfreie, ungerechte, trost- und perspektivlose Gesellschaftsordnung, die sie zwingt, ihr »feines Gewissen zu ersticken«, wenn sie überleben wollen, wie Velte es formuliert. Sie sehen keine Fluchtmöglichkeit außer den Tod und sind von Anfang an ein wenig suizidal.

Dazu kommt, dass sie nie viel Geld erbeuten und zumindest ihren ersten Mord nicht mit Absicht begehen, sondern eher, weil sie sich ungeschickt anstellen. Außerdem zeigen die beiden sich sowohl in ihrer engen Zweierfreundschaft als auch im Umgang mit Dorly und ihrer Freundin als liebevoll, charmant, anspruchslos und ehrlich. Zusätzlich streut Capus gezielt wiederholt Hinweise auf Parallelen zu Bonnie und Clyde ein, ein weiteres meist ambivalent rezipiertes Verbrecherpärchen.

Um Dorly wiedersehen zu können, bestellen Velte und Sandweg jeden Tag eine Schallplatte, die nicht vorrätig ist, damit sie sie am nächsten Tag abholen können. Dorly geht jeden Abend mit ihnen spazieren, ist aber nicht an einem Liebesverhältnis interessiert. Nachdem sie mit einem Mann verheiratet war, der sie jahrelang wegen seiner Impotenz verprügelt hatte, hat sie mit Männern abgeschlossen.

Dorly weiß nichts von der dunklen Seite von Velte und Sandweg. Als sie von ihren Verbrechen erfährt, ändert das auch nicht viel an ihrer Sympathie für die beiden. Trotzdem hilft sie in ihrer geraden Art der Polizei, indem sie Velte und Sandweg verrät: eine Entscheidung, die sie scheinbar ohne zu zögern und ohne Reue trifft. Und doch verschwindet sie nach dem Tod der beiden aus Basel.

Der im Augenblick gefangenen Liebe zwischen Dorly und den beiden Bankräubern steht die ganz von Plan und Zukunft bestimmte Beziehung von Dorlys Freundin Marie Stifter gegenüber, die auch die Großmutter des Erzählers ist. Als Tochter einer der zwei reichsten Bauernfamilien eines Orts im Basler Hinterland ist sie von klein auf ihrem Ehemann bestimmt, dem Sohn einer gleichrangigen Familie aus dem gleichen Ort, namens Ernst Walder. Sie scheint auch nicht viel dagegen zu haben, stört sich aber daran, dass ihr zukünftiger Mann sich nie um sie bemüht, wohl weil er ihre zukünftige Ehe als abgemachte Sache sieht.

Marie begleitet anfangs Dorly auf ihren Spaziergängen mit Sandweg und Velte, unterlässt es aber, als Ernst ihr droht, dass sie dadurch ihr Ehe-Arrangement aufs Spiel setzt. Capus lässt allerdings keinen Zweifel daran, dass diese Entscheidung Maries und das Verbrecherpaar Zeit ihres Lebens zwischen Marie und ihrem Ehemann stehen und ihnen das Leben zur Hölle machen.

Alex Capus: Fast ein bißchen Frühling | Deutsch
dtv 2004 | 160 Seiten | amazon-info

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