Alberto Moravia: Die Gleichgültigen»Ich mag meine Bücher nicht. Sie enthalten nichts Neues für mich, andere dagegen sind manchmal voller netter Überraschungen.« (Alberto Moravia)

Die Romane und Erzählungen des italienischen Autors Alberto Moravia waren Bestseller und wurden schon früh von italienischen Regisseuren verfilmt, darunter Luigi Zampa, Vittorio de Sica oder Bernardo Bertolucci. 1988 nahm sich Doris Dörrie der Neuverfilmung von »Ich und Er« an. Moravia prägte gemeinsam mit Fellini, Antonioni und Pasolini die Kultur Italiens der Nachkriegszeit und beeinflusste auch Europa. Seine Bücher landeten regelmäßig auf dem Index des Vatikan, weil ihre bürgerliche Moral den Bogen der gepredigten Verträglichkeit weit überspannte. Seit seinem Tod 1990 ist es still geworden um Moravias Werke. Die ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher hat sich deswegen seines Debüt-Romans »Die Gleichgültigen« angenommen und es im vergangenen Jahr in der gleichnamigen Reihe neu herausgebracht.

Moravias Erstling erschien 1929. Hier thematisiert er den Lebensüberdruss des bürgerlichen Alltags mit solch faszinierendem Ton, dass der Leser von Beginn an Langeweile und Gleichgültigkeit empfindet und doch von der Handlung nicht mehr loslassen kann. Vergeblich ersehnt man über die gesamte Buchlänge den befreienden Schuss …

Mariagrazia hat seit fünfzehn Jahren einen Liebhaber. Doch wer in diesem Verhältnis die Leidenschaft sucht, wird arg enttäuscht. Ihr fehlen Mut und Ausstrahlungskraft, um das Feuer wieder zum Lodern zu bringen. Mariagrazia verdächtigt Leo des Betrugs. Sie nörgelt tagein tagaus, terrorisiert ihre Kinder Carla und Michele sowie ihre Freundin Lisa mit ihrer schlechten Laune und Eifersucht.

Leo Merumeci hat seine Geliebte in der Hand, weil er auf ihre Villa und den schönen großen Park eine Hypothek hat und es der Familie finanziell schlecht geht. Mariagrazia möchte davon nichts wissen, sondern würdevoll und mit bürgerlichem Luxus leben. Sich selbst täuschend verfolgt sie ihre Freundin Lisa, die sie als Leos Liebhaberin abgelöst hat. Gefangen im Netz von Lisas vermeintlichen Intrigen sieht sie nicht, was vor ihren Augen geschieht: der stets präsente Hausgast Leo hat es auf ihre Tochter Carla abgesehen. Die gibt sich zwar seinen Avancen hin, möchte jedoch damit das Kartenhaus aus Lügen, Heuchelei und Illusionen zum Einsturz bringen. Nur so glaubt sie dem deprimierenden Überdruss entfliehen zu können. Ihr Bruder Michel durchschaut zwar alle Intrigen, verharrt jedoch in seiner Lethargie. Um sich gegen die Machenschaften der familiären Abgründe zu wehren, fehlt ihm jeglicher Antrieb zu Zorn, Hass oder Wut. Auch beim Showdown zwischen ihm und seinem Widersacher Leo.

Moravia beschreibt die Gleichgültigkeit des Bürgertums, als schaue man einen ganzen Film in Zeitlupe. Jede Handlung wirkt gebremst. Wo jede Aktion von Unaufrichtigkeit und Mutlosigkeit erstickt wird, ist kein Leben möglich. Festgefahrene Rituale erhalten die bürgerliche Fassade aufrecht wie in den vordergründig herausgeputzten Potemkinschen Dörfern. Übersetzer Tobias Eisermann findet eine eingängige Sprache für die entmutigende Selbstzerfleischung dieser Familie. Eine psychologische Charakterstudie, die den Menschen in seiner Mittelmäßigkeit allein gelassen zeigt und dem Leser bewusst macht, dass die Freiheit zur Selbstbestimmung das höchste Gut ist.

Alberto Moravia: Die Gleichgültigen | Deutsch von Tobias Eisermann
Eder & Bach 2015 | 350 Seiten | Jetzt bestellen

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